KolumneDie Versäumnisse des Bayer-Konzerns

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Wir werden uns „energisch verteidigen“. Wir haben „nichts falsch“ gemacht. Wir haben alle Risiken „ausführlich geprüft“. Das sind die drei Kernformeln, die man von Bayer seit Monaten hört, wenn es um die Übernahme von Monsanto geht. Doch je öfter der Konzern diese Sätze wiederholt, um so merkwürdiger hören sie sich an. Denn die Vorwürfe und Prozesse gegen Bayer wachsen mittlerweile im Tagestakt an. Schon längst geht es nicht mehr allein um den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat. Nun klagt der Landkreis Los Angeles gegen Monsanto auch wegen der Verseuchung des Grundwassers durch die Chemikalie PCB. In Frankreich ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen geheimer Listen, die Monsanto über seine Kritiker in der Politik und in den Medien angelegt hat. Und in Deutschland prüfen Aktionäre, ob sie die Ergebnisse der letzten Bayer-Hauptversammlung anfechten, auf der Aufsichtsratschef Werner Wenning noch nicht einmal die Verlesung von Anträgen zur Causa Monsanto zulassen wollte.

Die juristischen Auseinandersetzungen dürften Bayer auf viele Jahre verfolgen. Ein Ende der Prozesse ist beim besten Willen nicht abzusehen. Irgendwann wird sich Bayer in den Glyphosat-Prozessen in den USA vergleichen müssen – und einige Milliarden Euro bezahlen müssen. Es geht nicht mehr darum, ob das passieren wird, sondern nur noch darum, wann es dazu kommt. Und natürlich um die wichtige Frage: Wie hoch werden die Lasten sein? Bisher hat der Konzern Rückstellungen nur für die Prozesskosten gebildet, nicht für Schadenersatzzahlungen und Strafen. Die eigentlichen Verluste kommen also erst noch – und sie werden den Kurs der Bayer-Aktie weiter drücken oder seine Erholung zumindest verlangsamen.

Monsanto ist in Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit verhasst

Schon jetzt aber zeichnet sich ab: Was Bayer irgendwann zahlen wird, um die Prozesse in den USA zu beenden, könnte am Ende vielleicht gar nicht die größte Zukunftshypothek sein. Noch schwerer wiegt der Rufschaden, den Bayer durch die Übernahme von Monsanto erlitten hat. Vorstandschef Werner Baumann hat vor allem diesen Punkt schwer unterschätzt. Nach der Bekanntgabe der Übernahme hörte man von ihm stets die Behauptung, es gebe zwar in Europa und vor allem in Deutschland einige Monsanto-Kritiker, aber in den USA sei die Reputation des Saatgutherstellers sehr gut. Das war eine gefährliche Fehleinschätzung. Richtig ist: Viele amerikanische Farmer setzten und setzen Glyphosat bedenkenlos ein. Aber eine Minderheit von ihnen kämpft seit Jahren entschlossen gegen Monsanto. Und diese Minderheit wächst.

Inzwischen kann man mit Fug und Recht festhalten: Monsanto ist in Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit geradezu verhasst. Es geht dabei keineswegs nur um die Frage, ob Glyphosat nun wirklich Krebs auslösen kann oder nicht. Es geht um die ganzen Machenschaften, mit denen Monsanto über Jahrzehnte Studien manipuliert, Kritiker arrogant abgebügelt und Politiker geschickt ruhiggestellt hat. Und weil sich Bayer niemals wirklich von Monsanto distanziert hat (und es schon aus rechtlichen Gründen wahrscheinlich auch gar nicht kann), übertragen sich die Verachtung und der Hass nun auf Bayer. Deshalb kommt wahrscheinlich so ein Altfall wie die PCB-Verseuchung in Los Angeles überhaupt hoch. Und deshalb werden wahrscheinlich noch viele andere Dinge hochkommen.