Interview„Bei uns ist jeder Kunde ein Mensch und keine Kontonummer“

Die Gammesfelder Raiffeisenbank 2019.
Die Gammesfelder Raiffeisenbank 2019. Triefeline/Wikipedia (CC BY-SA 4.0 DE)

Die baden-württembergische Raiffeisenbank Gammesfeld ist eine der kleinsten Banken Deutschlands*. Sie hat etwas über 300 Mitglieder und mit Peter Breiter genau einen Angestellten. Der 47-Jährige übernahm 2008 die Geschäftsführung von seinem Vorgänger Fritz Vogt.

CAPITAL: Herr Breiter, Sie sind Geschäftsführer einer der kleinsten Banken Deutschlands. Kennen Sie jeden Kunden persönlich?

PETER BREITER: Ja, wir nehmen keine Fremden auf. Wir haben circa 1000 Kunden und ich kenne praktisch alle Namen. Ganz gleich wer anruft, ich weiß, ob die Person Kunde ist oder nicht.

Als einziger Angestellter sind Sie Vorstand und Sachbearbeiter in einem. Wie funktioniert das?

Das funktioniert sehr gut. Man steckt überall mit drin, das ist sehr abwechslungsreich. Man ist nicht so ein Fachidiot. Nachmittags wenn die Kunden kommen, bin ich am Schalter. Danach bearbeite ich Kreditanträge, buche Gehälter oder schreibe Briefe – alles, was in der Bank eben so anfällt. Die 40 Stunden in der Woche mache ich locker voll.

Was passiert denn, wenn Sie krank sind oder in den Urlaub fahren?

Wir haben einen Vertrag mit der Nachbarbank, dass sie dann jemanden abstellen müssen.

Bis 2014 hatte ihre Bank eine EC-Karte, mittlerweile können die Kunden ihr Geld nur persönlich abheben. Ist das den Menschen nicht zu unpraktisch?

Genau, bis 2014 gab es bei uns ganz normal eine EC-Karte. Die wurde von dem Dienstleister dann jedoch weggenommen, weil nur noch die Gammesfelder Bank das System genutzt hat und sich das nicht rentiert hat. Ich befürchte, dass ist eine Wunde, an der die Bank einmal sterben wird. Für die Generation über 35 Jahren ist es zwar überhaupt kein Problem, die kommen gerne zur Bank. Aber die jungen Leute wollen eine Karte oder das Handy benutzen. Das geht bei uns nicht. Wir kooperieren zwar mit einer Nachbarbank, sodass die Menschen eine Kreditkarte zum Bezahlen bekommen. Bargeld abzuheben kostet allerdings Gebühr. Das ist für die meisten nicht rentabel. So verliert die Bank von unten her die Kunden.

„Die Bank ist so langweilig, dass man keine Angst um sein Geld haben muss.“

Peter Breiter

Legen die Kunden bei der Gammesfelder Bank ihr Geld an, weil sie sich sicherer fühlen als bei großen Banken?

Auf jeden Fall. Die Gammesfelder Bank ist so langweilig, dass man keine Angst um sein Geld haben muss. Wir nehmen am internationalen Finanzmarkt gar nicht teil: Wir haben keine Wertpapiere, keine Aktien, keine Fonds, gar nichts. Also egal, welches Land Probleme bekommt, dem Geld der Bank kann nichts passieren, weil wir keine Papiere von irgendeinem Land haben. Wir haben unser Geld nur als Festgeld bei der Zentralbank angelegt und das, was wir als Kredit herausgeben können, als Kredit herausgegeben.

Haben Sie von der Krise 2008 dann überhaupt etwas mitbekommen?

Ich konnte ganz normal schlafen, für uns war eigentlich gleich, was sich da getan hat. Es war allerdings so, dass aus ganz Deutschland Leute angerufen haben, die ihr Geld nach Gammesfeld bringen wollten – von 100.000 Euro bis 4,5 Millionen Euro. Manche kamen sogar mit ihrem Porsche hierher gefahren und hatten einen Koffer voll Geld dabei. Das konnte ich natürlich nicht annehmen: Ein Konto darf bei uns nur eröffnen, wer in Gammesfeld geboren ist oder hier wohnt.

Seit der Krise hat die Bankenregulierung zugenommen. Das trifft vor allem kleine Banken. Auch die Bank in Gammesfeld?

Absolut. Ich muss jetzt im Jahr über 100 Meldungen machen, damit verbringe ich bestimmt 30 bis 40 Prozent meiner Arbeitszeit. Für andere Banken, an die eine Rechenzentrale angeschlossen ist, ist das vielleicht unkomplizierter. Aber ich muss jede Zahl manuell eintippen. Generell ist das ein großer Aufwand, der die kleinen Banken stark behindert und ein Grund dafür ist, dass immer mehr von ihnen verschwinden. Und das ist eigentlich unlogisch. Die kleinen Banken verschwinden aufgrund einer Krise, die die großen Banken verursacht haben.

Die Zinsen sollen auch weiterhin niedrig bleiben. Welche Auswirkungen hat das aufs Geschäft?

Das hat große Auswirkungen auf uns. Die Gammesfelder Bank lebt ja ausschließlich vom Zinsgeschäft. Wir bieten den Kunden nur drei Produkte: Girokonto, Sparbuch und Darlehen. Daraus muss die Bank dann den Ertrag generieren und der schmilzt momentan jedes Jahr, weil der Zinssatz fast bei null ist.

„Ich arbeite hier noch so wie vor 20, 30 Jahren.“

Peter Breiter

Wie steht es eigentlich grundsätzlich um Ihre Bilanz?

Weil die Gammesfelder Bank eine Genossenschaftsbank ist und wir uns strikt an den Genossenschaftsgedanken halten, geht es uns eigentlich sehr gut. Die Genossenschaftsbank soll ja eigentlich gar keinen Gewinn machen und wenn ja, soll dieser wieder an das Dorf ausgeschüttet werden. Natürlich ist das heute bei vielen Banken nicht mehr so. Durch die Regulierung und die Finanzkrisen sind die Vorschriften auch insofern strenger geworden, als man mehr Eigenkapital hinterlegen muss. Das war für uns die letzten zehn Jahre sehr anstrengend. Wir haben das Eigenkapital der Bank mehr als verdoppelt.

Stimmt es, dass Sie in der Bank vollkommen analog arbeiten?

Ja, hier in der Bank ist noch alles sowie vor 20, 30 Jahren. Wir haben zwar einen Internetanschluss wegen der Mailerei mit der Bundesbank und der EZB, aber die Kontoauszüge schreibe ich per Hand. Und es gibt eine uralte Schreibmaschine, auf der ich Überweisungen tippe. Ältere Leute bringen oft nur die Rechnungen mit und ich schreibe dann für sie die Überweisungen.

„Boni gibt es bei uns nicht.“

Peter Breiter

Sind die aufstrebenden Digitalbanken dann überhaupt eine Konkurrenz oder ist der Unterschied zwischen ihnen und der Gammesfelder Bank zu groß?

Man kann das eigentlich nicht vergleichen, wir sind ja das Gegenteil davon – das Aussterbende letztlich. Trotzdem sehe ich sie, was die jungen Leute angeht, schon als Konkurrenz. Bei uns gibt es nichts Digitales. Das ist aber wahrscheinlich die Zukunft und wir könnten an dieser Stelle Probleme bekommen.

Wird es die Bank dann in 20 Jahren überhaupt noch geben?

Das hängt von den Gammesfeldern ab. Solange die Bewohner mit der Bank mitziehen, kann es die Bank auch in der Zukunft noch geben. Vielleicht schätzen die Menschen ja, dass es nur diese drei Produkte gibt und nicht Tausende wie bei anderen Banken. Dort wird alles immer anonymer. Computerprogramme entscheiden, ob man einen Kredit bekommt oder nicht. In Gammesfeld ist das anders, hier ist jeder Kunde noch ein Mensch und keine Kontonummer.

Zurück zu Ihnen. Viele Bankenvorstände erhalten ordentlich Boni. Zahlen Sie sich selbst auch welche aus?

Nein, ich habe noch nie welche bekommen. Boni gibt es bei uns nicht. Ich kriege ein festes Gehalt und das ist es dann.

*Die Raiffeisenbank Gammesfeld ist die kleinste Bank Deutschlands, was das Personal betrifft. Hinsichtlich der Bilanzsumme gibt es noch fünf kleinere Genossenschaftsbanken.