Kolumne Wie wir mit Musterwechseln die Zukunft gewinnen

Markus Väth
Markus Väth
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Unternehmen sollten in ihre Fähigkeit zum Musterwechsel investieren. So können sie sich im scharfen Wettbewerb behaupten – und selbst mutige Ideen entwickeln

Wussten Sie, dass Sie sich von einem Schimpansen unterscheiden? So lächerlich ist die Frage nämlich nicht. Gut, Sie können sich Ihre Hose selber anziehen. Ein Schimpanse trägt zwar keine Hosen, aber er benutzt Steine und Stöcke als Werkzeuge, sogar ziemlich geschickt. Moment – aber wir Menschen haben doch ein ziemlich differenziertes Sozialsystem herausgearbeitet. Über Jahrhunderte haben wir die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder Hochzeitsrituale entworfen und verfeinert. Stimmt. Aber auch Schimpansen leben in einer für ihre Verhältnisse differenzierten Gesellschaft. Bis hin zu der Tatsache, dass nicht das kräftigste und brutalste Männchen eine Herde regiert, sondern das sozial kompetenteste, das mit vielen Freunden in Austausch steht und auch gegenüber Weibchen und Affenkindern Respekt zeigt (Sie dürfen das gern mit Ihnen bekannten Familien und Unternehmen vergleichen). Sogar Humor und ein rudimentäres Bewusstsein lässt sich bei Schimpansen beobachten.

Was also unterscheidet uns von Schimpansen? Zum Beispiel unsere Fähigkeit des plötzlichen Musterwechsels. Von einem Musterwechsel spricht man, wenn Menschen oder Organisationen ihre bisherigen Denk- oder Verhaltensmuster und Gewohnheiten über Bord werfen und durch neue ersetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Musterwechsel sind keine graduellen Anpassungen wie zum Beispiel ein Frühstücksbrötchen statt zwei zu essen oder 100 Leute einzustellen statt 200. Ein Musterwechsel definiert ein Problem aus einer neuen Perspektive und entwirft dafür neue, überraschende, manchmal radikale Lösungen.

Ein Beispiel für einen historischen Musterwechsel ist der Übergang zum sogenannten Fosbury-Flop im Hochsprung, benannt nach Richard Douglas Fosbury. Von Sportexperten und der Konkurrenz kritisch beäugt bis verlacht, übersprang Fosbury bei den Olympischen Sommerspielen 1968 als erster Mensch die Hochsprunglatte rückwärts und gewann. In kurzer Zeit wurde der Fosbury-Flop zur Standardtechnik, auch weil die Hochsprung-Gemeinde erkannte: Mit der neuen Technik lässt sich der seit Jahren gültige Weltrekord knacken – was auch geschah. Heute liegt der Hochsprungweltrekord der Männer bei 2,45 Meter, erzielt mit einem Fosbury-Flop. Dick Fosbury fragte nicht: Wie löse ich das bekannte Problem (über die Stange springen) noch besser mit einer bekannten Lösung (dem damals üblichen Straddle, bei dem man mit dem Bein voraus über die Stange sprang). Er trennte das Problem vom gewünschten Ergebnis, versuchte einen Musterwechsel - und gewann.

Nun lässt sich trefflich über Begriffe wie Musterwechsel diskutieren. Interessanter ist die Frage: Wie stellen wir einen Musterwechsel her? Drei Dinge sind für einen erfolgreichen Musterwechsel nötig: eine Idee, Fähigkeiten und das passende Timing. Fosbury hatte die Idee (warum nicht einfach mal rückwärts über die Latte springen?) und entwickelte gegen jede Häme und Geringschätzung seines Umfelds die dazu passende Fähigkeit. Das hätte ihm allerdings nichts genutzt, wenn es nicht parallel dazu die Erfindung der Weichbodenmatte gegeben hätte. Diese technologische Innovation erlaubte ihm, auf dem Rücken zu landen, ohne sich durch den Fall aus zwei Metern das Kreuz zu brechen. Das Zusammenspiel von Idee, Fähigkeit und Timing ergibt im Idealfall einen wirksamen Musterwechsel, mit dem wir Probleme durch ganz neue Perspektiven und Lösungen verarbeiten können.

Jedes Unternehmen steht heute in einem scharfen Wettbewerb, unterliegt dynamischen Märkten und nicht selten unvorhersehbaren politischen Interventionen. Von den Musterwechseln der Konkurrenz werden viele deshalb kalt erwischt – so wie die Konkurrenten von Dick Fosbury. Man konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass er mit dieser neuen, verrückten Technik Erfolg haben würde. Der Eintrag in die sportlichen Geschichtsbücher gab ihm jedoch recht. Damit Unternehmen kein „Fall Fosbury“ widerfährt, sollten sie in ihre Musterwechsel-Kompetenz investieren: in ein Umfeld, das Kreativität und neue Ideen fordert und fördert; in abrufbare Ressourcen, die sie in neue Fähigkeiten verwandeln können; und in eigene Führungskräfte und Mitarbeiter, die sich professionell mit den Zukunftsthemen ihrer Branche und den großen Trends in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auseinandersetzen.

Fördern wir unsere Fähigkeit zum Musterwechsel: mit außergewöhnlichen, mutigen Ideen, neuen Fähigkeiten und dem Nutzen des richtigen Timings. Zeigen wir den Schimpansen, dass sie stolz auf uns sein können.

Markus Väthgilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Markus Väth


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