KolumneAutomobilbranche: Wie Eingriffe in den Markt zu Stolpersteinen werden können

Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor.André Bakker

Es ist des Kolumnisten große Freude, dass er jeden Monat etwas zum Besten geben darf. Eine noch größere Freude ist es ihm, wenn er eine seiner alten Kolumnen hervorziehen und mit kokettem Unterton zu sich selbst sagen kann: „Als hätte ich die Zukunft vorhergesagt …“. All seine anderen Kolumnen, in denen er Sachen schrieb, die so nicht eingetreten sind, verschweigt er geflissentlich. Es möge die eine genügen, um seine Weisheit und Weitsicht zu beweisen.

So seien Sie bitte gnädig mit mir und gönnen Sie mir die Freude, die ich hatte, als ich letzte Woche erst im Handelsblatt und dann hier bei Capital kurz zusammengefasst Folgendes gelesen habe:

Tradition des Horrors

Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender von VW, hat in der Aufsichtsratssitzung das Wort ergriffen. Offensichtlich hat er die Runde gekapert, denn er ist dort nur Gast. Er malte unter dem Punkt „Sonstiges“ ein Horrorszenario sondergleichen an die Wand: 30.000 Arbeitsplätze seien im Stammwerk in Wolfsburg in Gefahr.

Die Ankündigung, dass bei VW Tausende von Arbeitsplätzen auf der Kippe stehen, hat eine lange Tradition und ist daher nicht so besonders aufregend. Was diesmal aber anders war – und der Anlass meiner Freude: Diess soll sehr deutlich Bezug auf Tesla genommen haben.

Vor ziemlich genau zwei Jahren habe ich an dieser Stelle – trotz meiner, wie Sie wissen, gepflegten Ablehnung gegenüber Subventionen – augenzwinkernd dafür plädiert, dass der Staat in die Tesla-Fabrik in Grünheide investieren soll. Und zwar, um den deutschen Automobilherstellern endlich Feuer unterm Hintern zu machen.

Ich habe die Situation in dieser Kolumne mit der Situation der Bäckerei in meinem Heimatdorf verglichen.

Brötchen „nach Großmutters Rezept“

Der angestammte und einzige Bäcker vor Ort hatte seit jeher Brötchen »nach Großmutters Rezept« verkauft und alle waren zufrieden. Doch irgendwann eröffnete am anderen Ende des Ortes ein Supermarkt mit Backabteilung. Dessen Brötchen schmeckten schon allein deshalb gut, weil sie anders schmeckten. Nach wenigen Monaten gab es den angestammten Bäcker nicht mehr. It’s the economy, stupid!

Um zwei Sachen geht es mir an dieser Stelle NICHT: Nein, ich behaupte NICHT, dass Elektroautos grundsätzlich besser sind als Verbrenner oder andere Antriebskonzepte. Auch versteife ich mich NICHT auf die Aussage, dass Tesla eben irgendwie besser sei als VW. Über all dies debattieren die diversen Experten und Funktionären schon ausreichend – da hänge ich mich nicht rein.

Worauf ich hinaus will: Offensichtlich goutieren viele Kunden Tesla und Elektroautos. Und da ist es nun erstmal völlig egal, ob E-Mobilität ökologischer ist oder nicht, ob Tesla die bessere Firma ist oder nicht – oder ob VW in zwanzig Jahren vielleicht viel bessere Autos bauen wird als Tesla. Fakt ist: Allein, dass es auf dem Automarkt nun andere Brötchen als die „nach Großmutters Rezept“ gibt, fördert immens den Wettbewerb. Und selbst für einen unsinkbaren Dampfer wie VW wird es wackelig. Auch weil es so wahnsinnig schnell geht.

Das Beste, was Sie haben

Als ich gegenüber meinem sehr guten alten Freund und Autoexperten Bolle aus Köln vor vier Jahren orakelt habe, dass 2026 keine Verbrenner mehr gebaut werden, hat er mir noch unter die Nase gerieben, aus welcher naiven Unkenntnis heraus ich doch spräche. Heute wird das Autowerk, in dem er arbeitet, gerade auf Elektromobilität umgebaut. Ich muss Bolle unbedingt mal wieder anrufen.

Es bewahrheitet sich einmal mehr: Die Wahrheit – das ist der Markt und nicht die Einschätzung der Experten.

So herausragend die Fachkenntnis der Experten einerseits auch sein mag und so viel Schlechtes Sie andererseits über den Markt und seine Regulierungsfähigkeiten sagen können: Da mag was dran sein.

Aber besser als der Markt weiß es eben niemand. Er ist die beste aller Informationsquellen, die Sie für Ihr Unternehmen haben.

Und diese Erkenntnis ist gleichzeitig ein Stück weit die Mahnung an all die, die den Markt derzeit zurücktreiben wollen. Die der Hybris erliegen, sie wüssten es besser als der Markt. Doch alles, was sie tun, um in den Markt einzugreifen und ihn zu „korrigieren“, führt dazu, dass sie ihn in einer seiner wichtigsten Funktionen massiv verfälschen.

Der Markt, ein Nichts

Bekanntlich ist der Markt, wenn damit kein Ort gemeint ist, nur ein gedankliches Konstrukt, ein – wenn Sie so wollen – Hirngespinst. Das, was wir „Markt“ nennen, entsteht, wenn Kunden und Anbieter aufeinandertreffen. Der Markt selbst agiert nicht. Aber seine Mechanismen haben Funktionen.

Nicht nur die der Allokation, also der Verteilung. Vor allem stellt der Markt die Informationen bereit, die Unternehmen für ihre Entscheidungen nutzen.

Aktuelles Beispiel: Die Preise für Halbleiter sind in den letzten Monaten in die Höhe geschnellt. Der Markt liefert also die Information, dass da was zu holen ist, dass es sich lohnen könnte, selbst eine Chip-Fabrik zu betreiben. Allerdings sind Investitions-, Know-How- und Zeit-Bedarf so immens hoch, dass viele noch zögern.

Bei Containern ist das anders. Deren Preise sind sogar noch länger im Steigen begriffen. Und so sind beispielsweise schon ein paar Unternehmen ganz frisch in den Container-Verleih eingestiegen. Der Markt ist nicht neu, aber sie haben gemerkt: Es lohnt sich trotz des Wettbewerbs, dort reinzugehen.

Der Markt stellt in jedem Fall die relevanten Informationen bereit. Wie die Entscheidungen in den Unternehmen dann ausfallen, ist nicht vorhersehbar, weil komplex und abhängig von den handelnden Akteuren. Deshalb bleibt das Marktgeschehen weiter kontingent. Doch ohne die validen Informationen aus dem Markt kann ein Unternehmen im Wettbewerb nur raten.

Wenn nun aber ein Staat durch zentralistische Eingriffe das Marktgeschehen im Sinne seiner politischen Agenda steuern möchte, wenn der Staat dafür gezielt Subventionen vergibt, Preise deckelt oder Quoten vorschreibt, dann wird der Staat – gute Absichten hin oder her – schließlich zum Informationsfälscher.

Informationsfälscher

Mit Subventionen verfälscht der Staat massiv die Informationen, die die Anbieter brauchen: Keiner weiß, was Kunden tatsächlich zu zahlen bereit wären. Was passiert, wenn eine neue Regierung an die Macht kommt und diese Subventionen rausnimmt? Gibt es dann diesen Fake-Markt überhaupt noch?

Dieses Misstrauen gegenüber der Information, die der Fake-Markt gibt, kann dazu führen, dass Unternehmen lieber ganz die Finger von diesem Geschäft lassen. Oder die Unternehmen springen erst recht auf den Zug auf, weil es so viel Geld vom Staat dazu gibt – wohlwissend, dass sie das Geschäft möglicherweise in allerkürzester Zeit wieder abschreiben müssen.

Oder die handelnden Politiker sehen sich später, wenn der Fake-Markt kollabiert ist, gezwungen, den in den Fake-Märkten scheiternden Unternehmen z.B. durch billige Kredite helfend unter die Arme zu greifen. Und ruinieren damit gleich noch den Geldmarkt mit.

Das sind nur drei Gründe für kurzfristiges Handeln in der Wirtschaft. Aber alle haben es doch nur gut gemeint.

Wer stolpert, gewinnt nicht

Doch zurück zum Tanker VW, dessen Steuermann mit so großem Tamtam „Feurio“ gerufen hat.

Diess und seinen Leuten nun Untätigkeit vorzuwerfen, wäre infam. Ich weiß, dass VW dramatische Entwicklungen in der Pipeline hat, immer mehr Werke umbaut und nicht unbeträchtliche Summen dafür investiert. Doch die Geschwindigkeit im Markt ist gigantisch und der Wettbewerb treibt genau diese Geschwindigkeit immer weiter an. Das gilt bei Weitem nicht nur für die Automobilbranche.

Da kann jede Informationsverfälschung von politischer Seite zum entscheidenden Stolperstein werden, das Rennen zu verlieren. Und daran habe ich auch als Kolumnist keine Freude, selbst wenn ich Recht behalte.


Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor. In seinem Buch „Der Führerfluch – Wie wir unseren fatalen Hang zum Autoritären überwinden“ stellt er den Krisen in unserem Land Selbstorganisation und die Idee einer Verantwortungsgesellschaft entgegen.