Duft des Erfolgs Alexandra Kalle: „Düfte sind sehr subjektiv“

Alexandra Kalle
Alexandra KalleMäurer & Wirtz


Wie riecht eigentlich die Liebe? Und was hat ein Parfüm wie „Chanel No. 5“ zum absoluten Klassiker werden lassen? Diese und weitere Fragen stellen wir in unserer neuen Serie „Duft des Erfolgs“ den großen Parfümeuren. Diesmal beantwortet sie Alexandra Kalle , Parfümeurin und Head of Fragrance Development beim Dufthaus Mäurer & Wirtz mit Sitz im rheinischen Stolberg. Neben den Ikonen 4711 und Tabac gehören auch Parfüms für Baldessarini, s. Oliver und Otto Kern zum Portfolio des Unternehmens. Zuletzt verantwortete Alexandra Kalle, die mehr als 500 Einzelaromen unterscheiden kann, die Entwicklung von „Otto Kern Signature – Eau Fraîche“.


Welcher Duft motiviert Sie am Morgen?

Das ist ganz unterschiedlich, je nach Stimmung und Jahreszeit. Ich liebe es, nach dem Aufstehen zu lüften und frische, unverbrauchte Luft einzuatmen. Besonders im Winter, wenn es etwas kühl und frostig ist. Aber natürlich auch im Frühling und Sommer, da heben Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher meine Stimmung, dazu zarte florale Düfte, noch gedämpft vom Morgentau. Nicht zu vergessen gemahlener Kaffee!

Welche Note/Komposition ist ideal für einen CEO? Warum?

Das ist nicht leicht zu beantworten, denn Düfte sind sehr subjektiv und werden auch hoch individuell empfunden. Als Annäherung mal die Gegenfrage: Was macht einen CEO aus? Sicherlich, dass er Kompetenz ausstrahlt, dazu Souveränität und, dass er authentisch wirkt. Auf ein Parfüm übertragen wäre das beispielsweise ein Fougère-Akkord – klassisch formuliert aus Lavendel, Bergamotte und Geranium, aber auch Eichenmoos – und eine gewisse Frische, die Wachheit signalisiert. Dazu eine markante, warme Basisnote, wenn es ein männlicher CEO ist. Etwas subtiler, femininer und leichter fiele die Variante für eine Frau aus. Wichtig ist, ich sprach ja schon von Authentizität, dass der Duft weder zu laut noch zu opulent ist, sondern zur Persönlichkeit des Trägers oder der Trägerin passt und diese positiv unterstreicht.

Welcher Geruch beschreibt Ihre Kindheit?

Da fällt mir zu allererst Milchreis mit Zimt und Zucker ein, ein Gericht, das meine Großmutter sehr köstlich kochen konnte. Andere Duftnoten von früher sind eher kosmetischer Natur. Am eindrücklichsten war der Lippenstift meiner Mutter, der nach Veilchen und Rose duftete und schmeckte. Noch heute wecken pudrig-sanfte Kompositionen in mir Bilder und Emotionen von damals.

Welche Duftzutat/Welcher Rohstoff inspiriert Sie gerade besonders?

Kalles neuer Duft: Otto Kern Signature Eau Fraiche

Die olfaktorische Interpretation von Textilien, beispielsweise eines kuschligen Schals aus Kaschmir. Dieses wohlig weiche Gefühl, das umhüllt, einlullt und so samtig ist wie die eigene Pfirsichhaut. Gleichzeitig spielen hier Moschusakkorde eine große Rolle, sie untermauern das Gefühl von Weichheit und Wohlfühlen. Haptische Empfindungen und ihre emotionale Seite in Düfte zu übersetzen – ganz gleich ob für ihn oder sie – finde ich einfach extrem spannend.

Welche Note ist leider in Vergessenheit geraten?

Grüne Noten wie Gras, Wald oder Blattgrün, die erstaunlich polarisierend wirken. Und typische „animalische“ Noten, also zum einen im Wortsinn tierische Duftwelten (heute ausschließlich synthetisch erzeugt) und die Aromen von Jasmin, Ylang -Ylang und Tuberose. Stark, extrem sinnlich und fast narkotisch in ihrer Üppigkeit.

Welches Parfüm tragen Sie privat sehr häufig?

Da kann ich ganz ehrlich antworten, dass ich unter den vielen lebendigen Varianten von 4711 Acqua Colonia eigentlich immer fündig werde, je nach Stimmung und meinem momentanen Parfüm-Bedürfnis. Absolute Lieblinge sind für mich „Lime & Nutmeg“ und „Myrrh & Kumquat“. Das eine sehr frisch und klar mit warmen Zwischentönen, das andere voller Magie dank rauchiger Aromen.

Was können Sie wirklich nicht mehr riechen?

Die sogenannten Gourmand-Noten, inspiriert von oft süßlichen, leicht orientalischen Aromen wie Schokolade oder Mandel. All das schmeckt mir besser als es für meine Nase duftet.

In aller Kürze: Wie duftet …

… Glück?

Ganz klar: für jeden anders! Und dann gibt es ja ein kleines Glück der Momente und ein großes, das lauter ist und länger nachhallt. Von piano bis crescendo, also. Positive Noten wie Orange oder Limette wären dennoch geradezu Pflicht, aber auch dynamische Gewürze für eine Extraportion Sinnlichkeit.

… Erfolg?

Ich assoziiere da sofort Begriffe wie „Breite“, „Volumen“ und „Substanz“. Erfolg ist raumfüllend, spricht also für einen gut haftenden Fond aus Hölzern oder Tonkabohne.

… Liebe?                                                                          

Geht es um die Liebe zu sich selbst oder die Liebe zu anderen? Hier könnte der Duft-Auftakt leicht, verspielt und lebendig sein, weil Liebe dieses unbeschwerte Gefühl transportiert. Und natürlich braucht das Wärme: orientalische Aromen, nicht zwingend süß, dazu vibrierende Gewürzakkorde und balsamische Noten.

… Geld?

Geld duftet, wenn ich das mal ganz plakativ sagen darf, sehr metallisch und ein wenig moderig, je nachdem wie alt die Scheine sind. Ein wenig so wie Bücher aus dem Antiquariat. Münzen wiederum riechen ebenfalls sehr metallisch zudem etwas kupferlastig. Ein ziemlich reduziertes „Bouquet“, und dennoch ist es für den einen alles – für andere bloß Mittel zum Zweck.

… Stille?

Die Stille im Kopf, etwa wenn man innehält oder meditiert und wenige Außenreize nach innen dringen, duftet für mich fast transparent, wie ein Tropfen Morgentau, der über einen Grashalm rinnt. Höchst fragil, sehr vorsichtig und ganz, ganz leise.

Die Stille in der Natur darf ruhig ausdrucksstärker sein: wie ein Wald das Meer. Frisch, „luftig“, ozeanisch oder grün. In jedem Fall eine Komposition, die viel Platz und Freiheit transportiert.

… Spaß?                                                                        

Oh, da denke ich sofort an viele bunte Noten wie Blumen und Früchte und an Adjektive wie saftig, spritzig, lebendig. Da sollte schon beim Test auf einem Duftstreifen das erste Lächeln die Mundwinkel umspielen. Ein richtiges Gute-Laune-Parfüm!

Was ist die spezielle Herausforderung in der Männer-Parfümerie?

Ich liebe es, Männer-Parfüms zu kreieren, weil ich dabei kreativer sein kann! Es gibt einfach schon sehr, sehr viele Damendüfte auf dem Markt, aber bei den Herren ist noch Entfaltungsspielraum, was ein kontrastreicheres Arbeiten möglich macht. Besonders das Ringen zwischen Frische, Würzig- und Sinnlichkeit ist für mich spannend. Das spürt man auch beim neuen Duft von Otto Kern, der frisch beginnt aber rasch signalisiert „Abwarten, da kommt noch mehr“.

Welches Parfüm werden wir im Jahr 2030 aufsprühen?

Zunächst glaube ich, dass der Fortschritt uns weiter in noch strukturellere Abläufe zwingen und mit viel mehr Technik umgeben wird. Das könnte bei Düften eine Sehnsucht nach alten Werten und Erdung auslösen. Wir wollen wenigstens riechen können, was uns im Kern ausmacht. Sich wohlfühlen und gleichsam anlehnen und zurückziehen können. Back to the roots, zu Hölzern, floralen Noten, Moos und Balsam.

Welches Parfüm ist Ihr absoluter Evergreen, ein zeitloser Klassiker?

Das ist für mich ein Trio: 4711 Echt Kölnisch Wasser mit über 220 Jahren Tradition, dann Eau Sauvage von Christian Dior und der erste Duft von Baldessarini, ein Eau de Cologne. Alle drei strahlen pure Klassik und Zeitlosigkeit zugleich aus.