KolumneDer überfällige Plan B der Bayer AG

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Wenn Konzerne in den Tageszeitungen flächendeckend Anzeigen mit wortreichen Erklärungen schalten, dann steht ihnen meistens das Wasser bis zum Halse. So auch im Fall der gebeutelten Bayer AG, die seit der Übernahme von Monsanto in der Dauerkrise steckt. Unter der Überschrift „Wir haben zugehört. Und verstanden“ veröffentlichte der Konzern am letzten Freitag im „Handelsblatt“ und in der „FAZ“ eine längere Epistel zum Streitthema Glyphosat. Lässt man die konzerntypische Bekenntnisprosa („Nachhaltigkeit und Unternehmenserfolg sind für uns zwei Seiten derselben Medaille“) beiseite, dann bleiben unterm Strich einige erstaunliche Aussagen übrig.

Erstens erlaubt sich Bayer erstmals einen Hauch von Kritik an seinem „Totalherbizid“ Glyphosat, das „in einigen Regionen zu Unkrautresistenzen“ beigetragen habe und „in manchen Fällen auch zu unbeabsichtigten Fehlanwendungen“. Zweitens will der Konzern in den nächsten zehn Jahren rund 5 Mrd. Euro investieren, um Alternativen zu Glyphosat zu entwickeln. Drittens aber – und da beginnt der große Widerspruch der ganzen Erklärung – noch viele Jahre weiter Glyphosat verkaufen. Das Mittel werde weiterhin eine „große Rolle“ in der globalen Landwirtschaft spielen. Deshalb will der Konzern in der EU sogar eine Verlängerung der Genehmigungen für Glyphosat durchsetzen.

Der seit Wochen bedrängte Bayer-Chef Werner Baumann reagiert mit der halben Wende auf die Forderungen nach einem „Plan B“, die unter Investoren und auch im Aufsichtsrat zuletzt immer lauter wurden. Spätestens seit der Hauptversammlung im Mai, auf der eine Mehrheit des vertretenen Aktienkapitals eine Entlastung Baumanns ablehnte, wurde der Druck immer stärker. Ein einfaches Weiter-so war keine Option mehr, so sehr sich der Vorstand auch auf diese Linie festgelegt hatte.

Eine echte Wende?

Mit einer „Erweiterung“ seiner bisherigen Unternehmensrichtlinien will die Bayer AG zugleich die wachsende öffentliche Kritik an den brachialen Monsanto-Methoden der Vergangenheit abbiegen. Man wolle Wissenschaftlern, Journalisten, Beamten und Politikern künftig mit mehr „Offenheit, Integrität und Respekt“ begegnen. Der Vorstandschef reagiert damit vor allem auf den Skandal um die „Kritikerlisten“, auf denen Monsanto missliebige Glyphosat-Gegner erfasst und zur PR-mäßigen Bearbeitung freigegeben hatte. Die Distanzierung käme allerdings sehr viel glaubwürdiger herüber, wenn sie sich nicht nur auf allgemeine Absichtserklärungen für die Zukunft beziehen würde, sondern auf eine konkrete Abrechnung mit den Methoden der Vergangenheit. Bisher hat die Bayer AG ihr Versprechen, alle betroffenen Glyphosat-Gegner kurzfristig über die gespeicherten Personendaten zu informieren, nicht eingelöst.

In einigen Monaten wird man sehen, ob die Erklärung aus der letzten Woche der Beginn einer wirklichen Wende war – oder nur ein abermaliger Versuch, das Desaster der Monsanto-Übernahme durch eine geschickte Öffentlichkeitsarbeit weg zu interpretieren. Die entscheidende Schlacht schlägt der Konzern weiterhin in den USA, wo in den Glyphosat-Prozessen bisher alle Gerichtsurteile – insgesamt drei – gegen den Konzern gefallen sind. Sollte sich diese Entwicklung auch in den höheren Gerichtsinstanzen fortsetzen, bleibt Bayer nur eine echte Wende weg von Glyphosat. Und damit wahrscheinlich auch nur der Abschied von Werner Baumann.