KolumneClubhouse - der Hype ums Labern

Clubhouse-App: Bisher gibt es sie nur für das iPhoneIMAGO / photothek

Es wird zurzeit viel über ein neues soziales Netzwerk geredet, in dem vor allem eines getan wird: viel geredet. Wahrscheinlich haben zuletzt nur Bernie-Sanders-Memes so viel Aufmerksamkeit bekommen, wie die App „Clubhouse“, die aktuell im wahrsten Sinne des Wortes „Talk of the Town“ ist. Und das Timing ist ohne Frage perfekt: es ist die richtige App zum richtigen Zeitpunkt. Während wir im Lockdown unsere Zeit zu Hause verbringen und alles geschlossen hat, was irgendwie Spaß macht in der Welt da draußen, kommt eine vielversprechende App um die Ecke, oder vielmehr: verschafft sich Gehör. Denn es ist eigentlich eine Audio-App, in der man Gesprächskreisen zu verschiedenen Themen live zuhören kann. Ohne Kamera, ohne Likes, ohne schriftliche Kommentare.

Clubhouse ist aber nicht nur Audio-only, es ist auch iPhone-only, Android muss vorerst draußen bleiben, (was sich aber vermutlich schon bald ändern wird). Und Clubhouse gibt sich auch sonst recht exklusiv, denn in die häufig mit dem unschönen Titel „digitales Soho-House“ beschriebene Community, kommt man bisher nur per „Invite“ rein. Die Einladungen waren zeitweise sogar so begehrt, dass sie auf Ebay angeboten wurden. In der jetzt kommenden Phase wird sich die App nach und nach einem breiteren Publikum öffnen, was den vermeintlich elitären Talkrunden durchaus guttun könnte. Also, hoffentlich. Aber nochmal kurz zurück zum Anfang.

Den Audio-Trend weitergedacht

Gegründet wurde Clubhouse vom ehemaligen Google-Mitarbeiter Rohan Seth und dem Stanford-Absolventen und Ex-Pinterest-Mitarbeiter Paul Davison in San Francisco. Die App ging im März 2020 an den Start und befindet sich aktuell noch in der Beta-Phase (wurde aber bereits mit knapp 100 Mio. US-Dollar bewertet). Die Plattform hat den bestehenden Audio-Trend auf eine schlaue Art weitergedacht. Gefühlt ist es ein Live-Podcast zum Mitmachen. Man kann nicht nur zuhören, sondern sich auch aktiv beteiligen. In jedem „Room“ gibt es Moderatoren, Speaker und Zuhörer. Per Handzeichen kann man sich am Gespräch beteiligen, wenn der Moderator einen aufs „Panel“, also auf die virtuelle Bühne holt.

Die Spielregeln sind einfach und das Warmwerden damit geht extrem schnell. Und da es keine Kamera gibt, wie bei Zoom Calls, muss man sich zumindest keine Gedanken machen, ob da noch ein Wäscheständer im Hintergrund zu sehen ist oder dreckiges Geschirr rumsteht. Als neuer User zappt man erstmal so ziellos durch die Räume auf Entdeckungskurs, mit dem Ergebnis: Von sehr interessant bis hin zu unerträglich ist alles dabei. Man hört sich gewiss eine Menge Mumpitz an, aber auch das macht Spaß – zumindest eine Zeitlang – wenn man sich aber gezielt Themen raussucht, dann macht es sogar auch ein bisschen Sinn und kann wirklich sehr informativ sein.

Wer redet mit wem über was?

In manchen Räumen tummeln sich tausende Hörer, andere bleiben in kleiner, familiärer Runde. Man stößt auf alte Bekannte, hier und da auch auf Freunde, ganz sicher auf Narzissten und manchmal auch auf Überraschungen: Da begegnen einem plötzlich Thomas Gottschalk, Sascha Lobo und Sophia Thomalla in einem Raum. Und im nächsten Raum ermutigt Johann König uns zum Kunst sammeln oder Paul Ripke erklärt uns die Welt (okay, damit hätte man rechnen müssen). Zum Thema Kunst gibt es im Übrigen bemerkenswert viele, gute Gespräche.

Manchmal reden auch supersmarte Start-up-Leute und VC-Experten irgendwas und dann geht man wieder raus und landet plötzlich im „Ruheraum“. Ja, auch das gibt es: ein Raum absoluter Stille, aber voller Zuhörer. Gemeinsam schweigen, was ehrlicherweise gehaltvoller als 50 Prozent der anderen Räume ist. Absurd, schön, der Hype ist real.

Clubhouse ist eine Art Lockdown-Survival-Kit, mit dem man sich wieder so fühlen kann, als hätte es Social Distancing nie gegeben, obwohl es eigentlich genau das ist. Dabei sind die Titel der Räume, also die Gesprächsthemen, so divers, wie das Internet selbst und lassen keine Wünsche offen: von „Taktik und Tiefe in der Fußballberichterstattung“ über „Live-Meditation mit dem Zen-Meister“ und „Mansplaining überwinden“ bis hin zu „The Sexlife of a Plus-Size-Model“. Oder wie wär’s mit anderen wichtigen Themen wie “Who’s really winning? The Hoes vs The Wifeys”. Zum Glück kann man Talks auch „schedulen“, so entsteht gewissermaßen ein Kalender, der hilft, sich gezielt einzuwählen. Olli Schulz hat beispielsweise für den 20. April den Talk „Rachepläne mit Hundekot“ angesetzt, natürlich ein Muss.

Risiken und Nebenwirkungen

Für Leute, die gerade versuchen, von acht Stunden Bildschirmzeit auf drei Stunden herunterzukommen oder Digital Detox als Neujahrsvorsatz hatten, ist die App der Super-GAU. Denn das Zappen von Raum zu Raum frisst Unmengen Zeit und hat eindeutig Suchtpotenzial. Zudem gibt es auch viel Kritik in Sachen Datenschutz. Die Nutzer werden aufgefordert, Zugriff zu ihrem gesamten Adressbuch zu gewähren. „Damit du sehen kannst, welche deiner Freunde auf Clubhouse sind“, so begründen es die Betreiber.

Über Hate-Speech, Rassismus und Frauenfeindlichkeit gibt es Beschwerden und bisher wenig Klarheit zu der Frage, wie man solcherlei Dinge in einem Live-Format am besten unterbindet. Die Gespräche werden zur Kontrolle mitgeschnitten, was dem einen oder anderen aber sicher auch Sorgen bereitet.

Mithören oder weghören?

Manchmal würde man sich wünschen, dass Wiglaf Droste und Christoph Schlingensief wieder auferstehen und einen Raum eröffnen mit Rafael Horzon und Benjamin von Stuckrad-Barre – aber leider ist es dann doch oft anders, also ganz anders. Die wirklich guten Talks sind aktuell noch in der Unterzahl, aber das kann ja noch werden.

Wohin sich die Plattform entwickeln wird? Völlig offen. Viel Gerede um Nichts oder das „Next Big Thing“? Who knows. Die Late-Night-Talkshow für jedermann? Vielleicht. Verwandeln sich dort normale Menschen in Markus Lanz, ohne es selbst zu merken? Kann passieren. Wird es zum Wahlkampf-Tool im Superwahljahr 2021? Zumindest denkbar. Spitzen-Politiker haben sich schon einige auf der Plattform sehen lassen. Oder eher hören lassen. Kommt man aus der eigenen Bubble raus? Wenn man sich aktiv bemüht, schon.

In jedem Fall bleibt es spannend. Und irgendwie ist es ja auch schön, die euphorische Aufbruchsstimmung zu erleben. Es wird vielleicht die Frage nach der Substanz sein, die über das Schicksal des Netzwerks entscheidet. Oder anders gesagt: Hören wir uns nur alle wahnsinnig gerne selbst reden oder haben wir auch wirklich etwas zu sagen?


Malte Bülskämper ist Texter und Kreativdirektor aus Berlin. In seiner Kolumne schreibt er über die kleinen Absurditäten des Alltags in unserer Kommunikationsgesellschaft.