Déjà-vuDas russische Roulette der Metro

Metro-Markt in Moskau
Metro-Markt in Moskau: Das Russlandgeschäft bereitet dem Handelskonzern SorgenGetty Images

Die Konkurrenz wächst – und die Kunden kaufen einfach nicht mehr wie früher. So könnte man die Lage der Metro AG in Russland zusammenfassen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres brach der Umsatz der deutschen Großmärkte in Putins Reich um ein Fünftel ein. Weil das Russlandgeschäft so stark abrutschte, musste der Gesamtkonzern fürs erste Quartal einen Verlust von 52 Mio. Euro ausweisen. Ob die Metro mit ihren 90 Großmärkten in 51 russischen Regionen jemals wieder zu ihrer alten Stärke zurückfinden wird, bezweifeln viele Experten.

Noch viel schlechter ergeht es den russischen Media-Saturn-Filialen, die früher zur Metro AG gehörten und seit 2017 unter dem Dach der abgespaltenen Ceconomy AG arbeiten. Die knapp 60 Geschäfte verlieren so viel Geld, dass sich der Mutterkonzern nun von ihnen trennt. Die Probleme in Russland, die mit hohen Abschreibungen einhergehen, trieben den Kurs von Ceconomy Ende Juni heftig in den Keller.

Russland galt unter Metro-Managern einst als ganz große Hoffnung. Vor 15 Jahren sprach ich in Düsseldorf mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Hans-Joachim Körber, der die Expansion nach Osten zur Schlüsselfrage erklärte. Man wolle in Russland „mit den großen Hunden spazieren gehen“ und müsse daher „laut genug bellen können“. Damals betrieb der Konzern gerade erst fünf Großmärkte im Raum Moskau und zwei in Sankt Petersburg. Körber und sein Nachfolger Eckhard Cordes pumpten in den nächsten 15 Jahren 2 Mrd. Euro in das Russlandgeschäft, um ihre ehrgeizigen Ziele zu erreichen.

Metro hat die russische Konkurrenz unterschätzt

Beide Manager gehörten leider zur Kategorie der Berufsoptimisten, die sich die Lage immer etwas schöner redeten, als sie in Wirklichkeit war. Körber behauptete 2003, die russische Regierung habe „riesige Fortschritte“ bei der Liberalisierung des Landes erzielt. Der Prozess sei „unumkehrbar“. Die russische Wirtschaft werde schon bald „einen Teil des Geschäfts aus Asien an sich ziehen und viel mehr auf den europäischen Markt liefern“. Ein paar Jahre später erklärte sein Nachfolger Cordes bei einem Treffen mit mir, Wladimir Putin sei in Wahrheit „ein überzeugter Marktwirtschaftler“. Wie man sich doch irren kann.

Nach Jahren der Euphorie spielt die Metro heute eine Art russisches Roulette im Land ihrer Träume: Wenn beim nächsten Schuss etwas schiefgeht, geraten die ganzen Investitionen in Russland in Gefahr. Zwei Dinge haben die Manager des Konzerns sträflich unterschätzt: die russische Konkurrenz und den Onlinehandel. Seit einigen Jahren dringen russische Unternehmer mit viel Geld ins Terrain der Deutschen vor – bewusst gefördert von Putin und vor allem den jeweiligen Lokalmachthabern vor Ort.

So übernimmt jetzt zum Beispiel, wenn alles glatt läuft, der schillernde russische Oligarch Michail Guzerijew die Media-Saturn-Filialen. Der reiche Russe machte sein Geld mit Erdöl, gibt es jetzt aber lieber für Immobilien und weniger riskante Geschäfte aus. Sein Auslandsvermögen holte er zurück und investiert es nun in Russland, wo es fremdes Kapital verdrängt. So will es Putin. Und so passiert es jeden Tag. Die Metro dürfte es noch merken.