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Bernd Ziesemer Das Schwiegersohn-Syndrom der BASF

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der Chemiekonzern BASF bereitet den nächsten Führungswechsel vor. Ändern soll sich dabei nichts. Dabei wäre eine Korrektur der Strategie dringend notwendig

Vom langjährigen Vorstandsmitglied zum Chef des Vorstands, vom langjährigen Vorstandschef zum Aufsichtsratsvorsitzenden. So funktioniert die Führung der BASF SE nun schon seit über 30 Jahren. Und wenn es nach dem inneren Zirkel des Konzerns geht, dann soll es auch künftig so sein. Der amtierende CEO Martin Brudermüller gibt seinen Job spätestens 2024 ab, könnte dann zwei Jahre „abkühlen“, um danach den jetzigen Aufsichtsratschef Kurt Bock zu beerben, der sein eigener Vorgänger im Vorstandsvorsitz war. Wenn die Rochade auch dieses Mal klappt, kann man schon jetzt die Prognose wagen: Es wird sich nichts ändern bei BASF.

Man könnte es das Schwiegersohn-Syndrom nennen: Die neuen Vorstandschefs stehen jedes Mal so unter der Fuchtel des Altvorderen, dass jeder konsequente Strategiewechsel einem Vatermord gleichkäme. Deshalb verrennt sich der größte Chemiekonzern Europas immer tiefer in die Sackgassen der Vergangenheit. Deshalb bleibt es zum Beispiel um jeden Preis beim heiligen Verbundprinzip, dass den Konzern zur Produktion vieler Chemikalien zwingt, mit denen sich kaum noch Geld verdienen lässt. Deshalb scheut BASF den endgültigen Abschied von den Fehlinvestitionen in Russland. Und deshalb macht sich der Konzern immer abhängiger von China.

Die blinde Begeisterung für immer riskantere Großinvestitionen im Reich der Mitte geht zurück bis auf den Vorvorgänger Brudermüllers, Jürgen Hambrecht. Der langjährige Vorstands- und Aufsichtsratschef schwärmte regelmäßig über die Effizienz des kommunistischen Systems, das ihm sogar in vielen Bereichen als leuchtendes Vorbild für Deutschland erschien. Sein Nachfolger Kurt Bock wagte in seiner Amtszeit als CEO alle möglichen Prognosen über China, die sich in der Folge allesamt als fehlerhaft erwiesen haben. Und Brudermüller legte noch eine gewaltige Schippe drauf, wenn es um die Ausrichtung des Konzerns auf China geht. Der CEO gefällt sich aufgrund seiner langjährigen Verantwortung für das Asien-Geschäft in der Rolle des persönlichen China-Fachmanns.

Dabei wäre es seine eigentliche Aufgabe als Vorstandschef, die wachsenden geopolitischen Risiken im Auge zu behalten. Davon kann jedoch keine Rede sein: BASF baut einen zweiten großen Verbundstandort in China auf, ein Zehn-Milliarden-Projekt, während sich die meisten deutschen Konzerne inzwischen eher vorsichtig verhalten. Der Chemiekonzern geht den gleichen unglücklich Weg wie die deutschen Autokonzerne, die sich in eine babylonische Gefangenschaft in China begeben haben.

Der BASF-Aufsichtsrat muckt auf

Interessanterweise stößt der langjährige China-Kurs jetzt aber offenbar auf Gegenwind in der Konzernführung, wenn man einem Bericht des „Manager Magazins“ glauben darf. Angeblich gibt es im Vorstand Kritik an Brudermüller. Gefährlich könnte es für seine Pläne vor allem dann werden, wenn sich die Arbeitnehmervertreter gegen ihn stellen, die traditionell besonders einflussreich bei BASF sind. Generationen von Vorstandschefs hielten die Betriebsräte der IG Chemie durch eine üppige Sonderbehandlung des Stammwerks in Ludwigshafen bei Laune. Doch dafür fehlt nach den heftigen Abschreibungen auf das Russland-Geschäft jetzt schlicht das Geld. Brudermüller will (und muss) nun auch in Deutschland sparen und wirft den Arbeitnehmervertretern damit zum ersten Mal seit Jahren den Fehdehandschuh hin. Im Gegenzug könnten sie seine reibungslose Übersiedlung in den Aufsichtsrat blockieren.

Bisher hat sich die Arbeitnehmerbank im BASF-Aufsichtsrat nicht durch Kritik am Kurs des Top-Managements hervorgetan. Die Projekte in Russland und China gingen, nach allem was man hört, immer einstimmig durch. Dafür sorgte schon Michael Vassiliadis, der einflussreiche Chef der IG Chemie, der zwar nur als einfaches Mitglied im Aufsichtsrat sitzt, aber die Betriebsratstruppen lenkt. Dass der Gewerkschaftsvorsitzende jetzt mit harten Worten öffentlich auf Distanz zu Brudermüller geht, sorgt für Aufsehen im ganzen Konzern. Ob daraus irgendetwas folgt, ist aber keineswegs ausgemacht. Möglicherweise geht es nur um die Botschaft an die eigenen Mitglieder, ihre Gewerkschaft kämpfe mit allen Mitteln gegen die geplanten Jobverluste in Ludwigshafen. Und eigentlich gehört es ja schon zu den besonderen Merkwürdigkeiten bei BASF, dass man einen Strategiewandel eher von den Betriebsräten erhoffen muss als den Anteilseignern, die trotz einer miserablen Kursentwicklung ihrer Aktien seit Jahren nur dasitzen und zuschauen.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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