AktienWie Draghi die Märkte erschreckt

EZB-Chef Mario Draghi spricht im portugiesischen Sintra
EZB-Chef Mario Draghi schlägt sich auf die Seite der Konjunkturoptimisten
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Mit der Ausgewogenheit hat der Mensch schon immer ein Problem. Ausgewogen essen ist ja schon schwer genug. Ausgewogen leben würden auch viele gerne, doch nur den wenigstens gelingt es. Und bei einer Disziplin geht das Abwägen sehr häufig daneben: beim Reden. Das belegte erst dieser Tage die Rede von Mario Draghi. Wenn Draghi nämlich in seiner Eigenschaft als EZB-Präsident ein Kriterium erfüllen muss, dann das der weitgehenden Neutralität. Er muss genau austarieren, wie viel Optimismus und Pessimismus er verbreiten kann und darf, um eines eben nicht zu tun: die Märkte zu erschrecken und die Finanzakteure in Bewegung zu bringen. Sonst nämlich neigen sie zu überstürzten Handlungen und das war an den Finanzmärkten noch nie gut. Am Dienstag der vergangenen Woche gelang dem EZB-Präsident genau das nicht sehr gut.

Draghi zeigte sich nämlich recht optimistisch. Als er über die Konjunktur in Europa sprach, verwies er auf das gute Wachstum. Ja, er äußerte sogar, der derzeitige Aufschwung gewinne noch an Schub. „Alle Zeichen deuten auf eine Verfestigung und Verbreiterung der Erholung hin“, so hieß das bei ihm. Und er gab sich zuversichtlich, dass die europäische Notenbank sich demnächst wieder mit einer Inflation von zwei Prozent konfrontiert sehe. Womit sie ja ihr Ziel erreicht hätte, denn die zwei-Prozent-Marke gilt als erklärter Teuerungswert, der eine gesund wachsende Wirtschaft anzeige und gerade noch tolerierbar sei. Noch sei die Inflationsrate zwar geringer, aber bei jenen Dingen, die sie hemmten, handle es sich um temporäre Faktoren – was so viel bedeutet, als dass sie früher oder später ihre Bremskraft verlieren werden. Man muss sagen: So viel Optimismus war lange nicht mehr in den Reihen der Zentralbank.

Genau deshalb überhörten auch viele geflissentlich die wohlgesetzten pessimistischen Töne, die es ebenfalls gab: Dass der Aufschwung eben noch nicht besonders stark sei. Dass es natürlich Risiken gebe, die dafür sorgen könnten, dass die Teuerung auch auf absehbare Zeit nicht nennenswert wächst. Dass Deflation nach wie vor ein Thema sei. Das alles blendeten die Zuhörer kurzfristig aus, stattdessen kam am Markt folgende Botschaft an: Draghi scheint bereit, seine Geldpolitik nun doch bald anzupassen. Endlich. Vielleicht also wird die EZB früher als bisher geplant ihren Kurs der Geldschöpfung aufgeben und die Geldflut an den Märkten dann wieder einzudämmen versuchen. Die Reaktion darauf folgte prompt.

Euro verteuert sich

Als Erster machte der Euro im Vergleich zum Dollar einen Satz nach oben. Er verteuerte sich am Wochenanfang von 1,11 Dollar auf 1,13. Er gilt ja schon lange als durch die Eurokrise gebeutelt und gedrückt. Als Nächstes reagierten die Aktienmärkte, denn sie sind es ja vor allem, die jahrelang von den Winzzinsen und der großen Geldschöpfung der Zentralbanken profitiert haben. Weil die Anleger aus Mangel an einträglichen Alternativen nur noch den Weg an die Börse kannten. Die zogen enorm viel neues Kapital an, was die Aktienkurse arg in die Höhe trieb.

EUR/USD (Euro / US-Dollar) Währung

EUR/USD (Euro / US-Dollar) Währung Chart
Kursanbieter: FXCM

Macht die Zentralbank nun tatsächlich ihre Ankündigungen wahr und reduziert die Geldmenge wieder, dann heißt das für die Börsen normalerweise nichts Gutes. Allein der Deutsche Leitindex Dax sackte deshalb nach Draghis Rede um rund 200 Punkte ab, der Eurostoxx verlor knapp 100 Punkte. Die Kurse deutscher Staatsanleihen sanken ebenfalls, wodurch die Rendite spiegelbildlich in die Höhe sprang. Auch andernorts gaben die Anleihenmärkte nach. Das Bisschen Optimismus bewegte also ganz schön die Kurse.

Zu stark für den Geschmack der EZB, die sich bereits einen Tag später um eine Art Dementi bemühte, indem sie – über nicht näher genannte Personen aus den obersten Reihen – die Nachricht streute, sie fühle sich und die Worte ihres Präsidenten missverstanden. Jedenfalls habe sich Draghi keinesfalls festgelegt und ein Ausstieg aus der bisherigen Geldpolitik sei noch gar nicht in Sicht, hieß es aus „Kreisen“ der EZB. Das brachte die Märkte jedoch nur für sehr kurze Zeit dazu, noch einmal ihre Richtung zu ändern. Denn bekanntlich ist die Spitze der Zentralbank sehr südeuropäisch besetzt, da ist es kein Wunder, wenn sich einige Vertreter der Südländer wünschen, die Zeit der niedrigen Zinsen und der Staatsanleihenaufkäufe möge noch eine Weile anhalten.