Anleihekaufprogramm8 Thesen zur Geldflut der EZB

EZB-Präsident Mario Draghi
EZB-Präsident Mario DraghiGetty Images

Man muss sich die Finanzmärkte in den vergangenen Jahren wie einen gigantischen Kindergeburtstag vorstellen. Es gab Torte bis zum Umfallen, mit Extrasahne obendrauf, Chips, Schokolade und dann noch Pommes und Würstchen, so viel man wollte. Und Kakao und Limonade. Klar ist so eine Party eine zweischneidige Sache. Niemand ist gerne Spielverderber, wenn es gerade am schönsten ist. Aber nächtliche Noteinsätze im Kinderzimmer sind auch eine Erinnerung fürs Leben.

So ungefähr muss sich Mario Draghi im Augenblick fühlen. Der Präsident der Europäischen Zentralbank muss eine Party beenden, die gerade erst so richtig in Fahrt gekommen ist. Wie man das macht? Man tut so, als ginge sie weiter. Nur stellt man schon mal die Süßigkeiten zurück in den Schrank. Und sammelt ein paar Flaschen ein.

Genau damit hat Draghi Ende Oktober 2017 angefangen. Er nehme nichts weg, versicherte er nach der Sitzung der EZB-Spitze. „This is just downsizing“, nur ein bisschen weniger. Statt 60 Mrd. Euro monatlich werde man ab Januar einfach nur noch 30 Mrd. ausgeben. Merkt ja keiner.

Und tatsächlich, die Party ging weiter. Der Dax kletterte Anfang November auf annähernd 13.500 Punkte, der Euro verlor gegenüber dem Dollar fast 2 Cent an Wert.

Kein gedrucktes Geld

Für mehr als 2000 Mrd. Euro haben die EZB und 18 nationale Notenbanken der Eurozone seit dem 9. März 2015 Staatsanleihen aufgekauft. Erst für 60 Mrd. Euro im Monat, dann 80, seit April dieses Jahres wieder für 60. Von Januar bis September 2018 werden es noch mal 30 Mrd. Euro sein – jeden Monat. Sie sind damit heute die größten Gläubiger ihrer Heimatstaaten – eine Situation, die die Väter des Euro sicher nicht im Sinn hatten, als sie den Euro-Stabilitätspakt entwarfen.

Das Geld, das die Zentralbanker für die Anleihen ausgaben, war kein gedrucktes Geld. Aber doch Geld, das bei den Verkäufern, Banken und Versicherungen, auf Konten gutgeschrieben wurde und das sie wiederum für den Kauf anderer Anleihen oder von Aktien nutzen konnten – oder ganz klassisch für die Vergabe von Krediten.

Der März 2015 war ein Einschnitt. Bis dahin zählten Anleihekäufe, auch Quantitative Easing oder kurz QE genannt, zur „unkonventionellen Geldpolitik“, weitgehend unbekannt in Wirkung und Risiko und daher nur in allergrößter Not anzuwenden. Ende 2014 sahen sich die QE-Anhänger jedoch genau in dieser größten Not. In weiten Teilen der Eurozone stagnierte die Wirtschaft, in manchen Ländern fielen die Preise. Die Gegner fürchteten dagegen explodierende Preise und politisches Chaos, weil jetzt jeder machen können würde, was er wollte – die EZB zahlt ja. Und wie sollten die Notenbanker die Party je wieder beenden?

Nun ist es so weit. Capital zieht eine erste Bilanz von Draghis Party.