KolumneEiertanz der US-Notenbank

Das Gebäude der US-Notenbank in Washington
Das Gebäude der US-Notenbank in Washington
© Getty Images

David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe.


Die Kommunikation der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) gleicht gegenwärtig ein bisschen dem Kinderabzählreim „er/sie liebt mich, er/sie liebt mich nicht“. Auf die Fed gemünzt heißt es dann freilich, dass man besorgt oder unbesorgt hinsichtlich Finanzmärkten beziehungsweise globalem Umfeld ist.

Besorgt war die Fed im September 2015, Januar und März 2016, unbesorgt im Oktober und Dezember 2015 sowie im April 2016. Im Juni 2016 werden wir dann vermutlich wissen, ob die neue Formel für die Fed lautet: zweimal unbesorgt = eine Zinserhöhung.

Was jetzt ein wenig zynisch klingt, hat freilich einen ernsten ökonomischen Kern. Notenbanken sind nationale Institutionen, die Politik in einer globalen Wirtschaft betreiben. Im Falle der Fed geht das sogar soweit, dass man zwar ein nationales Mandat hat, aber wegen der Rolle des US-Dollar direkt auf die Ankerwährung der Welt Einfluss nimmt.

Besser keine Zinserhöhung

Das Problem der Fed liegt wohl darin, dass sie aufgrund der Datenlage der US-Wirtschaft eigentlich die Leitzinsen anheben sollte. Allerdings will sie auch nicht, dass die Datenlage durch externe Faktoren wie internationale Unsicherheit oder starke Ausschläge an den Finanzmärkten gefährdet wird.

Der frühere Gouverneur der Federal Reserve Bank of Dallas, Richard Fisher, hat es kürzlich in einem Interview schön auf den Punkt gebracht: Mit jeder Andeutung einer Zinserhöhung löst die Fed genau das aus, wovor sie sich fürchtet.

Die Diagnose Fishers teilen wir, allerdings nicht unbedingt seine Schlussfolgerung, dass die Fed die Konsequenz eines Rückschlags an den Finanzmärkten hinnehmen und die Leitzinsen erhöhen solle. Wie schon früher an dieser Stelle angemerkt, waren Phasen der Divergenz der internationalen Geldpolitik historisch von kurzer Dauer. Und in der Regel wurden Zentralbanken mit Straffungsabsichten rasch zum Zurückrudern gezwungen.

Daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: Nach wie vor passen Leitzinserhöhungen vielleicht zum US-Datenkranz, aber definitiv nicht zum internationalen Umfeld. Hinsichtlich des US-Datenkranzes muss man vielmehr feststellen, dass dieser zunehmend weniger robust aussieht. Die Wachstumsdynamik lässt nach, ihre Struktur hat sich ebenfalls eher verschlechtert. Getrieben wird die US-Konjunktur inzwischen nur noch von Konsum und Wohnungsbau. Außenhandel, Lager und Unternehmensinvestitionen dagegen schrumpfen und belasten die Wirtschaft.

Die Fed darf keinen globalen Abschwung riskieren

Einen ganz wesentlichen Anteil daran hatte die spürbare Aufwertung des US-Dollar über die Jahre 2014 und 2015 gegenüber einer breiten Gruppe von anderen Währungen. Und diese Aufwertung hängt wiederum mit dem Eindruck der divergierenden Geldpolitik zusammen.

Vor dem Hintergrund einer hochgradig global tickenden Volkswirtschaft wäre es normativ der einzig vernünftige Weg für die US-Notenbank, eigene Leitzinserhöhungen so lange hintanzustellen, bis die Konjunktur in anderen Ländern soweit ist, dass man dann im üblichen Geleitzug derartige Anhebungen vornehmen kann.

Unbestreitbar würde sich die Fed damit natürlich bestimmten Risiken aussetzen. Zum einen dem potenziellen Überschießen der Inflation oder zum anderen einem Ende des Konjunkturzyklus aus Altersschwäche bei Leitzinsen von immer noch null. Nur stellt sich umgekehrt folgende Frage: Sind diese Risiken wirklich schlimmer, als fahrlässig einen Abschwung herbeizuführen, weil man das nationale Mandat verabsolutiert und den internationalen Kontext des eigenen Handelns ignoriert?