KolumneWarum man sich eine Work-Life-Balance erarbeiten muss

Finleap-Gründer Ramin Niroumand
Finleap-Gründer Ramin NiroumandPR

Wie viele Stunden haben Sie heute gearbeitet? Gehen wir einmal von einer typischen deutschen 40-Stunden-Woche aus, dürften Sie heute rund acht Stunden im Büro verbracht haben. Sollten Sie diesen Beitrag als chinesischer Angestellter lesen, wären es eher 12 Stunden und mehr.

In China verbreitet sich gerade ein Arbeitsmodell, das von Business-Tycoon Jack Ma, Vorstandschef der Alibaba Gruppe, massive Unterstützung erhält. Es nennt sich “996”, was bedeutet von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends zu arbeiten, 6 Tage die Woche. Diese Arbeitszeiten, durch die man auf eine 72-Stunden-Woche kommt, sind in chinesischen Technologiekonzernen keine Seltenheit. Ma selbst begründet die Regelung mit Liebe zur Arbeit: „Wenn wir Dinge finden, die uns gefallen, ist 996 kein Problem“, lässt er auf der chinesischen Social Media Website Weibo wissen. Der Aufschrei in den sozialen Netzwerken ließ nicht lange auf sich warten.

Ich finde, Ma hat recht.

(Und bevor Sie sich jetzt voller Empörung an den Laptop setzen und die Capital-Redaktion mit wütenden Mails fluten, lesen Sie bitte noch die nachfolgenden Zeilen.)

Er hat recht damit, dass, wenn man seinen Job liebt und täglich spürt, dass man direkten Einfluss auf die Produktivität des Unternehmens hat, auch gerne mehr arbeitet.

Womit Ma nicht recht hat, ist, die Produktivität auf dem Rücken von überlasteten Angestellten zu steigern. Zeit ist nämlich nur ein Faktor, der Produktivität anheben kann. Aber es ist nicht der einzige, sondern auch Weiterbildung, Gesundheit, Motivation und Incentivierung der Mitarbeiter sind entscheidend. Und darin gilt es, als Unternehmen zu investieren.

Gescheiterte Projekte

Mas „996“ Modell geht daran weit vorbei, ja, schadet sogar eher der Produktivität, glaubt man wissenschaftlichen Studien, die besagen dass der Mensch nur über eine bestimmte Zeitdauer wirklich effizient arbeiten kann. Allerdings sind die Rufe nach Sechs-Stunden-Arbeitstagen und Vier-Tage-Wochen bei vollem Gehalt, wie sie aus unseren Breiten kommen, aus wirtschaftlicher Sicht genauso schädlich. Und das nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern für die gesamte deutsche – und größer gedacht – europäischen Wirtschaft.

Schweden zum Beispiel, Vorbild in Sachen Work-Life-Balance, hat es ausprobiert: In einem Altenheim in Göteborg lief ein zweijähriges Testprojekt, bei dem die Angestellten nur sechs Stunden täglich arbeiteten. Das Projekt wird nicht verlängert. Grund: zu teuer. Mehr als 1,2 Mio. Euro hat die 30-Stunden-Woche die Stadt gekostet, weil mehr Leute eingestellt werden mussten und das bereits bestehende Personal keine Gehaltseinbußen erfahren sollte. Natürlich könnte man sich über die neuen Arbeitsplätze freuen, die wiederum den Sozialstaat entlasten, doch wurden hier nur knapp 500.000 Euro eingespart – am Ende also eine Milchmädchenrechnung. Übertragen auf Deutschland, würde ein solches Modell zudem den Fachkräftemangel in der Pflege verschärfen.

Ein anderes Beispiel liefert die Deutsche Bahn. 130.000 Angestellte hatten die Wahl, wollten sie ab 2018 sechs Tage mehr Urlaub, eine Stunde weniger pro Woche arbeiten oder mehr Gehalt bekommen. 56 Prozent entschieden sich für den Urlaub. Um die Lücken zu stopfen, muss das Unternehmen nun ebenfalls mehr Mitarbeiter einstellen. Und das bei einem Staatskonzern, dem ohnehin in Deutschland massiv Mitarbeiter fehlen und der kontinuierlich rote Zahlen einfährt.

Wir können uns das nicht leisten

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich gönne jedem einen Sechs-Stunden-Tag oder mehr Urlaub bei vollen Bezügen. Ich denke nur nicht, dass wir es uns leisten können – weder als Unternehmen, noch als Staat. Am Ende hilft es nicht, drei Leute für einen Job einzustellen, weil jeder nur ein bißchen mehr als 30 Prozent arbeiten möchte, wenn die Firma binnen eines Jahres pleite geht. Langfristig würde ein solches Arbeitsmodell der Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Deutschland schaden, weil es den Fachkräftemangel in vielen Branchen verschärfen und die Produktivität sinken würde.

Auf die internationale Ebene übertragen, bedeutet es, dass die europäische Wirtschaft mit dieser Mentalität abgehängt wird. Derzeit sind wir noch vorne mit dabei, weil wir in der Vergangenheit den Grundstein für unseren aktuellen Wirtschaftserfolg gelegt haben. Doch in Anbetracht des Tempos der internationalen Konkurrenz, wird das nicht immer so sein. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, um über weniger Arbeit zu reden, sondern jetzt ist der Zeitpunkt, um alles zu tun, um weiterhin an der Spitze zu bleiben und sich nicht überholen zu lassen.