ÖkonomieAmartya Sen: Vordenker globaler Gerechtigkeit

Amartya Sen bei der Vorstellung seines Buches
Amartya Sen bei der Vorstellung seines Buches "A Quantum Leap in the Wrong Direction" im Februar 2019 in Neu Delhi. Eine Reihe älterer Werke erscheinen derzeit in deutscher Übersetzung. imago images / Hindustan Times

Ohne ihn wäre der Kampf gegen die Armut um vieles ärmer. Der indische Intellektuelle Amartya Sen hat den Weg bereitet, Entbehrungen ökonomisch zu messen, dabei aber die menschliche Entwicklung in den Mittelpunkt zu stellen. Dank seiner Erkenntnisse haben die Vereinten Nationen den Human Development Index als Messlatte – und inzwischen 17 globale Nachhaltigkeitsziele (SDG), die es zu erreichen gilt. Somit ist Amartya Sen ein wesentlicher Wegbereiter dafür, die Ursachen von Armut und Hunger ganzheitlich an vielen Umständen und politischen Entscheidungen festzumachen.

Weil der 86-jährige Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph auch Weltbürger ist, hat der Börsenverein ihn in diesem Jahr als einen „Vordenker in Fragen der globalen Gerechtigkeit“ mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. In seiner Laudatio forderte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unter Berufung auf Sen „Regeln für die Globalisierung“. Wenn diese sich als ungerecht erwiesen, „müssen wir dann nicht die Regeln ändern?“, fragte er.

In der Begründung der Preisvergabe hebt die Jury vor allem seine Arbeiten zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit hervor. Sie „sind heute so relevant wie nie zuvor“, gesellschaftlichen Wohlstand messe Sen nicht allein am Wirtschaftswachstum oder dem ökonomischen Gesamtnutzen, sondern immer auch an den individuellen Entwicklungsmöglichkeiten gerade der Schwächsten. Bei der Frage, ob Wachstum für Gerechtigkeit sorgt oder eben gerade nicht, ist Sen einer der bedeutendsten Vertreter der Auffassung, dass ohne eine gesunde, gut ausgebildete Bevölkerung kontinuierliches Wirtschaftswachstum unmöglich ist.

Einfluss auf ökonomische Denkschulen

Die Friedenspreis-Jury sieht sein Werk als Aufruf, eine Kultur politischer Entscheidungen zu fördern, die von der Verantwortung für andere getragen ist und niemandem das Recht auf Mitsprache und Selbstbestimmung verwehrt. Diese moralischen und ethischen Ansprüche – ein grundsätzlicher Gegenentwurf zur vorherrschenden marktliberalen Lehre – haben viele Ökonomen nachhaltig geprägt. In der Tradition von Amartya Sen gewinnen moderne Denkschulen, die ökonomische und soziale, aber auch ökologische Herausforderungen zusammen denken zunehmend an Bedeutung, unterstreicht etwa das Institute for New Economic Thinking (INET), das unter anderem an der Oxford Martin School der berühmten britischen Oxford angesiedelt ist. Die Einrichtung hat es sich zum Ziel gesetzt, den „marktfundamentalistischen Konsens“ der Wirtschaftswissenschaften zu erschüttern.

Gemeinsam forschen nicht nur INET oder das International Inequalities Institute der London School of Economics and Political Science (LSE) an Ungleichheitstheorien. Amartya Sen zu Ehren werden Vortragsreihen abgehalten und jüngst wurde ein Lehrstuhl für Inequalities Studies eingerichtet. Fragt man dessen ersten Inhaber Francisco Ferreira, wen er heute für die führenden ökonomischen Denker hält, die in die Fußstapfen des Pioniers Sen treten, fallen ihm spontan einige Namen ein. Ferreira war vor seiner Berufung Forschungsdirektor der Weltbank und leitete dort die Einheit Armut und soziale Ungleichheit.

Hungersnöte und ihre Ursachen

Der Amartya Sen am nächsten stehende „Schüler“ ist zweifellos sein Wegbegleiter Jean Dreze. Der in Belgien aufgewachsene Inder forderte Sen in einem Brief auf, jenseits der Ursachen auch über die Vorbeugung von Hungersnöten zu schreiben. Es folgte eine fast 30-jährige Zusammenarbeit, die mit dem gemeinsamen Buch Hunger and Public Action  (Oxford University Press, 1989) begann: ein Standardwerk für viele Akademiker, die sich über herkömmliche Armutsindikatoren hinaus für unterschiedliche Hürden zu menschlichen Entwicklungschancen interessieren.

Auch der mit dem Nobelpreis für Ökonomie geadelte UN-Index der menschlichen Entwicklung – der Human Development Index – ist ohne das Werk nicht denkbar. Viel beachtet, entstand 2014 die gemeinsame kritische Betrachtung von Indien. Ein Land und seine Widersprüche (C.H. Beck Verlag, München 2014), eine kritische Analyse der Wechselwirkung zwischen demokratischem System, Wirtschaft und sozialem Gefüge sowie der Vernachlässigung sozialer Probleme. Anders als Sen, der sich nie in die direkte Beratung von Regierungen begab, gilt Dreze als „Barfußökonom“, der sich als Aktivist beständig einmischt.

Armut hat viele messbare Gesichter

Zu den führenden Ökonomen, die Sens Theorien über die Fähigkeit oder Befähigung zur menschlichen Entwicklung weiterschreiben, gehört der Amerikaner James Foster. Der Ökonom und Professor für Wirtschaft und internationale Angelegenheiten an der George Washington University hat in der Wohlfahrtsökonomie und Armutsmessung maßgeblich die „Alkire-Foster-Methode“ mitentwickelt: die Grundlage für einen multidimensionalen Armutsindex (MPI). Foster zufolge hat er einige Regierungen dazu gebracht, ihre Methoden der Armutsbekämpfung zu hinterfragen und zu verbessern.

Der MPI weitet den Blick von individuellen Einkommensschwellen, (die zum Beispiel extreme Armut unterhalb von 1,90 Dollar pro Tag definieren,) und bricht stattdessen für Haushalte das Konzept der Armut herunter auf Grundbedürfnisse von Menschen, die sie sich nicht erfüllt können. Er misst somit Entbehrungen, die Entwicklung behindern, wie Bildungsarmut, elende Wohnverhältnisse oder fehlende Gesundheitsversorgung. Nach Sens Denkschule alles Faktoren, die die Entscheidungsfreiheit der Menschen zur sozialen Selbstbestiummung einschränken. In jüngerer Zeit forscht Foster zu den notwendigen Qualitäten und Dimensionen von inklusivem Wirtschaftswachstum.