GastbeitragWarum wir eine New Work Charta brauchen

Symbolbild New Work
Symbolbild New WorkGetty Images

Vor Jahren gab es in Nürnberg eine Art Kult-Kneipe: die „Ruhestörung“, direkt gegenüber unserer Wohnung. Einmal wollten meine Frau und ich dort frühstücken. Doch statt einer Speisekarte drückte uns die Bedienung einen eng beschriebenen Zettel mit Lebensmitteln in die Hand – und einen Bleistift zum Ankreuzen. Das Ganze sollte ein neuer, toller Service sein, mit dem die Gäste individuell wählen können, was Sie essen wollen. Aber wenn ich morgens ins Café schlurfe, kaum die Augen aufkriege und einfach nur frühstücken will, hätten sie mir genauso gut binomische Formeln in die Hand drücken können. Wir wollten einfach nur einen Kaffee, Brötchen und so weiter. Aber das war nicht drin. Durch den Zettel mussten wir durch.

New Work: eine komplizierte, überfordernde Speisekarte

Vielleicht ahnen Sie es schon: Das Café gibt es nicht mehr. Da ist jetzt ein Burger-Laden drin. Vier, fünf Burger, überschaubare Variationen – das war’s. Der Laden brummt. Manchmal kann zu viel Auswahl und zu wenig Überblick eben demotivieren. Genau an diesem Punkt steht die New Work-Bewegung in Deutschland. New Work präsentiert sich wie eine komplizierte, überfordernde Speisekarte: Da gibt es Agilität, Working Out Loud, Neue Architektur, Homeoffice, New Pay, Holacracy und so weiter und so fort. Man verliert als Unternehmen den Überblick und denkt sich (im übertragenen Sinne): Ich wollte doch nur einen Kaffee trinken.

Das ist wahnsinnig schade, denn das Konzept liefert viele wertvolle Ansätze für Unternehmen. Aber es sollte eben mehr sein als ein Sammelsurium unterschiedlicher Methoden, aus denen man sich einfach eine rauspickt, ohne Zusammenhang oder Hintergrund. Deswegen schreibt der Burger-Laden auch ins Menu, woher das Fleisch kommt und wie es zubereitet wird. Damit dem Kunden klar wird, was und warum er bestellen sollte.

Es wird Zeit für eine starke Stimme

Die New Work-Szene in Deutschland ist zersplittert in unglaublich viele Initiativen, Ideen und Projekte. Das wirkt einerseits vital und sexy, macht es aber andererseits den Unternehmen schwer zu erkennen, welche Projekte und Ansätze denn nun konkret Sinn ergeben. Es herrscht eben mehr überfordernder Ankreuz-Zettel als übersichtliches Menu. Aus diesem Grund habe ich mit zwei Kollegen eine New Work Charta verfasst. Die Charta soll das Konzept für Unternehmen vom Kopf auf die Füße stellen:

  • Sie formuliert fünf Prinzipien für echte New Work-Unternehmen: Freiheit, Selbstverantwortung, Sinn, Entwicklung und Soziale Verantwortung. Jedem Prinzip sind konkrete New Work-Anwendungen zugeordnet. Ein Unternehmen kann sofort erkennen, welches ihrer New Work-Projekte auf welches Prinzip einzahlt und ob das Sinn ergibt.
  • Sie versöhnt das ursprüngliche, sozialkritische Konzept des New Work-Begründers Frithjof Bergmann mit der Welt der Unternehmen. Man darf nicht vergessen, dass New Work zunächst gar nicht für die Wirtschaft gedacht war! Die Charta schlägt daher die Brücke zwischen den philosophischen Wurzeln und den gewinnorientierten Unternehmen von heute.
  • Sie tritt ein für eine klare, humanistische und soziale Version des Konzepts. Bei aller Flexibilität muss man festhalten: Wo New Work draufsteht, sollte auch New Work drin sein. Daher bietet die Charta eine Gelegenheit zur Orientierung: für sich selbst und für das eigene Unternehmen.

New Work hat großartiges Potenzial, aber ein Filterblasen-Problem. Um eine echte Breitenwirkung zu entfalten, muss die Szene mit einer starken Stimme sprechen. Dafür kämpfe ich mit meiner Charta – damit aus einem überfordernden Ankreuz-Zettel zur Zukunft der Arbeit ein durchdachtes, übersichtliches Menu wird.