KonfrontationskursWarum man Herbert Diess nicht mit Ferdinand Piëch vergleichen kann

VW-Chef Herbert Diess hält die Wolfsburger Führungskräfte auf Trab
VW-Chef Herbert Diess hält die Wolfsburger Führungskräfte dieser Tage auf Trab IMAGO / Sven Simon

VW-Chef Herbert Diess hält seine Führungsmannschaft dieser Tage schwer auf Trab. Am Mittwoch verärgerte er den Betriebsrat mit radikalen Umbauplänen für den Konzern und einem Jobabbau von bis zu 30.000 Stellen. Der Konzern sah sich am Abend gar genötigt, die Gemüter mit einer Stellungnahme zu beruhigen. Donnerstag war es der Unmut von Diess über die miesen Verkaufszahlen der ID-Reihe in China, der für Schlagzeilen sorgt.

Konkret richtet sich Diess‘ Zorn gegen China-Chef Stephan Wöllenstein, wie der „Business Insider“ schreibt. Der Anlauf der ID-Reihe in der Volksrepublik wird im Konzern als Problem wahrgenommen. Volkswagen hat mit dem ID.6 zwar nachgeliefert. Intern zweifelt man aber daran, dass die Marke von bis zu 100.000 verkauften Elektro-VWs in diesem Jahr noch erreicht werden kann.

Die Wolfsburger müssten die nächsten Monate die Verkaufszahl verdoppeln und dann mindestens auf dem Niveau bleiben, um ihre Ziele zu erreichen. Die Verantwortung hierfür soll Wöllenstein tragen, weil er seinen Vertrieb schlecht aufgestellt habe. Laut VW-Angaben soll der China-Chef bereits auf die Kritik aus der Zentrale reagiert und 150 Showrooms à la Tesla eröffnet haben.

Die Shops, die im Stadtzentrum größerer Metropolen liegen, sollen vor allem jüngere Kunden animieren, statt eines heimischen Elektroautos einen deutschen ID.4 oder ID.6 zu kaufen. Angeblich steht Wöllenstein auf der Abschussliste, sollte es ihm damit nicht gelingen, die Zielmarke von 80.000 bis 100.000 zu erreichen, schreibt der „Business Insider“ unter Berufung auf Insider. Diess redet Klartext – so wie man es inzwischen von ihm gewohnt ist.

In China alles rausholen, was geht

China ist nicht nur für Volkswagen, sondern auch für die Konkurrenten Daimler und BMW der mit Abstand wichtigste Einzelmarkt. Nach der Erholung von der Corona-Pandemie hakt es jedoch im wichtigsten Automarkt der Welt, weil es unter anderem wegen Lockdowns in einigen asiatischen Ländern an Elektronikchips fehlt. Volkswagen ist als Marktführer im Massenmarkt des Landes besonders von dem Produktionseinbruch betroffen. Eine Schippe beim Vertrieb draufzulegen, kann also nicht schaden.

Ob es Wöllenstein gelingt, die Absatzprobleme in China in den Griff zu bekommen, bleibt allerdings abzuwarten. Das Problem könnte sein, dass die Fahrzeuge offenbar auch am Bedarf des Marktes vorbeigehen: Die chinesische Konkurrenz könne mit ihren Autos nicht nur mithalten, sie habe bei der Software auch die Nase vorn und biete die Fahrzeuge zudem auch noch zu besseren Preisen an, werden Insider zitiert.

Diess, ein kompromissloser Verfechter des Elektrokurses im Konzern, hat sich seit 2018, als er das Steuer im Konzern übernahm, erfolgreich den Ruf des Chef-Provokateurs erarbeitet. Wenn es um seine Ziele geht, nimmt er weder ein Blatt vor den Mund noch scheut er die Konfrontation. Das hat er mehrmals bewiesen. Zu spüren bekam das jüngst auch der für Chips verantwortliche Konzernvorstand Murat Aksel, der wie Diess von BMW kommt und eigentlich als dessen Vertrauter gilt.

Diess kritisierte intern wiederholt, dass BMW deutlich besser durch die Chipkrise komme und frühzeitig reagiert habe. Streitbar zeigte Diess sich auch in der Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Betriebsratschef Bernd Osterloh. Die beiden gerieten öfter heftig aneinander, bevor Osterloh als Personalvorstand zur Lkw-Tochter Traton wechselte. Kampfgeist und Unerschrockenheit stellte er im Sommer auch bei seinen Vertragsverhandlungen unter Beweis, die dann auch erst im dritten Anlauf glückten. Wenn alles gut geht, wird Diess den Volkswagen-Konzern bis Oktober 2025 führen.

Streitbar – aber für die Sache

Mancher Beobachter erinnert Diess‘ konsequenter Führungsstil an alte Zeiten. Berühmt und berüchtigt für seine Rausschmisse und seinen wenig zurückhaltenden Umgang mit Führungskräften war einst Patriarch Ferdinand Piëch. Piëch lenkte die Geschicke des VW-Imperiums über mehr als zwei Jahrzehnte – mit großem wirtschaftlichen Erfolg, aber auch mit harter Hand und ausgesprochen wenig Taktgefühl.

Machtkämpfe auf offener Bühne waren seine Spezialität, ohne seine Knute war Volkswagen zwischen 1993 bis 2002 schlicht nicht denkbar. Erst 2015 musste der streitbare Manager die Waffen strecken, nachdem er die Machtprobe mit seinem „Ziehsohn“ und damaligen Vorstandschef Martin Winterkorn suchte und verlor.

Doch ist der Vergleich mit Piëch berechtigt? Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer winkt ab. „Das Bild hinkt“, sagt er ntv.de. „Beide sind innovationsbegeistert. Aber Diess passt in die Zeit der Digitalisierung. Piëch war ein Mann aus dem 19. Jahrhundert.“ Es seien grundsätzlich andere Persönlichkeiten. Während Piëch nicht viel gesprochen habe und verschlossen gewesen sei, sei Diess offen und kommunikativ. „Er liebt die Öffentlichkeit“, so Dudenhöffer. Wenn man Diess mit jemandem vergleichen wolle, dann mit Tesla-Chef Elon Musk. „Von Hierarchie hält Diess – anders als Piëch damals – gar nichts.“

„Piëch konnte hart zuschlagen“, sagt Dudenhöffer. „Vor allem die Entwickler haben das zu spüren bekommen. Die wurden auch schnell mal ,geschlachtet‘.“ Die Debatte um den Konzernumbau in Wolfsburg, die Diess angestoßen hat, hält der Autoexperte für richtig. Gerade das Werk in Wolfsburg neu zu sortieren, sei wichtig. Die steigende Konkurrenz durch den US-Rivalen Tesla mit dessen neuem Werk in Grünheide südöstlich von Berlin müssten alle deutschen Autobauer „sehr ernst nehmen.“

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de