Bernd Ziesemer Der große Exodus aus Russland

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Immer mehr Konzerne verabschieden sich aus dem Reich Wladimir Putins. Die Folgen treffen sein Land härter als die direkten Sanktionen

Ginge es nur nach den Buchstaben der westlichen Sanktionen, dann könnte Obi weiter Kneifzangen und Kupferrohre in Russland verkaufen. Die Telekom könnte weiter ihre Programmierer in Petersburg beschäftigen und der SAP-Konzern seine Cloud-Dienste in Moskau anbieten. Doch alle drei deutschen Unternehmen wollen sich mehr oder weniger vollständig aus dem russischen Markt zurückziehen. Obi-Eigentümer Christian Haub kann sich aus moralischen Gründen keine Geschäfte in Russland mehr vorstellen, solange dort Putin regiert. Sogar die Enteignung seiner Baumärkte nimmt der Milliardär in Kauf.

Immer mehr deutsche Unternehmen schließen sich dem Exodus aus Russland an. Nicht alle aus moralischen Gründen, viele nur auf Druck ihrer Mitarbeiter, Aktionäre oder internationaler Medien. Nicht alle wollen auch für immer gehen, einige schließen ihr Geschäft erst einmal nur vorübergehend. Andere wollen keinen Konflikt mit den Amerikanern riskieren, die sich das Verhalten deutscher Konzerne genauer anschauen als früher. Wieder anderen wird der Handel mit russischen Konzernen einfach zu kompliziert, weil nicht einmal die Bankverbindungen mehr funktionieren. Doch so verschieden auch die Gründe für den Rückzug, so eindeutig die Folgen für Putin: Jobs fallen weg, Know-how geht flöten, Investitionen verfallen, Wachstum bricht ein, Ersatzteile fehlen, Lieferketten reißen.

Was seit dem Überfall auf die Ukraine in deutschen Konzernzentralen passiert, das unterscheidet sich von so gut wie allen Sanktionsregimen der Vergangenheit. Nach der Besetzung der Krim 2014 hielten sich die deutschen Unternehmen mehr oder weniger murrend an die Auflagen, suchten aber jede legale Lücke, um sie im Zweifel zu umgehen. Genauso bei der Fertigstellung der Nord Stream 2 Pipeline, als deutsche Unternehmen und deutsche Behörden, ja sogar die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern, mit allen Tricks hart am Rande der Legalität gegen Sanktionen kämpften.

Dabei fehlten jedes Unrechtsbewusstsein und erst recht jede moralische Rücksicht. Um nur ein Beispiel zu nennen: Im Jahr nach der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim veranstaltete der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft gemeinsam mit der BMW-Stiftung Herbert Quandt ein Alumni-Treffen junger deutscher Manager in Petersburg als ob nichts geschehen wäre. Man beschwor vor Ort gemeinsam mit russischen Gästen „Vertrauen und Zuverlässigkeit“ in den wirtschaftlichen Beziehungen und besuchte Hand in Hand die Kirow-Werke, einen bedeutenden Zulieferer der Rüstungsindustrie.

Jetzt kehrt, ob freiwillig oder aus Angst um den guten Ruf, ein Stück Anstand zurück in die deutsche Wirtschaft. Das strahlt sogar auf diejenigen Unternehmen zurück, die um jeden Preis in Russland weiter machen möchten wie bisher. So verkauft der Baustoffhändler Knauf, der größte deutsche Investor in Russland, zwar weiter seine Gipsplatten. Aber Seniorchef Nikolaus Wilhelm Knauf legte immerhin seinen Posten als Honorarkonsul Putins nieder. Alle spüren: Es gehört sich einfach nicht mehr, sich mit Russland gemein zu machen, solange die Ukraine um ihre Existenz kämpft. Wirklich alle? Gerhard Schröder, der weiter in Russland sein Geld verdient, offenbar nicht.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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