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Russland Braindrain an die Front: Wie die Teilmobilisierung russischen Firmen schadet

Russische Einsatzkräfte bei einer Übung Ende November
Russische Einsatzkräfte bei einer Übung Ende November
© IMAGO/ITAR-TASS
Russische Firmen suchen seit der Mobilmachung händeringend Mitarbeiter. Während der Arbeitskräftemangel Russland zum Verhängnis werden könnte, erlebt ein anderes Land einen Wirtschaftsboom

Zwei Monate nachdem der russische Präsident Wladimir Putin die Mobilmachung angekündigt hat, schlägt die Einberufung von Männern zum Kampf in der Ukraine auch auf dem russischen Arbeitsmarkt durch. Russland hat mehr als 300.000 Reservisten eingezogen, hauptsächlich Männer im erwerbsfähigen Alter. Zudem haben Hunderttausende aus Angst vor der Einberufung das Land verlassen.

Etliche Industriezweige melden deswegen einen rekordverdächtigen Mangel an Arbeitskräften. Eine Studie des Moskauer Gaidar-Instituts aus dem November, aus dem das Finanzportal „Bloomberg“ zitiert, kommt zu einem fatalen Ergebnis. Demnach muss sich ein Drittel der russischen Industrie auf einen erheblichen Personalmangel und damit den größten Engpass seit 1993 einstellen.

Ein Drittel der befragten Unternehmen hat durch die Einberufung Mitarbeiter verloren. Ein Fünftel von ihnen gab an, sie bisher nicht ersetzen zu können. Außerdem werde sich der Bestand an männlichen Arbeitskräften nach Schätzungen des Instituts um zwei Prozent verringern. Der Arbeitskräftemangel könnte für Russland zum Verhängnis werden. Fast die Hälfte der Unternehmen berichtet, dass es ihnen aufgrund des Personalmangels unmöglich sein wird, ihre Produktion zu steigern. Selbst bei einer ausreichenden Nachfrage.

Nachfrage nach IT-Kräften schießt in die Höhe

„Angst und Unsicherheit haben zu einer erheblichen Abwanderung von Fachkräften und Kapital aus dem Land geführt, was vielen Sektoren schadet“, zitiert „Bloomberg“ Evgeny Kogan, Professor an der Higher School of Economics in Moskau. „Wenn dieses enorme Entwicklungspotenzial außerhalb des Landes verbleibt, wird dies in Zukunft zu einem erheblichen Rückgang der Wirtschaft führen.“

Die Abwanderung bekommt ein Sektor bereits besonders zu spüren: die IT-Branche. Laut dem russischen Online-Personalvermittler Superjob stieg die Zahl freier Stellen in diesem Bereich im Oktober um 15 Prozent gegenüber dem Vormonat.

Infolge der Einberufung strömen russischer Staatsbürger besonders in Länder aus der ehemaligen Sowjetunion und die Türkei, heißt es bei Russlands größter Online-Jobplattform HeadHunter Group, wie „Bloomberg“ berichtet.

Die Nachfrage nach IT-Fachkräften schießt dementsprechend in die Höhe. „In der Altersgruppe der 20-24-Jährigen sind derzeit nicht mehr als sieben Millionen Menschen tätig. Das ist ein starker Rückgang gegenüber den 12 Millionen von vor zehn Jahren“, zitiert das Finanzportal Natalia, Danina, die Leiterin der Analyseabteilung von Headhunter.

Georgien profitiert direkt vom Krieg in der Ukraine

Für Russland kommt die Flucht Hunderttausender vor der Teilmobilmachung einem enormen „intellektuellen Aderlass“ gleich, hieß es auch bereits in einem vom britischen Verteidigungsministerium Ende September publizierten Geheimdienstbericht. „Unter denjenigen, die versuchen, Russland zu verlassen, sind die Bessergestellten und gut Ausgebildeten überrepräsentiert.“

Die Folgen könnten für Russlands Wirtschaft dabei verheerend sein: „Zusammen mit den Reservisten, die mobilisiert werden, dürften die Auswirkungen der geringeren Verfügbarkeit von Arbeitskräften und der beschleunigten Abwanderung von Fachkräften auf die russische Wirtschaft zunehmend an Bedeutung gewinnen.“

Anders in Georgien. Das Land am Schwarzen Meer profitiert direkt vom Krieg in der Ukraine. Hier soll die Wirtschaft zweistellig zulegen. Davon sind selbst Wirtschaftswissenschaftler überrascht. „Wir hatten eine Menge negativer Einflüsse erwartet“, sagt Volkswirtschaftler Dawit Keschelawa ntv. Denn Georgien sei, was Außenhandel, Tourismus und Geldüberweisungen angeht, stark von seinen Nachbarländern abhängig.

Doch unter den 110.000 Bürgern, die Russland seit Kriegsbeginn verloren hat, sind viele junge und gut ausgebildete aus der Oberschicht. „Es sind ziemlich reiche Leute nach Georgien gekommen. Sie brachten Geschäftsideen mit und der Konsum ging drastisch nach oben“, sagt Keschelawa. Ihre Ersparnisse, die jetzt auf georgischen Konten lägen, hätten das Wachstum angetrieben.

Dieser Artikel ist zuerst bei n-tv.de erschienen.

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