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Wirtschaft in Russland „Ich habe unbezahlte Kredite und sitze zu Hause und koche Borschtsch wie eine Idiotin“

Geschlossener Louis Vuitton Laden in Moskau
Heute kein Luxus: Geschlossener Louis Vuitton Laden in Moskau
© IMAGO / ITAR-TASS
Lange haben die westlichen Sanktionen im russischen Straßenbild kaum sichtbare Spuren hinterlassen. Doch inzwischen spüren immer mehr Arbeitnehmer und Verbraucherinnen die Einschränkungen

Natalja Kljujewa begann ihre Suche nach einem neuen Job in Moskau im Februar - kurz vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine und der Sanktionswelle des Westens. Drei Monate später muss die 46-Jährige feststellen, dass ihr die 20 Jahre Berufserfahrung im Vertrieb auf höchster Ebene in der vom Krieg veränderten Unternehmenswelt kaum etwas bringen.

„Es gibt keine Nachfrage. Um ehrlich zu sein, bin ich entsetzt“, sagte Kljujewa und beschrieb das Geschäft in Russland als „eingefroren“, während westliche Firmen aus dem Land „weggeschmolzen“ seien. „Ich habe zwei Kinder, ich habe unbezahlte Kredite, ich habe unvollendete Bauarbeiten ... und ich sitze zu Hause und koche Borschtsch wie eine Idiotin."

Ihre Erfahrung mit dem Wandel auf dem Arbeitsmarkt ist ein Indikator dafür, wie Sanktionen und westliche Wirtschaftsembargos langsam in die russische Wirtschaft eindringen und zu Geschäftsschließungen und unterbrochenen Lieferketten führen - trotz der Bemühungen von Präsident Wladimir Putin, das Land vor den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine abzuschirmen.

In einem Land, in dem ein großer Teil der Arbeitnehmer beim Staat beschäftigt ist und in dem vor kurzem Erhöhungen der Renten und Mindestlöhne beschlossen wurden, mussten die meisten Russen keine dramatischen Veränderungen ihres täglichen Lebens verkraften. Dank der hohen Einnahmen aus den Öl- und Gasexporten hat der Kreml auch die Möglichkeit, dem Privatsektor Anreize zu bieten, Arbeitnehmer in den Urlaub zu schicken, anstatt sie zu entlassen. Die Arbeitslosigkeit liegt weiterhin bei etwa vier Prozent, kein Vergleich zu den Spitzenwerten während der Pandemie. Und die Inflation, die im April mit 17,8 Prozent einen Zwei-Dekaden-Höchststand erreichte, beginnt sich zu verlangsamen.

„Die Preise für Lebensmittel sind zwar gestiegen, aber im Großen und Ganzen hat sich nicht viel geändert“, sagt die in der Hauptstadt lebende Ökonomin Tatjana Michailowa. Wenn man die Fernsehnachrichten nicht einschaltet, „könnte man leicht den Eindruck bekommen, dass überhaupt nichts passiert“, sagt sie. Die Situation fühle sich dadurch „absurd" an.

Beurlaubt oder in Teilzeit geschickt

Dennoch gibt es eine Reihe von Indikatoren, die ein Barometer für die sich abzeichnenden Veränderungen sind. Die offenen Stellen sind einer davon. Obwohl die Arbeitslosenzahlen im Großen und Ganzen stabil geblieben sind, hat die Online-Rekrutierungsplattform Headhunter festgestellt, dass die Zahl der ausgeschriebenen Stellen im April im Vergleich zum Vorkriegsmonat Februar um 28 Prozent gesunken ist. Die Stellenanzeigen in den Bereichen Marketing, PR, Personalwesen, Management und Bankwesen sind um 40 bis 55 Prozent zurückgegangen.

„Es gibt derzeit so viele hochqualifizierte Leute auf dem Markt. Der Wettbewerb um eine Stelle ist enorm", so Kljujewa. Wirtschaftswissenschaftler sagen einen härteren Kampf um Jobs voraus. Die Zahl der beurlaubten Beschäftigten ist nach offiziellen Angaben von 44.000 Anfang März auf 138.000 Mitte Mai gestiegen, und auch die Zahl der Teilzeitkräfte hat zugenommen.

Der Wandel ist vielleicht am deutlichsten in den russischen Einkaufsvierteln und -zentren zu sehen. In Moskau machen Läden ausländischer Marken rund 40 Prozent der Einzelhandelsfläche in großen Einkaufszentren aus, so das Immobilienberatungsunternehmen ILM. Viele dieser Shops mussten schließen, nachdem diese Marken ihr Russlandgeschäft aufgegeben haben. Etwa 15 bis 20 Prozent der Geschäfte in Moskauer Einkaufszentren sind nach Angaben von Knight Frank Russia inzwischen geschlossen. Bis zum Ende des Jahres könnten bis zu 20 Prozent aller Moskauer Büroflächen leer stehen, so ILM, vor allem durch den Wegzug westlicher Firmen.

Schaut man aufs Land, sind die Auswirkungen nicht so offensichtlich. Die Stylistin Mara Kanakina aus Wolgograd im Süden Russlands sagte, sie sei schockiert gewesen, als sie letzte Woche Moskau besucht habe. „Ich ging die Stoleschnikow-Gasse entlang", sagt Kanakina über eine der glamouröseren zentralen Straßen Moskaus, „und so ziemlich alles war geschlossen".

Als selbstständige Unternehmerin war Kanakina auch von Engpässen bei importierten Teilen oder Materialien betroffen. Sie bezog Kleidung und Accessoires von ausländischen Modedesignern und westlichen Marken für Kunden in ganz Russland – aber am Tag der Invasion war „ganz Europa geschlossen“, sagte sie. Die Lieferanten stellten ihre Geschäfte mit russischen Kunden ein. Visa und Mastercard verließen das Land, was bedeutete, dass sie keine internationalen Kartentransaktionen durchführen konnte. Die Lieferlogistik brach zusammen. „Ich bin mit dem Kopf so oft gegen die Wand gelaufen, dass ich ein Loch hineingeschlagen habe", sagt sie.

Jetzt verlässt sie sich auf Zwischenhändler in Ländern wie Georgien und Kasachstan, um westliche Markenartikel zu bestellen und zu erhalten, und nennt sich selbst die „Sanktionsfee". „Ich weiß, dass ich alles bekommen kann", sagte sie, „aber es braucht Zeit und Geduld", um die neue Logistik zu organisieren.

Leere Weinregale

Der Mangel an importierten Waren verändert auch andere Konsumgewohnheiten. Importierter Wein machte 2021 40 Prozent des russischen Marktes aus, das sind 370 Millionen Liter. Die Weinregale sehen nun leerer aus, so Michailowa. Und da die Smartphone-Marktführer Samsung und Apple ihre Beziehungen zu Russland abgebrochen haben, sind auch dort die Importe zurückgegangen. Im Gegensatz dazu hat das Analyseunternehmen GS Group festgestellt, dass die Importe von alten „Brick"-Telefonen im ersten Quartal um 43 Prozent gestiegen sind.

Wie weit die Einfuhren zurückgegangen sind, lässt sich nur schwer sagen, da die russischen Behörden keine Zahlen mehr veröffentlichen. Anhand der Daten von 20 der größten Handelspartner Russlands haben die Ökonomen des Institute of International Finance jedoch geschätzt, dass die Einfuhren im April im Vergleich zum Vorjahresmonat um 50 Prozent zurückgegangen sind. Die Daten über die Erhebung der Mehrwertsteuer auf inländische Waren zeigen, in welchem Maße der Verbrauch zu sinken beginnt und die Wirtschaftstätigkeit zurückgeht. Nach Angaben des Finanzministeriums sind die Mehrwertsteuereinnahmen im April um 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geschrumpft.

„Dies sind nur die ersten, geringfügigen Veränderungen", sagte Michailowa. Wirtschaftsexperten erwarten turbulente Zeiten, darunter einen Rückgang des BIP um bis zu zehn Prozent und eine Verdoppelung der Arbeitslosigkeit bis zum Herbst. Das könnte sich auf die Konsumausgaben für Dinge wie Urlaub auswirken. Nach Angaben der Personalvermittlungsplattform Super Job geben 35 Prozent der Russen an, dass sie sich in diesem Jahr keinen einwöchigen Urlaub leisten können; im letzten Jahr waren es noch 30 Prozent.

Eine weitere Person, die mit einem unsicheren Arbeitsmarkt konfrontiert ist, ist Maria Barabanowa. Die Marketingexpertin in Moskau leitete den Vertrieb in Russland für ein deutsches Unternehmen für Schönheitstechnologie. Doch seit Anfang Mai ist die 37-Jährige auf der Suche nach einem neuen Job – weil es keine Produkte zu vermarkten gibt. „Es gibt leider keine Importe mehr", sagt sie. „Unsere Moskauer Messen sind abgesagt worden. Es gibt keine Geräte, die wir vorführen können."

© The Financial Times Limited 2022.


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