Interview „Die Fußballwelt geht durch Corona nicht unter“

Michael Meeske ist Geschäftsführer der VW-Tochter VfL Wolfsburg
Michael Meeske ist Geschäftsführer der VW-Tochter VfL Wolfsburg
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Im Interview erklärt Wolfsburgs Geschäftsführer Michael Meeske, warum die Pandemie die Fußball-Bundesliga weniger hart trifft als befürchtet, welche Bedeutung Investoren in der Krise haben – und warum die Liga trotzdem in Klimaschutz investieren muss

Capital: Als erster Proficlub aus einer der großen europäischen Fußballligen ist der VfL Wolfsburg der Deklaration „Sports for Climate Action“ der Vereinten Nationen beigetreten. Welche Verpflichtungen im Klimaschutz haben Sie unterschrieben?

Michael Meeske: Ausgangspunkt ist das Ziel, die Klimaerwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten. Das ist ambitioniert und damit sind wir im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen. Übersetzt für uns bedeutet das, dass wir jedes Jahr 6,45 Prozent unserer CO2-Emissionen einsparen müssen, um bis 2030 auf eine Gesamtreduktion von 55 Prozent zu kommen. Den Rest werden wir kompensieren. Dabei geht es nicht nur um unseren CO2-Ausstoß, sondern auch um den unserer Fans, wenn sie zu den Spielen an- und abreisen.

Wo fallen bei einem Bundesligisten die Emissionen an?

Unsere Emissionen werden insbesondere durch die Fanmobilität getrieben. Beim VfL Wolfsburg machen die CO2-Emissionen, die von den Fans bei der Anreise ins Stadion verursacht werden, knapp 60 Prozent des gesamten Ausstoßes aus. Weitere knapp 20 Prozent entfallen auf den Bereich Heizen, also etwa die Rasenheizung in unserem Stadion. Die Reisen unserer Mannschaft und Geschäftsreisen der Mitarbeiter machen sechs Prozent aus. Hinzu kommen kleinere Posten wie die Anfahrten unserer Mitarbeiter ins Büro, die Herstellung unserer Merchandising-Produkte und das Catering.

Wie lassen sich diese Posten reduzieren? Wenn Sie in der Europa League antreten, kann die Mannschaft ja nicht mit dem Fahrrad fahren...

Das stimmt, bei einem Bundesligaclub gibt es tatsächlich bestimmte Grenzen. Dennoch sind wir überzeugt, dass sich beim Klimaschutz jeder Schritt lohnt. Da hat der Profifußball mit seiner gesellschaftlichen Bedeutung eine wichtige Vorbildfunktion.

Michael Meeske ist seit 2018 Geschäftsführer der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH. Zuvor war er im Management von Hannover 96, dem FC St. Pauli und dem 1. FC Nürnberg tätig
Michael Meeske ist seit 2018 Geschäftsführer der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH. Zuvor war er im Management von Hannover 96, dem FC St. Pauli und dem 1. FC Nürnberg tätig, Foto: VfL Wolfsburg
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Wie können Sie die CO2-Emissionen der Fans reduzieren – außer indem Ihr Gesellschafter Volkswagen Dauerkartenbesitzern Elektroautos zur Verfügung stellt?

(lacht) Das können Sie ja mal VW vorschlagen... Spaß beiseite, dabei geht es zum einen um Anreize, auf klimaschonende Verkehrsmittel umzusteigen, etwa durch bevorzugte Parkplätze und Lademöglichkeiten für E-Autos. Das kann an einem Standort wie Wolfsburg, wo auch viele unserer Stadionbesucher mit dem Unternehmen Volkswagen in Verbindung stehen, vermutlich schneller gehen als an anderen Bundesligastandorten. Zum anderen geht es um die Kompensation von Emissionen. Zur neuen Saison führen wir zum Beispiel ein Klimaticket ein, bei dem die Fans einen leichten Aufschlag zahlen, mit dem dann Klimaschutzprojekte finanziert werden – ähnlich wie bei der Kompensation von CO2-Emissionen bei Flügen.

Vergangenes Jahr hat der frühere DFL-Chef Andreas Rettig vorgeschlagen, konkrete Verpflichtungen beim Klimaschutz auch zum Bestandteil des Lizenzierungsverfahrens für die 36 Proficlubs zu machen. Was halten Sie davon?

Ob ein regulatorischer Rahmen wie das Lizenzierungsverfahren der DFL das richtige Vehikel ist, um den Klimaschutz in unserer Branche voran zu bringen, kann ich nicht abschließend beurteilen. Aber klar ist auf jeden Fall, dass die Protagonisten der Vereine, wir alle, das Thema ernster nehmen müssen. Trotz der Corona-Krise haben alle Profivereine ausreichend Geld, um zumindest in gewisse Klimaschutzmaßnahmen zu investieren und die berühmten ersten Schritte zu machen.

Wir sehen schon bei den Ablösesummen und Spielergehältern, dass sich der Markt anpasst
Michael Meeske

Stichwort Corona: Zu Beginn der Pandemie kursierten Horrorzahlen, dass bis zu einem Drittel der 36 Proficlubs in die Insolvenz gehen könnte, falls die Liga in einen längeren Shutdown gehen müsse. Bis heute spielen noch alle Clubs, wenn auch ohne Zuschauer und Ticketerlöse. Wie hart trifft die Pandemie die Branche?

Die Lage ist natürlich schwierig, weil wir seit Monaten keine Ticketerlöse generieren. In der ersten Liga fehlt dadurch in dieser Saison eine halbe Milliarde Euro. Auch die Einnahmen von regionalen Sponsoren, die in den Stadien präsent sind, sind zumindest fraglich, weil keine Zuschauer bei den Spielen sind. Dabei geht es in der ersten Bundesliga um einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. Und drittens hat sich durch Corona der Transfermarkt deutlich abgekühlt, was die Einnahmen aus Transfers drückt. Auf der anderen Seite fallen an manchen Stellen wie bei der Stadionsicherheit oder beim Catering aber auch geringere Kosten an. Und die Abkühlung des Transfermarkts führt bei den Clubs auch zu geringeren Ausgaben. Ich schätze die Ausfälle daher unter dem Strich zumindest geringer ein als manche Summen, die zu Beginn der Pandemie kursierten. Wir reden vermutlich über 300, 400 Mio. Euro pro Saison.

Das ist ja keine kleine Summe...

Natürlich ist das spürbar. Aber bei einem Gesamtumsatz von zuletzt knapp 5 Mrd. Euro in der ersten und zweiten Liga geht davon auch die Fußballwelt nicht unter. Wir können erste Tendenzen sehen, dass sich der Markt schon anpasst, etwa bei den Spieler- und Trainergehältern oder den Ablösesummen – ähnlich wie Anfang der 2000er-Jahre nach der Kirch-Pleite. Es wird wahrscheinlich noch ein paar Jahre dauern, bis wir wieder das vorherige Niveau in der gesamten Breite erreichen – aber es wird kommen.

Aber für einzelne Clubs kann es trotzdem eng werden – vor allem für jene, die schon vor Corona über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Wer vorbelastet ist, wird durch die Krise natürlich umso härter getroffen. Dann können auch fünf oder zehn Prozent Mindereinnahmen richtig weh tun.

Als hundertprozentige Tochter des Volkswagen-Konzerns muss sich der VfL Wolfsburg vermutlich weniger Sorgen machen als andere Bundesligisten, die mit hohen Schulden zu kämpfen haben. Wie kräftig müssen Sie sparen?

Im Volkswagen-Konzern gibt es seit dem Frühjahr einen Investitionsstopp, abgesehen von bestimmten Schlüsselbereichen. Diese Entscheidung gilt auch für uns. Zudem haben wir für die aktuelle Saison Einsparpotenziale realisiert, beispielsweise im Marketingetat, bei Beratungsdienstleistungen oder Bauprojekten. Auch wenn es dabei nicht um außergewöhnliche Summen geht, reden wir hier aber sicherlich auch über einige Millionen Euro. Unsere Planungen basieren generell auf den langfristigen Zusagen, die unser Gesellschafter gemacht hat, und das weiß Volkswagen auch. Aber natürlich sehen wir auch die Herausforderungen solcher Sondersituationen und versuchen, bestmöglich flexibel zu agieren.

Ist es für einen Bundesligisten in einer Krise wie jetzt ein Vorteil, einen finanzstarken Konzern als Alleingesellschafter zu haben?

Eindeutig ja. Teil eines starken Konzernverbunds zu sein, gibt uns in dieser Ausnahmesituation Stabilität und eine gewisse Sicherheit. Natürlich geht die Corona-Krise auch an Volkswagen nicht spurlos vorbei, aber trotzdem zeigt der Konzern eine beeindruckende Stabilität. In der Welt des Fußballs, die ohnehin sehr schnelllebig ist, ist das ein großer Vorteil.

Die Traditionsclubs haben einen großen Teil ihres Vermögens geerbt
Michael Meeske

Kann die Corona-Krise also dazu führen, die Konflikte zwischen den sogenannten Konzernclubs und den Traditionsvereinen zu verschärfen?

In dieser Diskussion kommt mir eine Sache zu kurz: Als Konzerntochter können wir in der Krise wiederum einige Vorteile nicht nutzen, die Traditionsvereinen zur Verfügung stehen. Zum Beispiel konnten meine Kollegen an anderen Standorten mit einem hohen emotionalen Identifikationspotenzial an die Fans appellieren, auf die Rückerstattung von Tickets zu verzichten und damit an den Verein zu spenden. Insbesondere dort, wo eine Notlage plausibel gemacht werden kann, hat das wohl auch ganz gut funktioniert, wie man hört. Diese emotionale Kraft haben wir nicht. Als Tochter eines Konzerns können wir unsere Fans daher auch nicht so einfach bitten, ihre Tickets zu spenden. Zur Wahrheit in der Debatte um Konzern- und Traditionsvereine gehört daher auch: Die Traditionsclubs haben einen großen Teil ihres Vermögens geerbt – nämlich durch eine Fanbasis, die von Generation zu Generation die wirtschaftliche Grundlage der Vereine darstellt. Und dass ein geerbtes Vermögen gerechter ist als das Geld, das von Gesellschaftern zur Verfügung gestellt wird, bezweifele ich stark.

Erwarten Sie, dass der wirtschaftliche Druck durch die Krise dazu führt, dass andere Vereine Anteile an Investoren verkaufen müssen?

Ich denke schon, dass einige Vereine versuchen werden, Partner zu finden, die sich als Minderheitsgesellschafter beteiligen.

Vor der Corona-Krise haben einige Großvereine stark in die Internationalisierung investiert, um neue Erlösquellen zu erschließen. Auch der VfL Wolfsburg ist an der Seite von VW stark in China engagiert. Müssen Sie da jetzt auf die Bremse treten?

Wir haben seit mehreren Jahren Mitarbeiter vor Ort in Peking, die als Ansprechpartner für unsere chinesischen Sponsoren dienen, neue Partner akquirieren oder z. B. den chinesischen Verband CFA bei der Ausbildung von Trainern unterstützen. Vor allem Anfang 2020 waren die Auswirkungen der Pandemie in China für uns natürlich elementar, weil die Kontakt- und Reisemöglichkeiten stark eingeschränkt waren. Wir waren seitdem nicht mehr in China persönlich vor Ort, was aufgrund der häufig persönlichen Komponente schon nachteilig ist. Unter dem Strich sind wir aber mit einem blauen Auge davongekommen, sind jedoch auch nicht gewachsen.

Täuscht der Eindruck, dass sich der China-Hype in der Bundesliga gelegt hat?

Nein, das deckt sich auch mit meinem Eindruck. Das kann vielleicht daran liegen, dass vor einigen Jahren viele Clubs einfach losgelaufen sind, um Kooperationen zu vereinbaren und Büros aufzubauen – darunter auch solche, die nicht zu den führenden Vereinen in Europa zählen. Aber wer nicht in der Champions League oder zumindest dauerhaft international spielt, der hat es schwer, unter dem chinesischen Publikum ein Grundrauschen zu erzeugen. Das haben inzwischen auch einige Clubs gelernt, weshalb das Interesse aus meiner Sicht etwas abkühlt. Wir als VfL Wolfsburg haben dagegen den Vorteil, dass wir im Ausland auch von der Zugkraft von VW profitieren. Der Status als Konzernclub, der uns im nationalen Markt bei den meisten Fans als Nachteil ausgelegt wird, wird in den Emerging Markets des Fußballs wie China und den USA eher positiv gesehen. Dort finden es viele spannend, dass ein großer Konzern, der als relevante Marke wahrgenommen wird, auch einen Fußballclub unterhält.

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