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Bernd Ziesemer Das Verschwinden der „neuen Russen“

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Russlands Oberschicht gerät zunehmend unter Druck. Die Zeiten des superluxuriösen Lebensstils gehen zu Ende

Vereinzelt findet man sie noch in Italien oder Südfrankreich: Russische Touristen, die mit Geld um sich werfen wie früher. Doch ihre Zahl geht merklich zurück. Zum Beispiel in Bozen, bisher eine Hochburg der „neuen Russen“. Der Begriff setzte sich in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch, als eine kleine Schicht von Geschäftemachern zu Reichtum kam. Damals tauchten auch in den Luxusläden in Berlin und Wien die ersten Schilder mit der Aufschrift auf „Wir sprechen Russisch“. Die russische Oberklasse entwickelte einen ganz besonderen Lebensstil: Man bereichert sich in Russland, verbringt den Urlaub in Westeuropa, schickt die Kinder auf angelsächsische Universitäten, kauft Luxusimmobilien in London oder an der Riviera und verschafft sich als Krönung einen zweiten ausländischen Pass. Unter diesen „neuen Russen“ entdeckte man auffällig viele Staatsbeamte, die offiziell nur über bescheidene Gehälter verfügten, aber durch Korruption im Rohstoffsektor oder bei der trickreichen Privatisierung von Staatseigentum an einen Batzen Geld gekommen waren.

Nun funktioniert dieses Arrangement nicht mehr wie bisher. Selbst die hauchdünne alleroberste Schicht der Oberschicht – die sogenannten Oligarchen – müssen ihren Lebensstil notgedrungen verändern. Ihr Versuch, sich im Ausland Reputation zu kaufen und sich mit ausländischen Pässen vor westlichen Sanktionen zu schützen, gilt als weitgehend gescheitert. Seit Putins Überfall auf die Ukraine machen die USA, Großbritannien und die EU erstmals ernst. Aus den hoch erwünschten Kunden mit der lockeren Brieftasche sind über Nacht so etwas wie Parias geworden, die man in London oder Paris nicht mehr sehen will.

Natürlich bleiben den Allerreichsten noch genügend Rückzugsräume – etwa in Dubai oder in der Türkei. Mit dem alten Lebensstil in den Metropolen dieser Welt aber hat das neue Dasein der alten neuen Russen nichts mehr gemein. Es gehört zu den vielen Paradoxien dieses Kriegs: Die westlichen Sanktionen treffen in Russland vor allem die Oberschicht. Die unteren 40 Prozent der Bevölkerung lebten vor dem Krieg in bitterer Armut und leben auch jetzt weitgehend so wie vor dem Krieg. Im Ausland waren die Rentner und Arbeiter aus der Provinz ohnehin noch nie. Selbst ein Essen bei McDonald’s konnten sie sich nicht leisten. Ohne das Gemüse und Obst aus ihren Datschengärten kommen sie nicht über die Runden.

Die russische Oberschicht aber leidet gleich dreifach unter den Sanktionen: durch das Fehlen westlicher Waren, an die man sich gewöhnt hatte; durch sinkende Gehälter und Jobverluste in westlichen Konzernen, die ihr Russland-Geschäft schließen oder zurückfahren; durch die Isolierung vom Ausland. Was sie wirklich über die Lage denken, in die sie Putin mit seinem Überfall auf die Ukraine gebracht hat, wissen wir nicht. Alle Umfragen muss man mit großer Vorsicht genießen. Einen Aufstand gegen das Regime sollte man auf jeden Fall in diesen Kreisen nicht erwarten. Die nationalistische Verhetzung, das Produkt dauernder Propaganda über viele Jahre, funktioniert. In den ersten Tagen des Kriegs machte die Theorie die Runde, die Oligarchen würden sich womöglich gegen Putin verbünden, wenn es an ihr Geld geht. Inzwischen kann man diese Behauptung getrost als widerlegt ansehen. Die politische Macht liegt allein bei Putin und seinem Geheimdienstapparat, die neuen Russen reden nicht mit in Russland.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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