GastbeitragWas Turnaround-Manager von Trainern lernen können

Erfolgreiches Comeback: Innerhalb weniger Monate führte Trainer Hansi Flick (l.) den FC Bayern aus einer Krise zum Erfolg in der Champions League im August 2020IMAGO / Philippe Ruiz

Turbulente Zeiten wie wir sie dieser Tage erleben setzen die Notwendigkeit von Turnarounds in Unternehmen zunehmend auf die Tagesordnung. Manche Unternehmen müssen vor dem finanziellen Ruin durch die Corona-Krise gerettet werden (Lufthansa), viele benötigen eine digitale Transformation zur Erschließung neuer Geschäftsmodelle (Volkswagen) oder eine Kurskorrektur trotz profitabler Ergebnisse (SAP).

Wenn neue Führungskräfte in Krisenzeiten an Bord geholt werden, ist meist nur eines gewiss – die Hoffnung auf eine baldige Kehrtwende. Im Sturm das Ruder rumzureißen, stellt Führungskräfte nicht nur in der Wirtschaft vor große Herausforderungen. Im kurzlebigen Sportbusiness ist die Erwartungshaltung insbesondere an Trainer, in Krisenzeiten einen schnellen Turnaround einzuleiten, besonders ausgeprägt. Trainer entscheiden über Strategie und Taktik, sie bestimmen die Rollen und Verantwortlichkeiten im Team und führen die meist divers zusammen gestellten Spielerkader.

Die unmittelbar messbaren Ergebnisse im Sport machen Trainer in den Augen von Millionen zum personifizierten Erfolgsfaktor – Woche für Woche. Nicht verwunderlich ist es daher, dass die durchschnittliche Halbwertzeit von Bundesliga-Trainern nur etwa einem Fünftel der Verweildauer von Führungskräften in MDAX- und DAX-Unternehmen entspricht. Gleichzeitig nimmt der Druck auf Führungskräfte stetig zu und führte in den vergangenen Jahren zu einem Anstieg der CEO-Wechsel um 40 Prozent.

Führung in einer Krise zu übernehmen, erfordert zügiges Handeln, um Kurskorrekturen vorzunehmen oder ganz neue Gewässer zu erschließen. Neue Führungskräfte versuchen oft, mit schnellen Maßnahmen eine Wandeldynamik zu erzeugen, indem sie Mitarbeiter ersetzen, ein neues Team aufbauen und Verantwortlichkeiten anpassen. Das Signal ist eindeutig – steht das bisherige Team schließlich für die Zeit des Niedergangs.

Zusammen mit Boris Groysberg von der Harvard Business School haben wir in einer aktuellen Analyse das Verhalten von Trainern in der Fußball-Bundesliga untersucht, die während einer laufenden Saison als Krisenmanager eingesetzt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht immer große Veränderungen notwendig sind, um den Erfolg zurück zu bringen. Der jüngste Champions-League-Sieg des FC Bayern München unter Hans-Dieter „Hansi“ Flick veranschaulicht diese Lektion eindrucksvoll.

Verzicht auf große Umbauten

Mit der Klub-Weltmeisterschaft der Fifa in Doha geht die unglaubliche Saison 2019/2020 des FC Bayern jetzt in die Verlängerung. Zum Abschluss der mit Rekorden, Bestmarken und Titeln gespickten Saison will sich die Mannshaft um Weltfußballer Robert Lewandowski und Welttorhüter Manuel Neuer zum zweiten Mal nach 2013 mit der WM-Krone im Klubfußball krönen. Blickt man auf das erfolgreichste Jahr des deutschen Rekordmeisters zurück, erscheint dies fast schon surreal. Als Flick den miserabel in die Saison gestarteten FC Bayern nach der bitteren 1:5-Niederlage in Frankfurt am zehnten Spieltag im November 2019 als Cheftrainer übernahm, hatte dieser genau das verloren, wofür er nun steht wie kein anderer deutscher Fußballclub: Erfolg.

Die wundersame Wende des FC Bayern ist eng mit Hansi Flick verbunden. Doch was ist das Geheimnis von Flicks Leadership?

Trotz des enormen öffentlichen Drucks, die Leistung des Teams sofort zu verbessern, setzte Flick auf Kontinuität. So verzichtete er bewusst auf die üblichen Umbauten, die neu eingesetzte Bundesliga-Trainer zur Bewältigung einer Krisensituation vornehmen. Bei seinem Antritt in München nahm Hansi Flick kaum personelle Änderungen im Trainerstab oder in der Mannschaft vor und verzichtete auf die bei anderen Trainern übliche Rochade der zuvor eingesetzten Spieler. Ebenso vertraute er bei der seiner Aufholjagd in der Bundesliga und dem anschließenden Triumphzug in der Champions League weitgehend auf Änderungen in der Spielstrategie und taktischen Grundausrichtung.

Neue Trainer verändern häufig das Mannschaftsgefüge. Sie tauschen insbesondere etablierte Spieler aus, die im Zusammenhang mit dem Misserfolg stehen. Flick dagegen vertraute auf die erfahrenen Spieler mit ausgeprägter Kenntnis der Abläufe im und starker Identifikation mit dem Verein, um die Mannschaft zu führen. Mit Thomas Müller und David Alaba setzte Flick auf zwei sich in Formkrisen befindende Bayern-Legenden, obwohl sie sinnbildlich die vorherige Ergebniskrise verkörperten.

Was Führungskräfte von Hansi Flick lernen können, ist die Erkenntnis, dass auch erfolgreiche Kehrtwenden gelingen können, wenn der Krisenmanager wenig verändert. Führungswechsel führen zunächst zu Unsicherheit. In einer Krisensituation sollte jedoch nicht alles und jeder in Frage gestellt, sondern vielmehr eine Atmosphäre des Vertrauens und der Zuversicht erzeugt werden. Turnaround bedeutet keinen Zwang zu radikalem Wandel. Es geht vielmehr darum, die Krisensituation unvoreingenommen zu analysieren und mit kleinen Anpassungen zu starten, anstatt sofort einen radikalen Personal- oder Strategiewechsel einzuleiten.

Nur die Teamleistung zählt

Unter Ergebnisdruck ist es oft naheliegend bisherige Mitarbeiter als Vertreter für blockierte Veränderungen zu identifizieren. Es erfordert deshalb Mut, den derzeitigen Mitarbeitern unabhängig von den vorausgegangenen Ereignissen einen Vertrauensvorschuss zu geben. Denn gerade in Krisensituationen ist es wichtig, die Besonderheiten eines Unternehmens zu kennen, um mit Präzision und Weitsicht handeln zu können.

In herausfordernden Zeiten zählt nur die Teamleistung. Eine enge Einbindung der Mitarbeiter in den Entscheidungsprozess ist wichtig, um einen gemeinsamen Turnaround zu erreichen. Teammitglieder sollten Gelegenheit bekommen, individuelle Verantwortung zu übernehmen. Sie sollten das Gefühl haben, dass sie etwas bewirken können. Am Ende wird das Team die Arbeit (auf dem Spielfeld) machen und nicht der Krisenmanager.

Krisen führen oft dazu, dass Schuldzuweisungen und Verstimmungen an die Stelle von Unterstützung und Solidarität im Unternehmen treten. Teams können jedoch nur durch effektive Zusammenarbeit erfolgreich sein. Krisenmanager müssen Schuldzuweisungen durch Dialog ersetzen. Um aus Einzelkämpfern eine schlagkräftige Mannschaft zu formen, sollten sie jedem Teammitglied die Bedeutung seiner Rolle vermitteln und seinen Beitrag zum großen Ganzen verdeutlichen. Am Ende müssen Krisenmanager die komplexe Aufgabe meistern, persönliche Interessen für die gemeinsame Sache zurückzustellen und eine Siegermentalität im Team zu erzeugen. Gelingt dies in schwierigen Zeiten, steht der Rückkehr zum Erfolg und dem nächsten Höhenflug wenig im Weg.

 


Sascha L. Schmidt ist Seniorprofessor und Leiter des Center for Sports and Management an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Sebastian Flegr ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Sports and Management an der WHU. Ihr Beitrag basiert auf den Ergebnissen einer Studie mit Boris Groysberg von der Harvard Business School: „How ‚Small C‘ Change Can Beat Large-Scale Rebuilding“.