KolumneDie Achillesferse der BASF

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

16 Prozent mehr Umsatz, 42 Prozent mehr Betriebsgewinn, deutlich erhöhte Ziele für das Gesamtjahr 2021: Was die BASF SE bei der Präsentation ihrer Zahlen für das erste Quartal dieses Jahres zu verkünden hatte, kann sich wahrlich sehen lassen. Taucht man tiefer in den Geschäftsbericht ein, zeigt sich allerdings: Der größte deutsche Chemiekonzern verdankt seinen Erfolg letztlich einem einzigen Markt. Beispiel Umsatz: In Europa stieg die Verkäufe im Vergleich zum Vorjahresquartal um gerade einmal 3 Prozent und in Nordamerika um 4 Prozent, in Hongkong, Taiwan und der Volksrepublik China dagegen zusammen um satte 43 Prozent.

Das boomende China-Geschäft rettet also die ansonsten eher unterdurchschnittliche Performance des Konzerns. Kurz- und mittelfristig kann sich BASF auch darauf verlassen, dass es so weiter geht. Der Konzern investiert gegenwärtig die große Summe von 8 Mrd. Euro in den Bau eines neuen großen Chemiestandorts in der Südprovinz Guangdong. BASF-Chef Martin Brudermüller, der viele Jahre vom Dienstsitz Hongkong aus das Asien-Geschäft des Konzerns steuerte, ist ein ausgesprochener China-Fan. Vielleicht fehlt ihm deshalb das Stück Distanz, dass ein Vorstandsvorsitzender gegenüber allen Geschäftsfeldern zeigen sollte.

Die Staatsführung bevorzugt einheimische Konzerne

Langfristig könnte sich die Volksrepublik als gefährliche Achillesferse des Konzerns erweisen. Die Nachfrage nach chemischen Produkten dürfte in China zwar weiter steigen. Aber auch die Konkurrenz im Land wächst stetig. Und die chinesische Staatsführung bevorzugt in diesem strategischen Sektor immer stärker die eigenen Staatskonzerne. In der Weltrangliste der Chemieunternehmen liegt die chinesische Sinopec nur noch eine Handbreit hinter der BASF SE. Die China Chemical National Corporation hat sich durch die Übernahme von Syngenta vor fünf Jahren auf den globalen Platz eins bei Saatgut und Agrarchemie katapultiert.

Im neusten Fünfjahresplan sprechen die Verantwortlichen in Peking bereits von „ernsthaften Überkapazitäten“ bei einigen Basischemikalien. Sie wollen deshalb den Übergang zu höherwertigen Produkten forcieren. Die BASF SE aber setzt in China weiterhin auf das „Verbundsystem“, wie man es vom Stammsitz Ludwigshafen seit Jahrzehnten kennt. Das dürfte in China in den nächsten Jahren für Kopfschmerzen sorgen.

Politische Risiken für die BASF

Hinzu kommt: Ähnlich wie die deutschen Autokonzerne macht sich auch BASF in China maximal politisch erpressbar durch die einseitige Abhängigkeit von diesem Markt. In der Volksrepublik gilt unter Xi Jinping wieder das alte Mao-Motto: „Die Politik muss in allem das Kommando behalten.“ China tritt nach außen immer aggressiver auf und zögert nicht, Konzerne aus dem Ausland für das Verhalten ihrer jeweiligen Regierungen zu „bestrafen“. Jede Kritik gilt als Angriff auf das ganze Regime, wie der jetzige Streit um die schweren Menschenrechtsverletzungen in der chinesischen Provinz Xinjiang zeigt.

In den nächsten Jahren dürften deutsche Konzerne öfter zwischen die Fronten geraten, weil sich die China-Politik der EU-Staaten neu orientiert und stärker als früher bereit ist, auch Konflikte in Kauf zu nehmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel scheute bis zuletzt jeden offenen Streit mit China, wie ihr jüngstes Online-Treffen mit Xi Jinping zeigt. Wer immer Merkel nach der Bundestagswahl im Herbst folgt, dürfte härter auftreten als sie. Die deutschen Konzerne sollten es einkalkulieren.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.