Anne Brorhilker Die Frau, die den Banken im Cum-Ex-Skandal das Fürchten lehrt

Die Kölner Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker im Gerichtssaal
Die Kölner Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker im Gerichtssaal. Im milliardenschweren Cum-Ex-Steuerskandal hat Anfang April vor dem Bonner Landgericht ein Strafprozess gegen den bekanntesten Akteur der Aktiendeals begonnen, den Anwalt Hanno Berger
© picture alliance/dpa | Oliver Berg
Angst vor großen Namen hat Anne Brorhilker nicht. Im Cum-Ex-Skandal sind keine Größen der Hochfinanz vor der Kölner Oberstaatsanwältin sicher. Kritiker sagen, sie gehe zu weit

Die Frau, die die Finanzwelt das Fürchten lehrt, arbeitet weder in der Bankenaufsicht noch bei einem Hedgefonds, und ihr Büro ist auch nicht in der Londoner City oder an der Wall Street. Aber in den großen Investmentbanken kennt man ihren Namen: Anne Brorhilker, Kölner Oberstaatsanwältin, die Profiteure des milliardenschweren Cum-Ex-Skandals – mutmaßlich der größte Steuerskandal der Geschichte – zur Rechenschaft ziehen will.

Die 48-Jährige hat in den vergangen zwei Jahren Urteile gegen vier Banker erstritten. Die globale Finanzindustrie zittert: Diese Woche etwa ließ sie die Frankfurter Büros von Morgan Stanley durchsuchen. So erging es im März auch Barclays und Merrill Lynch. Offensichtlich widmet sie sich nun den Großbanken.

Es wird erwartet, dass sie in den nächsten Monaten den ersten Top-Banker anklagt: Christian Olearius, einst Chef von M.M. Warburg und nach wie vor Mehrheitseigentümer der Bank. Olearius bestreitet, etwas Illegales getan zu haben.

Zu den Bankern, gegen die ihre Behörde ermittelt, gehören die Ex-Chefs der Deutschen Bank Anshu Jain und Josef Ackermann und deren früherer Investmentbanking-Leiter Garth Ritchie. Auf der Liste steht auch die Vorstandsvorsitzende der Macquarie Group Shemara Wikramanayake und ihr Vorgänger Nicholas Moore.

Klotzen, nicht kleckern

Brorhilker, Hauptabteilungsleiterin in Köln, hat deutlich gemacht, dass sie auch gegen Top-Manager vorgehen will, statt die Sache – wie oft in Wirtschaftsstrafsachen – per Vergleich lautlos zu beerdigen. Sie ermittelt derzeit gegen etwa 1500 Personen, die mutmaßlich an den Geschäften beteiligt waren. Die Transaktionen fanden vor allem zwischen 2006 und 2012 statt. Man schätzt, dass Cum-Ex den deutschen Steuerzahler mindestens 10 Mrd. Euro gekostet hat.

Sie habe sich „in einen extrem komplexen Skandal akribisch eingearbeitet“, sagt Konrad Duffy, Referent zur Verhinderung von Finanzkriminalität bei der Nichtregierungsorganisation Finanzwende. „Andere Staatsanwälte hätten die Ermittlungen womöglich schnell gegen ein paar Vergleichszahlungen von Banken eingestellt, aber dann wären die genauen Details der Verwicklungen der Finanzindustrie nie ans Licht gekommen.“

Dieser Artikel basiert auf Interviews mit mehr als einem Dutzend Personen, die Brorhilker kennen. Die meisten baten darum, anonym zu bleiben. Brorhilker lehnte ein Interview ab.

Die kleine Frau mit den langen, aschblonden Haaren und zuweilen auffälligen Brillenmodellen ist längst das Gesicht der Cum-Ex-Ermittlungen geworden. Sie hat sich den Respekt vieler Strafverteidiger erarbeitet, die sie als mutig, fleißig und zuverlässig bezeichnen. Einige geben zu, sie zunächst unterschätzt zu haben.

Zu weit gegangen?

Ihre Kritiker monieren, sie gehe zu weit. Ein Rechtsvertreter der von Brorhilker seit Jahren ins Visier genommenen Privatbank M.M. Warburg erklärte in einer Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof, die Staatsanwaltschaft Köln führe eine Kampagne gegen die Bank.

Selbst diejenigen, die ihre Arbeit loben, sagen, Brorhilker übernehme sich. Es sei schon rein praktisch unmöglich, Tausende von Beschuldigten anzuklagen, und die Verfahren dauerten zu lange. Sinnvoller sei es, sich jetzt mit den Banken gegen hohe Summen zu einigen, statt jahrelang mit zweifelhaften Erfolgsaussichten zu ermitteln.

Thomas Fischer, früherer Richter am Bundesgerichtshof, der Olearius im Hamburger Cum-Ex Untersuchungsausschuss vertritt, legt noch einen drauf. „Sie ist sicherlich qualifiziert und eine sehr fleißige Staatsanwältin, aber sie ist extrem festgelegt“, so Fischer. „Nach dem Leitbild der deutschen Strafprozessordnung muss eine Staatsanwältin an jeden Fall unvoreingenommen herangehen. Doch sie hat selbst öffentlich gesagt, sie habe von Anfang an nicht eine Sekunde gezweifelt, dass Cum-Ex strafbar sei. Das passt nicht zusammen.“

Demonstranten halten vor dem Landgericht Plakate mit der Aufschrift „Alle Cumex Täter vor Gericht“
Aktivisten der Bürgerbewegung Finanzwende jetzt halten vor dem Landgericht Plakate mit der Aufschrift „Alle Cumex Täter vor Gericht“
© picture alliance/dpa | Thomas Banneyer

Brorhilker kam 2013 mehr oder weniger zufällig zu Cum-Ex. Eine Kollegin hatte ihre Arbeitszeit reduziert und musste Akten abgeben. Damals kannte kaum jemand außerhalb der Finanzbranche den Begriff Cum-Ex.

Bei dieser Handelsstrategie wurden Aktien um den Dividendenstichtag herum hin- und herverkauft mit der Folge, dass mehreren Käufern Kapitalertragssteuer erstattet wurde, die aber nur einmal gezahlten worden war. Vor allem die Art, wie die Abgabe in Deutschland erhoben wurde, hatte diesem Trick Tür und Tor geöffnet. Die hochkomplexe Struktur machte es schwierig, das Treiben aufzudecken.

Als Brorhilker anfing, war umstritten, ob es sich um eine clevere Strategie handelte, die lediglich ein schlechtes System ausnutzte – oder um Straftaten. Zunächst ermittelte sie allein, und die Cum-Ex-Akte war nur eine von vielen auf ihrem Schreibtisch. Ihr gegenüber stand ein Heer von hochbezahlten Anwälten.

Widerstände gab es auch intern. Im Jahr 2020 durchkreuzte Vorgesetzten ihren Plan, die Hamburger Steuerbehörden in der Causa Warburg zu durchsuchen. Erst ein Jahr später – und nachdem das Justizministerium in Düsseldorf sich einschaltete, konnte sie die Fahnder schließlich doch losschicken.

Heute leitet sie eine Abteilung mit 30 Staatsanwälten, die sich mit Cum-Ex beschäftigen. Das Land Nordrhein-Westfalen richtete neue polizeiliche Ermittlungsgruppen ein. Deutschland hat sogar die Verjährungsfrist für Steuerstraftaten verlängerte. Nun hat sie mehr Zeit, gegen die mutmaßlichen Akteure vorzugehen.

Musikliebhaberin

Brorhilker, die verheiratet ist, spricht nicht viel über ihr Privatleben, wie Menschen berichten, die mit ihr zu tun haben. Sie ist eine leidenschaftliche Musikliebhaberin, spielt zwei Instrumente und hatte nach dem Abitur kurz überlegte, Lehrerin zu werden. Ihr Bruder Jan Brorhilker ist Chief Operating Officer der deutschen Niederlassung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Auch ihr Vater war dort Partner.

Einmal wandte sie sich an ihren Bruder, Wirtschaftswissenschaftler wie der Vater. Als sie mit den Ermittlungen begann, behaupteten Cum-Ex Akteure, sie täten nichts anderes, als „Marktineffizienzen“ auszunutzen. Ihr Bruder erklärte, so etwas gebe es auf Märkten nicht, der Gewinn müsse anderswo herkommen. Für Brorhilker war klar: Das konnte nur die Steuererstattung sein.

Aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, studierte sie Rechtswissenschaften an der Universität Bochum. Nach den Examina ging sie zur Staatsanwaltschaft. Wer mit ihr zu tun hat, berichtet, dass sie nicht selten auch abends und am Wochenende arbeite. Mancher Strafverteidiger bekommt schon mal einen Anruf aus dem Ferienhaus ihrer Eltern an der Nordsee, wo sie auch im Urlaub über Akten sitzt.

Die nächsten fünf Jahre

Brorhilker erregte erstmals 2014 Aufmerksamkeit in der Finanzwelt – mit Razzien in ganz Europa, auf den Britischen Jungferninseln und den Cayman-Inseln. Damals waren Strafverfolgungsbehörden von 14 Ländern beteiligt. Sie verfolgte die Aktivitäten über einen großen Einsatzbildschirm im Landeskriminalamt.

Aktionen wie diese steigerte den Ermittlungsdruck, der schließlich den zentralen Durchbruch brachte: Insider aus der Cum-Ex-Szene, die die Seite wechselten. Brorhilker verbrachte den größten Teil des Jahres 2017 damit, Beschuldigte zu vernehmen, die sich bereit erklärt hatten, mit der Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten.

Wer sich dagegen entscheidet, bekommt zuweilen harsche Konsequenzen zu spüren. Im Sommer 2020 wurde der Chef eines britischen Hedgefonds auf Betreiben der Kölner Ermittler in Südfrankreich festgenommen, als er gerade dabei war, nach dem Urlaub mit seiner Familie in ein Flugzeug nach London zu steigen. Er wurde nach Deutschland gebracht und konnte erst wieder ausreisen, nachdem er verhört worden war und eine Kaution hinterlegt hatte. 

Brorhilker ist noch lange nicht fertig.

„Wir müssen für die nächsten fünf Jahre planen“, sagte sie im Oktober in einem Interview mit der ARD. „Wenn es um eine Milliarde Euro Steuerschaden geht, und in einzelnen Fällen ist das so, dann bedarf das natürlich der Vorbereitung.“

An Geduld mangelt es ihr nicht. Wie etwa bei Hanno Berger, der einst als Deutschlands erfolgreichster Steueranwalt galt, bevor er als „Spiritus Rector“ von Cum-Ex betitelt wurde. Fast ein Jahrzehnt hatte er in seinem Schweizer Chalet verbracht, bevor er im Februar ausgeliefert wurde. Seit Anfang April steht er in Bonn vor Gericht. Berger bestreitet vehement, sich strafbar gemacht zu haben.

Das Heer von Anwälten, das die Banken rekrutiert haben, ist weiterhin im Einsatz mit der Aufgabe, jeden Schritt von Brorhilker zu überwachen. Heute jedoch unterschätzt sie niemand mehr.

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