Start-upWie Auto1 zum wertvollsten deutschen Start-up wurde

Christian Bertermann (l.) und Hakan Koç gründeten 2012 Auto1Jan Philip Welchering

Der Industrie- und Gewerbepark Pankow-Heinersdorf ist kein schlechter Ort, um unentdeckt zu bleiben. 30 Minuten braucht man vom Alexanderplatz in den Berliner Nordosten, es geht vorbei an Schrebergärten, an Autowerkstätten und Schrotthändlern. Schließlich: ein dreistöckiger Verwaltungsbau an einer Ausfallstraße, flach, unscheinbar. Hier ist es. Von hier aus wurde in aller Heimlichkeit Deutschlands wertvollstes Start-up aufgebaut. Ein Gebrauchtwagenhändler.

Heute, weniger als sieben Jahre nach Gründung von Auto1, ist das Unternehmen 2,9 Mrd. Euro wert, mit 4200 Mitarbeitern in 30 Ländern präsent und handelt über seine Internetplattformen mit 1500 Fahrzeugen am Tag. Kein Start-up in Deutschland ist je so schnell so groß geworden, nicht einmal Zalando. Den Gebrauchtwagenmarkt in Europa hat Auto1 auf den Kopf gestellt.

Trotzdem kennt kaum jemand das Unternehmen. Das liegt zum einen daran, dass es hierzulande unter der Marke Wirkaufendeinauto.de auftritt. Vor allem aber hat es mit der Geheimniskrämerei der Gründer zu tun: Noch heute scheuen Hakan Koç und Christian Bertermann die Öffentlichkeit, Interviews und Auftritte kann man an zwei Händen abzählen. Die ersten drei Jahre blieben sie sogar komplett unterm Radar – im „Stealth Mode“, wie es im Start-up-Sprech heißt. Aus Angst vor Nachahmern verschanzten sie sich am Berliner Stadtrand. Von hier steuerten sie das Wachstum; planvoll, aggressiv, in beispiellosem Tempo und ohne Rücksicht auf Verluste. Auf dem Weg nach oben hat sich das Start-up damit nicht nur Freunde gemacht.

Berlin-Kreuzberg, heute. Die Zentrale von Auto1 erstreckt sich mittlerweile auf drei Etagen eines ehemaligen Postamts. Die Gründer bitten zum Gespräch, auch wenn man merkt, dass ihnen Interviews noch immer eine lästige Übung sind. Bertermann, schlank, glattrasiert, ein reservierter Typ; Koç, füllig, mit Dreitagebart, erlaubt sich auch mal einen Witz. Über die Anfänge ihres Milliarden-Start-ups sagt er: „Wir wollten ein Problem lösen. Nämlich: Wie werden wir diese Autos wieder los?“

Diese Autos, das sind ein Mercedes 190 und ein Golf IV, sie gehören Bertermanns Großmutter, und der Enkel soll ihr im Sommer 2012 helfen, die Gebrauchtwagen zu verkaufen. Koç und Bertermann haben gerade ihre Jobs bei zwei Firmen aus dem Rocket-Internet-Universum der Samwer-Brüder gekündigt, jetzt wollen sie gemeinsam etwas Neues wagen. Was, ist noch nicht klar. Sie basteln an einer App, denken über einen Getränkelieferdienst nach. Dann tauchen die Gebrauchtwagen auf – und die typischen Ärgernisse beim Verkauf: Man muss Händler anrufen, Termine vereinbaren, nach einem guten Preis suchen. Ja, es gibt Kleinanzeigenportale wie Autoscout24, aber auch dort kostet der Verkauf Zeit, und oft melden sich halbseidene Gestalten. Von der transparenten, kundenfreundlichen E-Commerce-Welt, die Koç und Bertermann kennen, ist das alles weit entfernt. Ein Problem, das nach Lösung schreit.

Cash ist King bei Auto1

In einem Zehn-Quadratmeter-Büro entwickeln sie darum den ersten Baustein von Auto1: ein Portal, über das man Gebrauchtwagen verkaufen kann – und zwar nicht an irgendeinen Dritten, sondern an das Start-up selbst. Wirkaufendeinauto.de übernimmt anschließend die Käufersuche und verdient an der Preisdifferenz. Das Versprechen: Wer sein Auto loswerden will, muss sich um nichts mehr kümmern und sieht innerhalb weniger Tage sein Geld.

Dafür aber muss das Start-up weiter gehen als die meisten Online-Marktplätze – es muss die Ware selbst ankaufen. Das ist unüblich in der Techbranche und wird von Investoren nicht geschätzt: „Das Geschäftsmodell hat ein relativ hohes Risiko“, sagt Filip Dames von Cherry Ventures, einem der ersten Geldgeber von Auto1. „Wenn du die Autos nicht verkaufst, hast du viel totes Kapital auf dem Hof stehen.“ Aber die Gründer hätten schnell verstanden, wie so ein Modell funktionieren kann: „Es geht über Schnelligkeit und Volumina. Du musst sofort kaufen. Cash ist King.“