Corona-FolgenCorona-Pandemie: eine Krise der Gleichberechtigung?

Frauen arbeiten besonders häufig in medizinischen Gesundheitsberufen.IMAGO / Christian Mang

Die Corona-Pandemie hat das Arbeitsleben verändert: Homeoffice statt Büro, Homeschooling statt Präsenzunterricht, dazu Jobverluste. Spuren hinterlässt die Pandemie dabei vor allem in Sachen Gleichberechtigung. Einige Studien zeichnen ein düsteres Bild: In der Folge von Corona könnte es rund 36 Jahre länger dauern, den weltweiten Gender Gap zu schließen. Der Trend der kleinen, kontinuierlichen Fortschritte zu mehr Gleichberechtigung hat sich umgekehrt, weil in der Krise doch wieder Frauen im Berufsleben zurückstecken. In Deutschland mussten selbstständige Frauen häufiger Einkommensverluste hinnehmen als Männer.

Bislang haben Wirtschaftsabschwünge weltweit in der Regel mehr Männer als Frauen getroffen. Die International Labour Organization erklärte das im Mai 2020 in einem Report damit, dass Männer oft in Bereichen arbeiten, die stärker von der Konjunktur abhängen, wie dem verarbeitenden oder dem Baugewerbe. Frauen sind dagegen weltweit häufiger in weniger konjunkturanfälligen Branchen beschäftigt, darunter die Bildung oder Gesundheitsversorgung. So ist es auch in Deutschland: Laut der Bundesagentur für Arbeit sind Frauen besonders stark in den Bereichen Erziehung, in sozialen und hauswirtschaftlichen Berufen und der Theologie sowie in medizinischen und nichtmedizinischen Gesundheitsberufen (Körperpflege, Wellness, Medizintechnik) vertreten.

Wie die ILO betont, unterscheidet sich der Konjunkturabschwung im Zuge der Corona-Pandemie allerdings von früheren Krisen, denn es seien Sektoren betroffen, in denen ein beträchtlicher Anteil der Beschäftigten Frauen seien. So weisen vier Sektoren, die durch Corona einem höheren Risiko von Jobverlusten und Arbeitszeitreduktion ausgesetzt sind, einen Frauenanteil von 41 Prozent auf, im Vergleich zu 36 Prozent an Männern.

Besorgniserregende Rückschritte

In einer Studie der Beratungsgesellschaft PwC fällt der „Women in Work Index“, mit dem jährlich die berufliche Situation von Frauen in den 33 OECD-Ländern analysiert wird, um 2,1 Punkte. Die Studienautoren gehen davon aus, dass sich die Lage erst 2022 wieder erholen wird. „Die Rückschritte, die wir bei der Förderung von Frauen im Arbeitsleben beobachten, sind besorgniserregend“, sagt Dr. Peter Gassmann, Europachef von Strategy&. „Während weltweit alle Menschen mit den Folgen der Pandemie kämpfen, sehen wir, dass sich deutlich mehr Frauen als Männer gezwungen sehen, im Beruf zurückzustecken.“

Das liegt wohl auch daran, dass die unbezahlte Care-Arbeit, die schon vor der Pandemie zu zwei Drittel von Frauen erledigt wurde, massiv zugenommen hat. Die Pflege von Familienmitgliedern, die Kinderbetreuung, Homeschooling und Haushaltstätigkeiten lasteten überwiegend auf den Schultern von Frauen, stellt auch UN Women Deutschland fest. „Durch die Corona-Pandemie wird die klassische Rollenverteilung weiter zementiert“, heißt es dort. Viele Frauen seien durch die zusätzliche Aufgabenlast unbezahlter Arbeit nicht mehr in der Lage, in vollem Umfang ihrer bezahlten Arbeit nachzugehen. Das habe langfristig erhebliche ökonomische Konsequenzen.

Zeitweise raus aus dem Job

„Unsere Analyse belegt, dass die Auswirkungen der Pandemie und der damit einhergehenden Maßnahmen wie Schul- und Kitaschließungen Frauen besonders empfindlich treffen und die hart erkämpften Errungenschaften bei der Förderung von Frauen in der Arbeitswelt zunichte zu machen drohen“, sagt auch Petra Raspels, Europachefin People & Organisation bei PwC Deutschland. Viele Frauen sähen keine andere Wahl, als ihr Pensum zu reduzieren oder ihre Berufstätigkeit zeitweise ganz aufzugeben. Der Karriere kann das aber langfristig schaden. „Frauen laufen Gefahr, für ein schlechteres Gehalt in einer weniger qualifizierten Position wieder einzusteigen“, sagt Raspels.

Tatsächlich haben in der Pandemie in deutschen Haushalten mit einem Kind unter 14 Jahren zwar 27 Prozent der Frauen ihre Arbeitszeit reduziert, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten, fand die Hans-Böckler-Stiftung in einer Onlinebefragung heraus. Bei Männern waren es aber nur 16 Prozent. Und selbst in Familien, in denen sich die Eltern die unbezahlte Arbeit vor der Krise gleichberechtigt aufgeteilt haben, übernahmen in der Pandemie vor allem Frauen die zusätzlich anfallende Care-Arbeit; nur 60 Prozent teilten die Arbeit weiter gleichberechtigt auf. Weil Frauen somit beruflich häufiger zurückstecken mussten, befürchtet die Stiftung auf längere Sicht drastische Folgen für das Erwerbseinkommen von Frauen: Die bestehende Lohnlücke zwischen den Geschlechtern werde sich wohl weiter vergrößern.

Auch von Entlassungen waren Frauen weltweit besonders betroffen. Die ersten Entlassungswellen betrafen laut UN Women Deutschland vor allem Sektoren, in denen Frauen überrepräsentiert sind – wie Einzelhandel, Gastgewerbe und Tourismus. Und Frauen bräuchten meist „erheblich länger“, um nach Krisen und Pandemien wieder einen Job zu finden.

Auswirkungen nicht geschlechtsneutral

Auch unter Einkommensverlusten leiden Frauen in der Corona-Pandemie stärker als Männer. Das DIW befragte Selbstständige in Deutschland und fand heraus: Während 47 Prozent der selbstständigen Männer im zweiten Quartal 2020 von Einkommensverlusten betroffen waren, waren es ganze 63 Prozent der Frauen. Bei abhängig Beschäftigten fanden die Studienautoren keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. „Selbstständige Frauen arbeiten überproportional häufig in Wirtschaftszweigen, die durch Regelungen bei den Öffnungszeiten oder durch allgemeine Kontaktbeschränkungen stark betroffen sind, was sich in Einkommensverlusten aus Selbstständigkeit widergespiegelt hat“, schreiben die Studienautoren.

Und so kommt es, dass das DIW einen unbereinigten Gender Gap von satten 17 Prozentpunkten hinsichtlich der Einkommensverluste aus selbstständiger Tätigkeit verzeichnet (bereinigt um den Einfluss demografischer Merkmale, des Haushaltskontextes, von Persönlichkeitsmerkmalen, von Bildung, den Jahren in Arbeitslosigkeit und – wohl besonders entscheidend – der Branchenzugehörigkeit liegt dieser immerhin noch bei acht Prozentpunkten). „Die Auswirkungen von Covid-19 sind nicht geschlechtsneutral“, sagt Johannes Seebauer, Doktorand in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) am DIW. Vor dem Hintergrund der häufigeren Einkommensverluste für selbstständige Frauen sei es „wenig verwunderlich, dass selbstständige Frauen auch psychisch stärker von der Krise belastet sind“, sagt er.

Das ADP Research Institute fand in einer Befragung von 32.000 Arbeitnehmern aus 17 Ländern heraus, dass Frauen auch bei Gehaltserhöhungen in der Pandemie benachteiligt wurden. Während in Deutschland 64 Prozent der Männer eine Gehaltserhöhung oder einen Bonus für die Übernahme neuer Aufgaben und zusätzlicher Verantwortung in der Pandemie bekamen, waren es nur 53,3 Prozent der Frauen.

Durchschnittlich haben alle weltweit befragten Frauen und Männer mit gleicher Wahrscheinlichkeit zusätzliche Aufgaben aufgrund von Covid-19-bedingten Jobverlusten übernommen oder gar eine neue Rolle angetreten – eine zusätzliche Vergütung war für Frauen aber in allen Regionen unwahrscheinlicher.

 


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