Industrie 4.0„Als Marktführer sind wir natürlich der Gejagte“

EOS-Werk im bayrischen Maisach
EOS-Werk im bayrischen MaisachEOS GmbH

Capital: EOS hat allein im letzten Geschäftsjahr 450 Systeme ausgeliefert, ein Sechstel aller weltweit installierten EOS-Anlagen. Wieso erlebt die additive Fertigung derzeit so einen Schub?

Adrian Keppler: Wollen Unternehmen sich differenzieren, geht das nur über Innovation – neues Design, neue Produkte, neue Herstellungsmethoden. Alle wollen den Treibstoffverbrauch reduzieren, etwa die Luftfahrt. Dafür braucht man Leichtbau. Da bietet der industrielle 3D-Druck Vorteile, weil man neue Geometrien schaffen kann. Ein anderer Trend ist die Individualisierung. Vom Aufwand her ist es egal, ob Sie 100 identische oder 100 verschiedene Teile drucken. Einer unserer Kunden stellt Schmuck her – und kann jetzt jedem seiner Kunden ein individuelles Produkt anbieten.

Wie verändert sich der Umgang mit den Kunden – jetzt, wo 3D-Druck breiter eingesetzt wird?

Zu unseren Kunden gehörten schon immer Konzerne wie BMW, Daimler, Siemens. Die schauen heute nicht mehr nur aus Forschungsgesichtspunkten auf 3D-Druck, sondern auch aus Sicht der Produktion. Früher lauteten die Fragen: Mit welchen Materialien könnt ihr arbeiten und wie groß können die Bauteile sein? Heute eher: Könnt ihr eine an zehn Standorten reproduzierbare Qualität plus Kostenersparnis garantieren?

Additive Fertigung war lange ein Feld, auf dem sich Spezialisten getummelt haben. Nun drängen die Konzerne herein. Was macht das mit dem Business?

General Electric hat unseren fränkischen Wettbewerber Concept Laser gekauft. Dazu kommen Trumpf, Hewlett-Packard, DMG Mori. Sicher, die Großen gehen anders vor als der deutsche Mittelstand. Hewlett-Packard beispielsweise ist eine „Marketingmaschine“. Aber Größe und finanzielle Mittel allein zählen nicht. Es geht um Kompetenz. Unsere 1250 Mitarbeiter tun seit drei Jahrzehnten nichts anders, als sich mit 3D-Druck zu beschäftigen.

Noch ist EOS Marktführer.

EOS wurde vor 30 Jahren gegründet. Wir sind ein Pionier und haben einen sehr großen Beitrag zum heutigen Stand des 3D-Drucks geleistet. Als Marktführer sind wir natürlich immer der Gejagte. Zumal der Markt immer attraktiver wird. Unser Ziel ist es, unseren Marktanteil zu halten. Dazu sind wir bestens aufgestellt.

Ist man da als Familienunternehmen nicht im Nachtteil?

Ich kenne beide Seiten: Ich habe lange in einem Konzern gearbeitet, nun in einem Familienunternehmen. Bei EOS sind wir flexibel, unabhängig, nah am Kunden. Unsere Vision: Wir wollen den 3D-Druck in die industrielle Fertigung bringen. Die Nachteile? Klar: Unser Shareholder sagt, ihr müsst euer operatives Geschäft aus dem Cashflow finanzieren. Wir können nicht alles auf einmal tun. Wenn ich ein Gebäude bauen will, muss ich das Geld zuvor verdient haben. Aber das hilft uns, zu fokussieren. So kann man den Nachteil in einen Vorteil verwandeln. Wir sind weiter auf Erfolgskurs: EOS konnte seinen Umsatz im vergangenen Fiskaljahr um zehn Prozent auf rund 346 Mio. Euro steigern.

Wie verteidigt man Marktführerschaft?

Deliver what you promise. Bei unseren Kunden haben technikbegeisterte Ingenieure ihr Management überzeugt, sich mit der Technologie zu beschäftigen und in den 3D-Druck zu investieren. Diese Menschen müssen wir erfolgreich machen.

Herrschen in Deutschland immer noch die Bedingungen für eine starke Industrie?

Deutschland ist weiterhin ein sehr attraktiver Standort. Wir haben gute Chancen, uns abzusetzen durch Industrie 4.0 – auch wenn man das von der Buzzword-Ebene holen und auf Kundennutzen runterbrechen muss. 3D-Druck als die erste echt digitale Fertigungstechnologie ist da gut positioniert. Was EOS hilft, ist die Nähe zu anderen Weltmarktführern, zu all den Hidden Champions um uns herum, die für technologische Neuerungen offen sind. Diese gemeinsame Kultur macht es leicht zu kooperieren.

China setzt auf eine Industriepolitik, die Schlüsselindustrien mit Staatshilfen fördert. Brauchen wir in Europa etwas Ähnliches?

China, aber auch die USA oder Singapur bringen die Industrie mit gezielten Förderprogrammen voran. In Deutschland spüren wir dergleichen weniger stark. Der Staat muss die Grundlage schaffen, dass innovative Firmen gefördert werden, ohne top-down ein genaues Programm vorzugeben. Auf EU-Ebene müssen wir Schlüsseltechnologien im Kontext von Industrie 4.0 identifizieren und überlegen, wie wir Referenzen für den Export schaffen können.

Klingt nach einer Bewerbung.

Dafür gibt es nicht nur eine technologische, sondern auch eine strategische Begründung. Nur als Idee: In Zeiten drohender Handelskriege könnte die additive Fertigung helfen, gewisse geopolitische Trends zu umgehen. Ich muss ja kein Bauteil in die USA exportieren. Da schicke ich einfach den Datensatz hin und drucke vor Ort.