Reise „Wir haben alles, was die Gäste lieben, im Lockdown weiterentwickelt“

Reise: „Wir haben alles, was die Gäste lieben, im Lockdown weiterentwickelt“
Nach zwei äußerst stürmischen Jahren kehrt in der Kreuzfahrtbranche wieder Normalität ein. Im Interview erzählt Harry Sommer, CEO von Norwegian Cruise Line, was die Urlauber auf den neuen Schiffen erwartet, wie man mit Venedigs Lagunen-Aus umgeht und wohin es ihn ganz persönlich zieht

Volle Kraft voraus, dieses Kommando musste sich die Kreuzfahrtbranche lange verkneifen. Statt Ferienlaune auf hoher See mit üppigen Buffets, Ausspannen am Pool und Bühnenprogramm am Abend standen eher Massenstornos, das Austüfteln immer neuer Hygienekonzepte und Renovierungsarbeiten im Trockendock auf dem Programm. Die gesamte Industrie war bemüht, den Reisenden zum Neustart nicht nur ein sicheres Gefühl an Bord zu geben, sondern die Passagiere dabei mit frischem Look und innovativen Konzepten für noch schönere Ferien zu überraschen.

Einer der Topmanager, der sein Unternehmen die letzten zwei Jahre durch Pandemie-bedingt unruhiges Fahrwasser steuern musste, ist Harry Sommer, CEO von Norwegian Cruise Line. Mit ihm haben wir über das Kreuzfahrt-Comeback im letzten Sommer ebenso gesprochen wie über die neuen Schiffe der „Prima Class“, die bald zu ihren Jungfernfahrten ablegen werden. 

Capital: Seit Mitte 2021 waren wieder Kreuzfahrten möglich, zumindest in einigen Regionen. Wie war die Stimmung an Bord beim Comeback im letzten Sommer?

HARRY SOMMER: Unsere Premiere ging von Athen ab, und es war fantastisch. Nach 16 Monaten Kreuzfahrt-Stillstand waren alle Mitarbeiter froh, endlich wieder Gäste begrüßen zu dürfen. Die ersten ein, zwei Tage mussten sich Service und Küche noch etwas einspielen, aber danach war alles von einem Standard, den man zu Recht von uns erwartet. Für viele Passagiere war es auch die erste Reise seit zwei Jahren – die waren rundum begeistert.

Hat Ihre Industrie die Zwangspause gut genutzt, um sich auf die neue Normalität einzustellen?

Ich bin da natürlich befangen, aber ich denke schon. Vorrangig natürlich bei Sicherheits- und Gesundheitsaspekten, aber wir haben auch gut ein Drittel unserer Flotte renoviert, von Schönheitsreparaturen bis zur Generalüberholung. Den ökologischen Fußabdruck der Schiffe konnten wir mit neuen Filteranlagen, effizienterer Motoren und einer vernünftigen CO₂-Kompensation ebenfalls verbessern.

Gut, also eine umfassende Frischzellenkur und deutliche Fortschritte beim Thema Nachhaltigkeit. Woran haben Sie noch getüftelt?

Und wir haben den Check-In und Einschiffungsprozess mittels digitaler Lösungen optimiert, vor allem, um in der Pandemie Schlangen zu vermeiden. Wir dürften bald komplette Automation erreicht haben. Dann müssen Sie nur noch ihr Gepäck abwerfen und sind in fünf Minuten auf dem Schiff.

Venedig hat Kreuzfahrtschiffe aus der Lagune verbannt. Auch anderswo scheinen Städte der Pötte überdrüssig. Beunruhigt Sie das?

Früher hat unsere Branche dem Thema nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die wohl nötig gewesen wäre. Die Vergangenheit kann man nicht ändern.  Aber unser Unternehmen hat ein echtes Interesse an der Zusammenarbeit mit lokalen Communitys, um eine echte Win-win-Situation zu erreichen.

Mancherorts formiert sich dennoch Gegenwind.

Eine ganze Abteilung bei uns beschäftigt sich damit, dass wir mit den Gemeinden unserer Destinationen im Austausch stehen. Ein gutes Beispiel ist Alaska, wo wir nicht bloß Passagierterminals bauen wollten, sondern die Menschen aktiv eingebunden haben, um in einer 50/50-Partnerschaft Infrastruktur zu schaffen.

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Und Venedig?

Das Beispiel macht mich immer etwas perplex. Stimmt, viele Menschen besuchen die Stadt, Kreuzfahrttouristen allerdings machen in der Statistik nur etwa fünf Prozent aus. Aber okay, wenn wir in der Lagune nicht mehr anlegen können, dann tun wir es eben in Triest. Wir haben eine Lösung gefunden, die für alle Seiten funktioniert.

Im Kontrast dazu wollte man in Dubrovnik, dass wir nicht so schnell wieder abfahren: also nicht nach etwa vier Stunden, sondern eher nach sechs oder acht. Okay, das haben wir dann gemeinsam mit den lokalen Partnern ausgetüftelt.

Viele Fluglinien klagen seit Monaten über aggressives Verhalten von Passagieren. Ist Ihnen so etwas von Ihren Schiffen bekannt?

Nein, ich kenne da keinen einzigen Fall. In meiner Wahrnehmung, und ich sage das mit großem Respekt, betreffen solche Fälle eher Leute, die bisher vielleicht noch mit einer Impfung hadern. Die sich in ihrer Freiheit, oder was sie dafür halten, eingeschränkt fühlen von Masken und Impfungen. Da wir aber bei Passagieren auf vollständiger Immunisierung beharren, geht diese Klientel bei uns gar nicht erst an Bord.

Was steht für Norwegian Cruise Line im Jahr 2022 alles an?

Wir freuen uns auf unser neustes Flottenmitglied, die Norwegian Prima, die ab dem Sommer 2022 erstmal in Europa unterwegs sein wird. Sie wird gerade in einer italienischen Werft fertiggestellt. Und auch das zweite Schiff der Prima Klasse, die Norwegian Viva, ist seit Januar 2022 buchbar für Reisen im kommenden Jahr.

Was erwartet Urlauber auf Schiffen der neuen Prima-Klasse?

Diese Schiffe bieten vor allem mehr Platz pro Passagier, größere Kabinen, weitläufigere Außenflächen. Wir haben alles, was unsere Gäste an unserer Flotte lieben, mit weiterentwickelt. Dazu gehören die Außenpromenade, der The Ocean Boulevard, sowie ein paar neue Highlights wie das innovative Gastro-Konzept „Indulge Food Hall“ nach dem Vorbild einer internationalen Markthalle mit elf kulinarischen Stationen.

Wohin würden Sie persönlich noch gern reisen?

Die einzige Route aus unserem Programm, die ich noch nicht gefahren bin, ist über Neuengland nach Kanada. Ich bin zwar in New York geboren und aufgewachsen, aber diesen Trip hab ich nie gemacht. Das nehme ich mir für den nächsten Herbst vor.


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