Stilfragen„Ich spüre eine gewisse nouvelle bourgeoisie in der Mode“

Maya Junger
Maya JungerSet


Maya Junger arbeitete zunächst als Wirtschaftsjuristin in London, ehe sie gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Bruder das elterliche Modeunternehmen Oui übernahm. 2009 gründete die heute vierfache Mutter zudem das Label Set, dessen Kollektion sie verantwortet.


Wie sieht für Sie moderne Mode für Businessfrauen aus?

Als ich Anfang der 90er Jahre in London bei Freshfields als Anwältin für internationales Finanzrecht arbeitete, hatten wir Frauen nur eine Wahl: Kostüm oder Hosenanzug, Schwarz oder Marineblau. Dazu eine weiße oder hellblaue Popelinbluse, das war unsere corporate uniform. Durch die schleichende „Casualisierung“ in den späten Neunzigern und während des ersten Dotcom-Booms wurde mehr und mehr Individualität im Joboutfit möglich. Heute trägt die moderne Businessfrau einen Blazer zur Lederhose, das Chanel-Jäckchen zum Rock und auch „drunter“ ist fast alles möglich, ganz gleich ob Bluse, Shirt oder Feinstrickpulli. Man selbst zu sein und sich auch so zu kleiden, das ist längst kein Widerspruch mehr zu professionellem Auftreten in der Geschäftswelt.

Was ist in Ihren Augen der größte modische Fauxpas im Büro – und welcher Stylingkniff ist lobenswert?

Eine Grundregel würde ich so beschreiben: Nicht zu bieder und niemals billig. Klar sollten Röcke und Kleider eine gewisse Länge haben und der Ausschnitt deutlich (!) vor dem Bauchnabel aufhören. Das wäre unpassend und wertet eine Frau ab. High Heels im Büro machen nicht nur jedes Outfit interessant(er), sie verleihen auch ein Stück Größe und Stärke.

Was sind die wichtigsten neuen Trends für Frauen in der kommenden Saison?

Perfekte Schnitte und Inspirationen aus der Männergarderobe, etwa Karos oder Nadelstreifen, sind zurück und trendy. Perfekt für Businessfrauen und ein willkommenes Comeback der weiter oben erwähnten Büro-Uniform aus Kostüm und Hosenanzug. Nur eben jetzt nach unseren Regeln und mit ganz viel Designspielraum. Überhaupt spüre ich eine gewisse nouvelle bourgeoisie in der Mode, eine Rückkehr angezogener, betont luxuriöser Looks nach so viel bequemer Sportswear seit vielen Saisons.

Welchen Klassiker sollte jede Frau in ihrem Kleiderschrank haben?

Ein gut sitzender dunkler Blazer und eine modern geschnittene weiße Bluse, ich nenne so fundamentale Teile gern Ikonen. Dazu kommt dann vielleicht noch eine stretchige Lederhose, ein fließender Lederrock oder eine markante Lederjacke. So ein Set-up ermöglicht schon mal etliche Looks für die Woche.

Welchem Modestück gönnen Sie ein baldiges Comeback?

Im letzten Jahr kehrte plötzlich der weiße Stiefel zurück, der lange als Zeichen kompletter Geschmacksverirrung galt. Auch ich habe mir ein Paar gekauft und zunächst monatelang im Schrank stehen lassen. Ich war mir irgendwie unsicher. Mittlerweile liebe ich die Boots, die ganz für sich ein Highlight sind und trotzdem sehr vielseitig kombiniert werden können.

Wer ist und bleibt für Sie ein modisches Vorbild, wer verdient Ihr Prädikat „Stilikone“?

Carine Roitfeld, die frühere Chefredakteurin der französischen „Vogue“. Sie hat Power und Verantwortung, zeigt ihre feminine Seite und bleibt ihrem Stil treu: Röcke und High Heels, zugleich tough und sexy.

Welche modische Anschaffung war Ihr bester Kauf/das langlebigste Geschenk?

Meine erste Biker-Lederjacke, die ich mir, damals noch als Anwältin, nach langem Sparen geleistet habe. Unglaublich teuer und luxuriös – aber eben auch eine zeitlose Ikone. Seit 20 Jahren ist sie ein verlässlicher Teil meiner Garderobe und wird wieder und wieder neu kombiniert: zum sommerlichen Hippielook, zum Abendkleid, zur schwarzen Männerhose oder ganz einfach zur Jeans. Diese Jacke war auch der Beginn meiner Liebesaffäre mit dem Material Leder, das heute den wichtigsten Part unserer Kollektionen bei Set bildet. Mit der Jacke „Tyler“ ist uns zudem eine eigene Ikone gelungen.

Stichwort: Casualisierung. Zu was greifen Sie auf dem Weg zum Yogakurs oder beim Blitzstopp im Baumarkt?

Meine Lieblingslederjacke und Sneaker sind eine sichere Bank.

Ihre größte Stilsünde waren …?

Pumps mit eckiger Spitze und Strumpfhosen und Hautfarben in meiner früheren Karriere als Anwältin. Heute undenkbar und ich erinnere mich daran auch nur ungern zurück.

Wie kaufen Sie Mode: in der Boutique, im Kaufhaus oder online?

Ich bin in der glücklichen Situation, fast alles in meinem Kleiderschrank selbst entworfen zu haben und tragen zu dürfen. Wenn ich darüber hinaus einkaufe, dann springe ich zwischen virtueller und Offline-Welt hin und her. Anders geht das mit vier Kindern, zwei Hunden und eigener Firma auch gar nicht, da muss auch mal am Sonntag etwas bestellt werden oder spät abends. Trotzdem bleibt das Erlebnis „Stadt“ für mich wichtig, vom großen Kaufhaus bis zur liebevoll kuratierten Boutique. Den menschlichen Kontakt und die Beratung kann ein Onlineshop einfach nicht ersetzen, und das ist auch gut so.

Kurz & knapp:

High Heel oder Sneaker?

Fast immer High Heels. Außer auf der Außenlinie eines Fußballfeldes oder beim Yoga.

Mascara oder Lippenstift?

Schwarzer, wasserfester Mascara.

Etuikleid oder Hosenanzug?

Hosenanzug, darin steckt wahre Power!

Camel Coat oder Daunenparka?

Ein edler Camel Coat ist eine Investition fürs Leben.

Clutch oder Tote Bag?

Die Tote Bag, denn bei mir müssen viele Dinge Platz finden.

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