VG-Wort Pixel

Bernd Ziesemer VW geht in China trotz aller Warnungen aufs Ganze

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der VW-Konzern plant eine Milliarden-Investition in der chinesischen Software-Industrie. Ein Projekt gegen alle geopolitische und geschäftliche Vernunft.

Der Vorstand einer börsennotierten Aktiengesellschaft muss „geeignete Maßnahmen“ treffen, um Gefahren „früh zu erkennen“, die den „Fortbestand“ eines Unternehmens gefährden. So legt § 91 des Aktiengesetzes eindeutig fest. Der VW-Konzern interpretiert diese Vorschrift aber ganz nach eigenem Gusto, wie man an seiner China-Strategie erkennen kann. Schon jetzt macht das Unternehmen 40 Prozent seines Umsatzes und die Hälfte seiner Gewinne in der Volksrepublik.

Und obwohl der Konzern schon jetzt einen Teil seiner hochsensiblen Software in China entwickelt, geht der neue Vorstandschef Oliver Blume jetzt ausgerechnet auf diesem Gebiet wie ein Pokerspieler All-in. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete in der vergangenen Woche, der Konzern plane ein neues großes Software-Joint-Venture im Reich der Mitte. Von einer Investition von 1 Mrd. Euro ist die Rede. Von Risikomanagement keine Spur.

So gut wie alle ernsthaften China-Experten beobachten die Entwicklung des Landes mit Sorge. Der allmächtige Parteichef Xi Jinping setzt auf eine immer aggressivere Außenpolitik, droht Taiwan mit einem Militärschlag, unterstützt die Kriegspolitik Wladimir Putins und mischt sich immer offener in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten ein. Nach Innen hat der Alleinherrscher inzwischen ein Regime der völligen Überwachung seiner Bevölkerung installiert. Seine menschenfeindliche Null-Covid-Strategie macht die Chinesen zu wehrlosen Opfern des Polizeistaats und schädigt die Wirtschaft schwer. All diese negativen Entwicklungen der letzten Jahre haben offenbar keinerlei Umdenken bei VW ausgelöst. Man investiert auf Gedeih und Verderb ohne jedes Risikodenken. Und weil der Porsche-Piech-Clan diesen Kurs mitmacht oder in seiner Gier sogar selbst befördert, geht der Krug eben so lange zum Brunnen bis er bricht.

Wenn man dem Reuters-Bericht glauben darf, steht das Projekt bereits. Man habe in Wolfsburg jedoch entschieden, seine Verkündigung lieber auf einen Termin nach der Landtagswahl in Niedersachsen am vergangenen Wochenende zu legen. Offenbar wissen die VW-Manager also durchaus, dass man die Hoch-Risiko-Strategie in China in der deutschen Politik zunehmend kritischer sieht. Kein anderer deutscher Konzern verausgabt sich im Reich der Mitte so stark wie VW. Kein anderer deutscher Konzern hat sich so erpressbar gemacht wie der VW-Konzern, der in der Zwangsarbeiterprovinz Xinjiang sogar eine Fabrik betreibt. Kein anderer deutscher Konzern – vielleicht mit der Ausnahme von BASF – redet der Führung in Beijing so nach dem Mund wie dieses Unternehmen.

Das größte Risiko droht den Managern in Wolfsburg durch die veränderte China-Strategie der Amerikaner. Gerade im High-Tech-Bereich verabschieden die USA fast im Monatstakt neue Gesetze und Regeln, um die Ausfuhr von strategischen Gütern nach China zu begrenzen. Es geht vor allem um Halbleiter – und um Software, die VW nun verstärkt gemeinsam mit einem lokalen Partner in China entwickeln will. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass der VW-Konzern mit seiner Unterstützung Chinas ins Visier der Biden-Administration gerät.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

Mehr zum Thema

Neueste Artikel