Uhren„Handwerkskünste sind ein Kulturgut“: Vier Uhrenprofis über Métiers d'Art

Patek Philippe
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Die Story mit vielen einzigartigen Uhren finden Sie in Ausgabe 3/2020 von Capital, und hier exklusive Kommentare von Markenlenkern und -machern zum Warum und Wie dieser faszinierenden Welt und ihrer kunstvollen Disziplinen: Christian Lattmann, CEO von Jaquet Droz, Louis Ferla, CEO von Vacheron Constantin, Jasmina Steele, Pressesprecherin von Patek Philippe und Pierre Rainero, Director of Style & Heritage bei Cartier.

Was macht Uhrmacherei auf höchstem kunsthandwerklichem und dekorativem Niveau weiterhin relevant – in einer Postmoderne voller Hightech und Social-Media-Flimmern?

Christian Lattmann, CEO von Jaquet Droz: Der aufwändige Bereich der Métiers d’Art wird heute mehr denn je wertgeschätzt. Wo sonst erweckt die Hand eines echten Meisters seines Faches so besondere Modelle in ihrer ganzen Pracht zum Leben? Unser Markenslogan – „Manche Uhren zeigen die Zeit an, unsere erzählen eine Geschichte“ – drückt wunderbar aus, dass es nicht immer um Daten und Fakten geht, wie etwa bei einer Smartwatch, sondern eben auch um die Bewahrung von feinster Mechanik und Kunsthandwerk. Beides halte ich übrigens für absolut zeitlos! Und seit unserer Gründung als einer der Pioniere „lebendiger“ mechanischer Automaten treibt uns diese emotionale Wirkung an.

Louis Ferla, CEO von Vacheron Constantin: Uhren, wie wir sie konstruieren, sind oft das Ergebnis eines Abenteuers. Und dieser menschliche Faktor wird in der Welt, wie Sie sie skizzieren nur außergewöhnlicher und begehrlicher. Je mehr technischer Fortschritt und Digitalisierung voranschreiten, je mehr uns Computer und Maschinen abnehmen könn(t)en, desto größer wird der Wunsch nach Authentizität, Handwerk, Kunstfertigkeit und spürbarem Wert. Und da fällt Abteilungen wie Métiers d’Art, die im Alleingang spezielle Dekorationstechniken wie die Gravur, das Setzen von Edelsteinen, das Guillochieren und Emaillieren erhalten, weiterentwickeln und darin ausbilden, eine enorme Bedeutung zu. Gleichzeitig stehen wir der Zukunft keineswegs feindlich gegenüber, beides ergänzt sich bestenfalls und hilft, auf solch schützenswerte Kulturgüter die verdiente Aufmerksamkeit zu lenken.

Jasmina Steele, Pressesprecherin von Patek Philippe: Die dekorativen Künste waren schon immer Teil der Haute Horlogerie und dem, was wir bei Patek Philippe die „Rare Handcrafts“ nennen. Exzellenz in diesem Bereich ist ein essentieller Teil unserer Philosophie! Dabei beschränkt sich die ästhetische Finesse nicht auf Gehäuse und Zifferblatt, auch viele Teile des Werkes werden aufwändig verziert. All das verleiht einer Luxusuhr ihre Einzigartigkeit. Es stimmt, wir leben in einer zunehmend digitalen Welt, in der eine Innovation fast täglich die vorherige ablöst, ein heiß ersehntes Gadget das nächste. Und trotzdem berührt die besondere Aura so eines Kunstobjektes, das ein Mensch mit größter Hingabe für den anderen gefertigt hat, selbst die jungen Generationen.

Pierre Rainero, Director of Style & Heritage von Cartier: Ich würde sagen, die Relevanz unserer aufwändigsten Stücke nimmt eher zu als ab. Unsere stark beschleunigte Welt löst paradoxe Gegenbewegungen aus, etwa die gestiegene Wertschätzung gegenüber Dingen, deren Herstellung sehr viel Zeit kostet, noch mehr Mühe – und die nur wenigen Experten überhaupt gelingt, die dafür Jahre bis Jahrzehnte trainiert haben. Das verleiht dem finalen Produkt einen fast schon kultischen Charakter. Das war aber eigentlich auch in früheren Zivilisationen schon so, und eint bis heute Fans in aller Welt.

Vacheron Constantin
Vacheron Constantin

Wie wichtig sind diese sagenhaften Modelle für die Zahlenseite Ihres Unternehmens?

Christian Lattmann (Jaquet Droz): Wenn die Profitabilität des Bereiches Métiers d’Art das einzige Ziel wäre, dann würden wir damit wahrscheinlich aufhören. Wir würden alle unsere Uhren industriell fertigen und das frei gewordene Budget ins Marketing investieren. Für eine Marke wie uns wäre das allerdings eine ungemein kurzsichtige Aktion. Mit der Gründung unserer Ateliers d’Art wollte unser President Marc Hayek nämlich an das Erbe von Pierre Jaquet-Droz anschließen, der bereits im 18. Jahrhundert Ruhm und Ehre seine üppig dekorierten Uhren und Automaten einheimste. Wenn wir sagen, unsere Uhren sind handgefertigt, dann mogeln wir uns da aus finanziellen Gesichtspunkten um keinen Schritt herum. Deshalb können wir auch jedes Jahr etliche neue Patente anmelden und nur so erfüllen, was unsere Kunden und Sammler erwarten.

Louis Ferla (Vacheron Constantin): Für uns sind Métiers d’Art ein Kernbestandteil unserer Identität und unseres Könnens als Marke. Von Modellen zu Ehren der Ballonfahrt-Pioniere von einst oder dem chinesischen Tierkreis bis zu unserem Bereich „Les Cabinotiers“, wo wir dieses Know-how in den Dienst von Einzelstücken stellen, die gemeinsam mit einem Kunden entstehen.

Jasmina Steele (Patek Philippe): Als unabhängiges Familienunternehmen haben wir glücklicherweise die finanzielle Freiheit, Uhren ohne Limits zu entwickeln. Das schließt Fragen der Komplexität ebenso ein wie den Qualitätsanspruch, die Bandbreite der Modelle in einer Kollektion, die Zahl der pro Jahr vorgestellten Neuheiten – und eben auch den Bereich „Rare Handcrafts“. Profitabilität ist nicht Teil dieser kreativen Gleichung!

Cartier
Cartier

Steigt die Nachfrage nach Uhren, deren Produktion seltene Handwerkskünste erfordert?

Christian Lattmann (Jaquet Droz): Unsere Automaten, also Uhren mit komplexen beweglichen Szenen und Figuren auf dem Zifferblatt, erfreuen sich insbesondere in Asien größter Beliebtheit. Ein aktuelles Highlight ist das Modell „Magic Lotus Automaton“ mit einem kompletten Zen-Garten im Miniaturformat und etlichen Anspielungen auf den Kreislauf des Lebens. Auch unsere Spezialisten für Einzelanfertigungen, wir nennen das „The Philosophy of Unique“, sind bestens ausgelastet. Hier beginnt alles mit einer Zeichnung und am Schluss hat der Kunde eine Uhr wie keine andere.

Louis Ferla (Vacheron Constantin): Sowohl die „Métiers d’Art“-Modelle wie auch unsere Sonderanfertigungen erfreuen sich großer Beliebtheit, auch bei jüngeren Kundengruppen ist das Interesse hoch. Das spornt an, dass wir uns für neue Stücke weiterhin quer durch die Geschichte, und Kulturen inspirieren lassen.

Jasmina Steele (Patek Philippe): Die Nachfrage nach unseren „Rare Handcrafts“-Uhren übersteigt aktuell unsere Möglichkeit der Fertigung, jedenfalls auf dem von uns angestrebten Niveau bei Qualität und Kreativität. Insofern werden diese Stücke immer Raritäten bleiben. Die Anerkennung für die kompromisslos aufwändige Herstellung ist vermutlich auf dem südostasiatischen Markt am höchsten, was auch der Besucheransturm auf unsere große Werkschau in Singapur Ende 2019 gezeigt hat. Aber es gibt auf der ganzen Welt begeisterte Sammler, denn handwerkliche Expertise und Schönheit durch Menschenhand faszinieren überall auf der Welt.

Pierre Rainero (Cartier): Zahlen sind das eine, und ja, die Nachfrage steigt definitiv, doch wir können sie kaum befriedigen und müssen mitunter auf Wartelisten zurückgreifen. Das liegt daran, dass nur wenige Menschen können, was für Uhren dieser Güte nötig ist, und die Ausbildung von Nachwuchs in so speziellen Kunsthandwerken einfach dauert. Deshalb hat die Weitergabe dieser Fähigkeiten für Cartier oberste Priorität, von den Uhren aus unserer Maison de Métiers d’Art im Schweizer La Chaux-de-Fonds bis zum Schmuck, der in Paris entworfen und gefertigt wird.

Jaquet Droz
Jaquet Droz

Haben Sie einen Liebling aus Ihrem Portfolio der „Métiers d’Art“-Modelle?

Christian Lattmann (Jaquet Droz): Ich bin ein großer Fan unserer Damenuhr „Petite Heure Minute Smalta Clara Hummingbird“, weil wir die eine von wenigen Manufakturen sind, die diese transparente Email-Technik, genannt plique-à-jour, beherrschen. Auch das elfenbeinfarbene oder schwarze Grand-Feu-Email bei dem Modell „Grande Seconde“ ist für mich von purer Schönheit.

Louis Ferla (Vacheron Constantin): Die faszinierendsten Uhren erreichen eine Balance zwischen dekorativen Extravaganzen und komplexer Werkarchitektur. So wie bei den vier Modellen „Les Cabinotiers Minute Repeater Tourbillon: Four Seasons“: Von den Zifferblättern mit Koi-Karpfen, die durch jahreszeitlich gefärbte Natur schwimmen, bis zu unserem Werk vom Kaliber 2755 TMR, das die Präzision eines Tourbillon mit der klingenden Minutenrepetition verbindet.

Pierre Rainero (Cartier): Einer meiner Lieblinge ist eine Uhr, deren Zifferblatt wir mit Fragmenten von Blütenblättern besetzt haben. Herauszufinden, wie diese winzigen Teilchen ihre natürliche Farbe für immer behalten, war eine extrem schwierige Aufgabe. Am Schluss wurde das bunte Gefieder eines Papageis daraus.

Patek Philippe
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Welche Technik aus dem Herstellungsweg einer Uhr, die das Prädikat Kunstwerk verdient, fasziniert Sie am meisten?

Christian Lattmann (Jaquet Droz): Oh, da würde ich keine einzelne herausgreifen und damit vielleicht einen Kollegen entmutigen wollen. Mich begeistert die Gravur ebenso wie die Emailarbeit, die Mosaike, die Miniaturmalerei …

Louis Ferla (Vacheron Constantin): Das Guillochieren ist einer meiner Favoriten. Diesen Meistern dabei zuzusehen, wie sie handbetriebene Maschinen über ein Zifferblatt lenken, mit ruhiger Hand, in präzisen Ellipsenmustern, das ist ein wahres Schauspiel. Der Künstler hat das gewünschte Bild im Kopf, überträgt es auf sein Werkzeug, spielt geduldig mit jeder Facette des Designs, den Formen, Abständen und dem Licht, das einmal auf alle Linien und Wellen fallen wird.

Pierre Rainero (Cartier): Die Granulierung von Gold in winzige Perlen und deren bewegliche Integration auf einem Zifferblatt gehört zu den großen Leistungen unserer Ateliers. Jedes winzige Kügelchen wird per Hand an gewünschter Stelle platziert, so dass das finale und bewegliche (!) Design dem Ursprungsentwurf entspricht. Und dann natürlich die Filigranarbeit aus feinen Gold- oder Silberdrähten, die dafür wie Kordeln gewunden oder wie Spitze verwendet werden – und dann auf anderen Metalloberflächen aufgebracht und verlötet werden. Eine spannende Technik, deren geschichtlicher Ursprung von Südosteuropa bis ins alte Indien sowie antike Spanien und Portugal reicht.