KolumneBMW schmiedet die Kader der deutschen Industrie

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Den Digital-Experten Dieter May zieht es zu Osram, die Marketing-Fachfrau Hildegard Wortmann wechselt zu Audi – und der Vorstand Markus Duesmann wartet händeringend auf das Ende seiner Sperrfrist, um endlich bei VW anzufangen. Alle drei stammen aus der oberen Führungsebene von BMW und verstärken einen Trend, der sich immer stärker durchsetzt: Der Münchner Autohersteller wird zunehmend zur Kaderschmiede für die ganze deutsche Industrie – und löst dabei einen anderen Platzhirsch in München ab: die Siemens AG.

Der BMW-Bereichsleiter May übernimmt bei Osram den Chefposten der Halbleitersparte, wie Ende letzter Woche verlautete: ein klarer Aufstieg. Das gleiche kann man von Hildegard Wortmann sagen, die bei Audi bekommt, was ihr bei BMW versagt blieb: eine Position im Vorstand. Und Markus Duesmann bereitet sich ohnehin auf allerhöchste Weihen vor: VW-Chef Herbert Diess, ebenfalls ein ehemaliger BMW-Mann, bemühte sich höchstpersönlich um den Wechsel des bisherigen Einkaufsvorstands.

Einer der beliebtesten Arbeitgeber

Mann kann die Personalien positiv oder negativ lesen. Einerseits zeigt die hohe Nachfrage nach BMW-Führungskräften, wie gut der Münchner Konzern seine jungen Manager ausbildet und entwickelt. Das fängt schon bei der Auswahl der Trainees an: BMW gehört für Absolventen der Ingenieurwissenschaften und anderer einschlägiger Studienzweige nach wie vor zu den beliebtesten Arbeitgebern, auch wenn die Autoindustrie in den Augen der Uni-Absolventen insgesamt etwas an Glanz verloren hat. Vor allem aber betraut BMW jüngere Manager nach ihrer Einstellung mit wechselnden Jobs im In- und Ausland, um sie planmäßig an mehr Verantwortung zu gewöhnen. Und wer bei BMW stetig aufsteigt, kann es auch nach ganz oben schaffen: Nur zwei von acht Vorstandsmitgliedern kommen von außen. Der Vorstandschef, der CFO und der wichtige Entwicklungschef verbrachten alle drei ihre ganze Laufbahn im Konzern. So ist eine einzigartige Personalkultur in München entstanden. Die wichtigsten Macher kennen sich gegenseitig seit einem Vierteljahrhundert.

Probleme mit der Frauenförderung

Andererseits zeigt der stetige Aderlass bei BMW aber auch: Der Konzern ist zu klein und wächst nicht schnell genug, um seinen jungen Managern genügend Möglichkeiten zu bieten, ihre Talente auch schnell zu entfalten. Und die Münchner tun sich nach wie vor schwer damit, Frauen an die Spitze zu befördern. Unter den acht Vorstandsmitgliedern findet sich nur eine einzige Frau – und natürlich kommt sie von außen und verwaltet das Personalressort. Auch auf der Managementebene darunter sieht es nicht sehr viel besser aus. Hildegard Wortmann war eine der wenigen weiblichen Hoffnungen bei BMW – und ausgerechnet sie fängt demnächst beim großen Konkurrenten Audi an.

Trotzdem bleibt unter dem Strich die Aussage richtig, dass die Managerriege von BMW zu den besten in Deutschland gehört. Und dass ihre fähigsten Vertreter deshalb besonders gesucht sind. So war es früher auch bei der Siemens AG. Doch unter dem autokratischen Vorstandschef Joe Kaeser gilt es nicht mehr ganz so. Natürlich finden sich auch heute Spitzentalente wie Vorstandsmitglied Michael Sen bei Siemens. Aber sie haben es schwerer als früher, ein eigenes Profil zu entwickeln. Bei BMW-Chef Harald Krüger findet man im Vorstand heute mehr von dem Kollegialprinzip, für das Siemens einst berühmt war, als bei Siemens selbst. Dafür sorgen schon die wichtigsten Aktionäre von BMW: Die Familie Quandt kann egozentrische Selbstdarsteller auf den Tod nicht leiden.