WirtschaftDas andere Polen

Massiver Wandel: Capital hat Stadtansichten aus dem Breslau der 90er-Jahre mit heute verglichen – jeweils am gleichen Ort. Hier: eine Kreuzung an der Ausfallstraße Powstańców Śląskich
Massiver Wandel: Capital hat Stadtansichten aus dem Breslau der 90er-Jahre mit heute verglichen – jeweils am gleichen Ort. Hier: eine Kreuzung an der Ausfallstraße Powstańców Śląskich Nils Stelte

Unternehmen bombardieren Besucher gern mit Zahlen. Der junge Mann aber, der an diesem Morgen in einem Konferenzzimmer des Sky Tower in Breslau (auf Polnisch: Wrocław) sitzt, spricht von ganz anderen Dingen. „Toleranz und Diversität sind bei uns ungeheuer wichtige Werte“, sagt Maciej Fojtar, IT-Analyst beim Breslauer Ableger des deutschen Biotechunternehmens Qiagen. „Niemand hier kommt ursprünglich aus Breslau, wir sind alle Immigranten.“

Die jungen Leute um Fojtar, alle aus dem Qiagen-Team, nicken. Diversität, also Akzeptanz für alle, ungeachtet von Religion, Herkunft, Geschlecht, Alter oder sexueller Orientierung: Im oft nationalkonservativen Polen ist das nicht selbstverständlich. Doch Fojtar meint nicht nur das Unternehmen, bei dem er arbeitet. Er meint die Stadt, in der er lebt. Seine Botschaft: Das hier ist Europa.

Breslau, die alte, ehemals deutsche Metropole Niederschlesiens, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Hub für ausländische Unternehmen entwickelt. Hewlett-Packard ist hier, Google, Bosch, der südkoreanische LG-Konzern. Die Universitäten und Fachhochschulen der Stadt werfen jedes Jahr Zehntausende von Abgängern auf den Markt, die dann Jobs in den Fabrikhallen und Bürotürmen der westlichen Unternehmen übernehmen. Es gibt nur wenige Regionen in Europa, deren Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren so stark gewachsen ist und die so viel ausländisches Kapital angezogen haben – auch deutsches.

In der Atmosphäre der Stadt mit ihren gut 630.000 Einwohnern spiegelt sich das wider: In der Altstadt hört man Italienisch, Englisch und Deutsch, gesprochen nicht nur von Touristen, sondern von vielen, die dauerhaft hier leben und arbeiten. Bei Qiagen kommen etwa zehn Prozent der Mitarbeiter nicht aus Polen. Durch die Innenstadt führen breite, neue Fahrradwege, auf denen jede Menge Sharing-Räder unterwegs sind. Ein Kulturfestival löst das nächste ab, es gibt Cafés, die damit werben, dass Lesben und Schwule willkommen sind.

Die Boomtown Breslau ist die eine Seite eines merkwürdigen innerpolnischen Widerspruchs. Die Kehrseite sind die Politiker der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die bei jeder Gelegenheit gegen Europa und Deutschland wettern. Sie torpedieren die Unabhängigkeit ihrer Justiz und fordern damit die EU heraus, sie schimpfen über schädliche liberale Einflüsse aus dem Westen und singen das Hohelied des heimatbewussten Polen, wie es gerade vor der Parlamentswahl im Oktober wieder zu beobachten ist. Ein Lieblingsgegner der PiS ist dabei der große Nachbar Deutschland, gegen den immer mal wieder Reparationsforderungen von bis zu einer Billion Euro in den Raum gestellt werden. Das politische Verhältnis beider Länder ist so schlecht wie lange nicht.

Zugleich aber brummen die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Polen und Deutschland. Der gemeinsame Außenhandelsumsatz hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Ungeachtet aller politischen Probleme investieren die Deutschen im Nachbarland. Daimler baut im niederschlesischen Jawor neben seinem Motorenwerk eine Batteriefertigung auf. Auch Porsche und andere Volkswagen-Töchter lassen in der Region Stromspeicher für ihre kommenden Elektroautos bauen. BASF hat ein Kfz-Katalysatorenwerk bei Breslau hochgezogen. Und die Mittelständler ziehen nach.