FondsETFs - Fluch oder Segen?

Was haben der Dalai Lama, die Pockenimpfung und die Indexfonds gemeinsam? Man könnte es auf diesen einfachen Punkt bringen: Es gibt keine Dinge, an denen sich die Geister nicht scheiden. Selbst wenn die allermeisten Leute bestimmte Erfindungen oder Personen als gut und segensreich bezeichnen würden, so gibt es immer jemanden, der damit nicht zufrieden ist. Oder warnt, dass dahinter vermutlich sogar eine Weltverschwörung steckt. Das ist beim Dalai Lama nicht anders als bei der Pockenimpfung und für die Indexfonds gilt es erst recht. Man könnte solche Einwände daher als krude Einzelmeinungen abtun und sagen: Ende der Diskussion. Das aber würde in diesem Fall den wenigsten Anlegern helfen, vor allem jenen nicht, die sich zuerst mühsam vom Nutzen der Indexfonds (ETFs) haben überzeugen lassen und sich nun fragen: Was ist dran an den warnenden Stimmen? Sind Indexfonds nun ein Segen der Finanzwirtschaft – oder werden sie schon bald zum Fluch?

Verschiedene Fondsmanager und Marktbeobachter prophezeien nämlich derzeit genau Letzteres und wählen harsche Worte dafür: ETFs seien „schlimmer als Marxismus“, denn sie bedeuteten die „Diktatur der Indifferenz“. Manche behaupten sogar, sie seien die neuen „Massenvernichtungswaffen“ der Finanzindustrie. Deutlicher kann man es nun wirklich nicht sagen. Was die Kritiker damit anprangern: Indexfonds investieren ihr Geld – anders als aktiv gemanagte Fonds – nicht gezielt, indem sie einzelne Aktien aus dem Aktienuniversum herauspicken, sondern sie kaufen nur blind das, was im jeweiligen Index steckt. Sie bilden schließlich die Indizes eins-zu-eins nach.

ETFs differenzieren nicht in gute und schlechte Aktien

Das ist im Prinzip nicht schlecht, weil sie damit garantieren, dass Anleger mindestens so gut abschneiden wie der Gesamtmarkt und damit wenigstens eine durchschnittliche Rendite erzielen – während die meisten aktiven Aktienfondsmanager es nachweislich nicht schaffen, für längere Zeit eine Rendite zu erzielen, die auch nur annähernd so gut ist wie der Gesamtmarkt. Meist liegen sie um Längen hinter dem Index. Was man den Indexfonds aber dadurch natürlich vorwerfen kann: Sie differenzieren eben nicht in gute und schlechte Aktien, in über- oder unterbewertete, sondern behandeln alle gleich. Das meinen die Kritiker mit der „Diktatur der Indifferenz“.

Viel schlimmer aber wiegt der Vorwurf, Indexfonds könnten sich sogar in gefährliche Waffen verwandeln. Denn zuletzt seien enorme Summen in den ETF-Markt geflossen – und damit auch in den Aktienmarkt. Das habe bereits die Preise von Aktien arg verzerrt und über Gebühr in die Höhe getrieben. Aber schlimmer noch: Es lege auch den Grundstein für einen späteren Ausverkauf. Denn solange der derzeitige Kursaufschwung anhalte, seien die hohen Zuflüsse kein Problem. Doch wehe, wenn die Stimmung kippt: Dann zögen all die ETF-Fonds auf einen Schlag auch wieder ihr Vermögen aus den Aktien ab, mahnen die Kritiker. Das müssten die Fonds, denn sie müssen die sinkenden Indizes naturgetreu nachbilden, das ist der Deal bei den Indexprodukten. Und dann komme es zu einem Kurssturz, wie ihn die Welt noch nie erlebt habe. Wie viel Kapital er vernichten könne, wagt sich lieber keiner der Kritiker auszumalen. Aber natürlich werde die Kapitalvernichtung furchtbar sein.

Wie viel Geld fließt bei einem Crash ab?

Die spannende Frage ist nun: Haben die Kritiker recht? Wie gefährlich sind ETFs wirklich? Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Natürlich hat es starke Zuflüsse in den Markt der Indexprodukte gegeben. Auf rund 3 Billionen US-Dollar wird der Gesamtmarkt derzeit geschätzt. Und er wächst weiter sehr rasant, schon in zwei Jahren soll er bereits 6 Billionen Dollar schwer sein, sich also noch einmal verdoppelt haben. Mit Sicherheit ist deshalb auch eines richtig: Wenn es in Boomzeiten zu solch vehementen Zuflüssen kommt, dann wird es auch in Abschwungzeiten zu enormen Abflüssen kommen (müssen). Das liegt in der Natur der ETFs und darüber muss man auch nicht streiten. Das ist sozusagen der Fluch, der dieser Konstruktion innewohnt.

Sehr wohl diskutieren kann man aber, wie groß diese Abflüsse dann wohl sein werden. Es sind nämlich mit Sicherheit nicht die 3 Billionen Dollar von heute (oder die 6 Billionen von übermorgen), die dann ruckartig wieder abgezogen werden würden. Schließlich würden nicht alle Indexfondsanleger auf einen Schlag ihre Bestände liquidieren und ihr Engagement einstellen. Dazu kommt, dass längst nicht alle Aktien-ETFs auch tatsächlich die dazugehörigen Aktien halten. Viele bilden die zugrundeliegenden Indizes „synthetisch“ nach, wie es in der Fachsprache heißt. Sie kaufen also nicht wirklich die Papiere des Index, sondern Derivate und Swaps, deren Kursentwicklungen bis auf Nuancen denen der Aktienkurse ähneln.

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Außerdem muss man wissen, dass sich nicht nur der Umfang des Marktes enorm aufgebläht hat, sondern auch die Zahl der Papiere sprunghaft gestiegen ist, sie hat sich allein seit 2007 verdoppelt – und längst nicht alle Indexfonds am Markt sind reine Aktien-ETFs. Jene würden zwar bei einem Aktiencrash am stärksten verlieren. Doch es gibt inzwischen auch tausende Anleihen-ETFs oder Rohstoffindexfonds, deren Märkte zwar ebenfalls unter einer Krise leiden würden, aber sie würden zumindest nicht im Gleichlauf mit den Aktien ins Bodenlose stürzen – und deshalb auch nicht schlagartig ihre Papiere verkaufen. Genau das ist ja der Grund, weswegen Finanzexperten mantramäßig zum Streuen des Vermögens über unterschiedliche Anlageklassen mahnen.

Marktmacht der ETFs ist überschaubar

Wie arg fallen nun die Indexfonds auf den Aktienmärkten überhaupt ins Gewicht? Dazu hat die Credit Suisse eine Studie zum US-Markt erstellt, die zum diesem Ergebnis kommt: Es halten immer noch mehr aktive Fonds Aktien von US-Unternehmen als es Indexfonds tun. Die allergrößte Gruppe der Anleger aber sind überhaupt nicht die Fonds, sondern jene Investoren, die noch ganz klassisch Einzelaktien kaufen. Daher lauten die Quoten so: 20 Prozent der US-Aktien sind in der Hand aktiver Fonds, 13 Prozent stecken in Indexfonds. Gemessen daran erscheint die gigantische Marktmacht der ETFs dann doch überschaubar.

Für den europäischen Raum sehen die Zahlen sogar noch beruhigender aus: Laut Schätzungen sollen auf unserem Kontinent nur rund fünf Prozent der Mittel in Indexfonds stecken. Zudem seien bei den ganz großen Indizes wie dem MSCI World, dem S&P 500 oder auch dem Dax die Aktienmärkte so liquide, dass Indexfonds diese kaum bewegen würden. Für den Anleihenmarkt sehen die Zahlen sogar noch unspektakulärer aus: Lediglich 1,2 Prozent des Bondmarktes sollen die bestehenden Renten-ETFs ausmachen. Rechtfertigen solche Minianteile also wirklich die große Angst?

Auf große und liquide Indizes setzen

Es scheint dagegen gerechtfertigt zu warnen, dass Indexfonds als neue, billionenschwere Marktteilnehmer tatsächlich etwas die Preise verzerren. Denn sie schaffen zusätzliche Nachfrage und treiben damit die Aktienkurse, das ist das Grundgesetz des Marktes. Was ebenfalls stimmt: Tatsächlich konzentrieren sich die großen Summen, die Indexfonds anlegen auch zunehmend auf wenige Firmen. Zumindest hierzulande hat die Zahl der börsennotierten Unternehmen abgenommen zwischen 2007 und heute – statt 761 Firmen sind nur noch 531 an der Börse gelistet. Zusammenschlüsse, Firmenverkäufe und Insolvenzen sind die Ursachen dafür. So können die ETFs ihr Kapital und ihre Macht natürlich über immer weniger Papiere streuen, was bei den verbliebenen ebenfalls für höhere Preise sorgt. Und mit neuen Börsengängen halten sich die Vorstände derzeit zurück, denn die Einstiegshürden dafür sind schon sehr hoch.

Doch ob sich die Bewertungen dadurch nun schon so weit von den Fundamentaldaten abgekoppelt haben, dass sie bereits jetzt für das Gros der Firmen am Aktienmarkt nicht mehr gerechtfertigt sind – und inwiefern den Anlegern das in einem kommenden Abschwung zum Verhängnis wird, das vermögen die Ökonomen erst im Nachhinein zu beziffern, wie immer. Bis dahin sollten Anleger eines beherzigen: Wenn sie in Indexfonds investieren, dann sollten sie möglichst große und liquide Indizes wählen. Denn je kleiner der Index ist und je mehr er sich auf eine Nische oder Branche konzentriert, desto höher ist seine Anfälligkeit für Störungen und Preisverzerrungen. Denn in solchen Bereichen halten ETF-Anbieter an Einzelfirmen schon einmal 20 Prozent der Aktien – und wenn sie die abstoßen, dann kracht wirklich der Kurs. Global gesehen aber sind ETFs eher nur Verstärker und nicht die großen Marktbeweger, zumindest noch nicht. Man kann es daher auch positiv sehen: Dem Index zu folgen heißt zwar, im Abschwung etliche Papiere zu verkaufen, aber im nächsten Aufschwung müssen sie dann auch wieder rein ins Depot. Das ist der Segen.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen