Kolumne5 Thesen zu Fintechs und Banken im Jahr 2019

Symbolbild: Fintech auf dem Smartphone
Symbolbild: Fintech auf dem SmartphoneGetty Images

Die Finanz-Evolution hat im Jahr 2019 erneut viele interessante Adaptionen gezeigt. Fünf Thesen fassen meine Erkenntnisse des Finanzjahres zusammen:

  1. Auch im Jahr 10 der digitalen Revolution nach der Finanzkrise ist der Durchbruch der Fintechs mit Ausnahme der Challenger Banken ausgeblieben.
  2. Das frühere Stiefkind Transaktionsbanking ist richtig sexy geworden.
  3. Die Evolution der Banken bewegt sich weiter in homöopathischen Dosen.
  4. Die Big Tech drücken bei Finanz-Dienstleistungen das Gaspedal durch.
  5. Asset-Tokenisierung und Stable Coins entwickeln das Potenzial zur disruptiven Revolution im Finanzsektor.

1.   Ausbleiben der Fintech-Revolution

Wir werden in den einschlägigen Medien jede Menge Rückblicke lesen, die auch die Fintech-Erfolge 2019 feiern. Die positiven Daten von Barkow Consult zum Fintech Markt 2018/2019 vernebeln, dass auch 10 Jahren nach der Finanzkrise ein großer Durchbruch ausgeblieben ist. Man muss es zwar nicht so düster sehen, wie die Financial Times, die in ihrem Blog Alphaville fragte, ob die Fintech-Blase platzt. Es reicht aber nicht, wenn Unternehmen aufgrund nicht durchschaubarer Investorenbewertungen zu Unicorns aufsteigen. Von den tausenden Konzepte und Ideen, die das Finanzwesen verändern wollen, hat die breite Kundschaft bislang nicht viel akzeptiert.

Eine Ausnahmen bilden erneut die sogenannten Neo- oder Challengerbanken wie N26 und  Revolut. Sie beeindrucken weiter mit erstaunlichen Wachstumszahlen, verpacken aber im Prinzip auch nur das Konto und seine darum gestrickten Angebote mobiler und lifestyliger. Die Unternehmen sind deutlich wendiger, gewinnen Kunden mit anziehender Kommunikation und skalieren zügig international. Allerdings kämpfen sie ebenfalls mit branchentypischen Problemen (Stichworte sind etwa Geldwäsche-Kontrolle und Kundenservice). Manche hoffen bereits, der Höhenflug könne vielleicht doch vorzeitig enden. Das haben viele in den 2000er Jahren auch von Paypal gehofft. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group hat dagegen herausgefunden, dass 2018 33 Prozent aller neuen Konten in Deutschland 2018 bei Digital- oder Direktbanken eröffnet wurden (siehe Global Retail Banking Report).

2.   Transaktionsbanken: Die neuen Diven am Finanzmarkt

Im medialen Schatten der Banken, Fintechs und Technologieunternehmen haben die Transaktionsbanken einen vor Jahren nicht erwarteten Höhenflug angetreten. Dienstleister, die im Hintergrund Finanz- und Wertpapiergeschäfte abwickeln, galten einst als Stiefkind traditioneller Banken. Sie sahen die “Abwickler” als lästigen Kostenblock, den man am liebsten auslagerte oder verkaufte. Heute hängen die Marktwerte vieler Transaktionsdienstleister wie PayPal, Wirecard, Klarna, Adyen und zahlreiche aufstrebende Unternehmen wie Ratepay viele Banken in der Marktbewertung und beim Ertragswachstum deutlich ab. Diese Unternehmen sind mit der Zahlungsabwicklung und deren Risikomanagement für weltweite aktive Technologiekonzerne mitgewachsen und pflegen mit Ausnahme von PayPal und Wirecard keine Beziehungen zu Endkunden. Wirecard steigt mit der Banking App Boon gerade aggressiv in den Kampf um Endkunden ein und will Guthaben seiner Smartphone-Bank Boon ab 2020 mit 0,75 Prozent verzinsen.

3.   Banken setzen bei der Cost-Income Ratio nur auf den Zähler

Die Finanz-Evolution der Banken bewegt weiterhin nur in homöopathischen Schritten. Die Gewinne der Banken kommen insbesondere im internationalen Vergleich mit wenigen Ausnahmen nicht nachhaltig aus der Talsohle.

Vielen Finanzhäuser bemühen sich zwar ihre schlechte Cost-Income-Ratio über die Digitalisierung der Prozesse aufzubessern. Komplizierte Auslagerungsvorschriften, anspruchsvolles Risikomanagement und innovationshemmende Governancestrukturen sor-. gen jedoch für zu lange Projektlaufzeiten. Und oft werden nur bestehende Prozesse modernisiert als generell in Frage gestellt. Der Blick ist also, wie eine Studie der Unternehmensberatung Cofinpro unterstreicht, eher nach innen gerichtet. Banken denken zu selten daran, dass man zur Verbesserung der Cost-Income-Ratio nicht nur den Zähler vermindern, sondern auch den Nenner durch neue Einnahmequellen erhöhen könnte.

4.   Die Bigtechs drücken das Gaspedal durch

Dass große Technologieunternehmens mit Finanzdienstleistungen flirten, ist keine Neuigkeit des Jahres 2019. Schon 2012, lange vor der Ankündigung von Apple Pay, wurde spekuliert wann Apple so etwas wie eine iBank aufbaut. Aber 2019 haben die amerikanischen GAFAs (Google, Apple, Facebook, Amazon und PayPal) und die asiatischen Technologieriesen Tencent Technology und Alibabas Finanz-Ableger Ant Financial noch einmal richtig den Gashahn aufgedreht. Aus GAFA müsste außerdem GAFAU werden, denn auch der Mobilitätskonzern Uber baut eine Einheit für Finanzservices auf.

Eine Grund für die Aktivitäten ist die Unzufriedenheit der Big Techs mit den Finanzdienst- leistern, wie Facebook Chef Marc Zuckerberg auf einer Anhörung vor dem Finanzausschuss des US-Repräsentantenhaus sagte. Sie sehen ihre Geschäftsmodelle durch aus ihrer Sicht unzureichende Services behindert und integrieren zunehmend eigene Finanzleistungen in ihre Kernprodukte, um den Transaktionsfluss nicht zu unterbrechen.

Die Aktivitäten der Big Techs unterstreichen einen weiteren Trend, dass Finanzdienstleistungen sich von einer Hauptdienstleistung immer mehr zu bloßen Unterstützungsdienstleistungen entwickeln. Und das gilt nicht nur für den Consumer-Bereich, sondern auch für das Small-Business Segment, wo Technologie-Unternehmen etwa Unternehmen Handelsfinanzierungen anbieten, damit der Warenfluss nicht mangels einer zu lange dauernden Finanzierung ins Stocken gerät.

Trotz der Unzufriedenheit mit dem Finanzsektor setzen die US-Tech-Unternehmen bislang auf die Expertise der klassischen Finanzbranche, wie Apple und Google Pay auf die Karten- infrastrukturen. Der Internetkonzern Google arbeitet mit der Citibank an einem Girokonto, das die britische Financial Times als eine mögliche Zukunft des Banking bezeichnet. Facebook arbeitet für seine Payment Services in seinen Social Media Apps in Indien und Indonesien ebenfalls mit lokalen Finanzdienstleistern. Und es wird erwartet, dass sie solche Services auch 2020 in Europa mit Finanzdienstleistern realisieren werden.

5.   Asset-Tokenisierung und Stable Coins

Eines der Big Tech, nämlich Facebook, hat bekanntlich mit der Ankündigung des digitalen Zahlungsmittels Libra einen weiteren Trend beschleunigt, der überraschend viel Aufmerksamkeit von Politikern, Aufsichtsbehörden und Zentralbanken erhalten hat: Stable Coins, programmierbares Geld bzw. zentralbankgestützte Digitalwährungen sind hier die Schlagworte der Stunde.

Die Konzepte, die auf bestehende Währungen lauten und als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel dienen können, sind deswegen revolutionär, weil sie den digitalen Bezahlvorgang vom Konto lösen (manche Fachleute sprechen daher bereits von kontolosen Zahlungen). Stattdessen werden die Ansprüche in einer verteilten Datenbank (distributed ledger) hinterlegt.

Diese neuen Instrumente können auch Nicht-Finanzunternehmen als sogenanntes E-Geld herausgegeben und durch eine Währung oder einen Währungskorb decken (Libra). Oder sie kommen von Zentralbanken, dann wird von sogenannte Central Bank Digital Currency (CDBC) gesprochen. Die neue EZB Präsidentin Christine Lagarde bestätigte Mitte Dezember, dass es dazu eine Taskforce gebe, die Mitte 2020 Ergebnisse vorlegen wolle. Die genauen Ausprägungen und Anwendungsmöglichkeiten sind noch offen. Es könnte auch einer oder mehreren Geschäftsbanken herausgegebener Commercial Bank Coin kommen oder hybride Formen.

Dazu erreicht die Tokenisierung von Wertpapieren wie Aktien, Anleihen, Fonds nicht zuletzt durch die Blockchainstrategie der Bundesregierung den Mainstream und könnte den Finanzsektor und den Handel, die Abwicklung und Verwaltung von bisher an Urkunden gebundene Wertpapiere über 2020 hinaus deutlich umkrempeln.

Neben den mir aufgefallenen Geschichten hat das Jahr viele weitere Erzählungen bereitgehalten. Nun es ist aber an der Zeit, an die wichtigeren Dinge zu denken. In diesem Sinne wünsche ich den Lesern dieser Kolumne mit ihren Freunden und Angehörigen besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch in das neue Jahr.