KolumneWarum Führungskräfte gute Faktenchecker werden müssen

Markus VäthPR

Als Jugendlicher war ich begeisterter Bibelleser. Begeistert ist übertrieben. Na gut, gelesen habe ich auch nicht viel – aber die Geschichte des ungläubigen Thomas ist bei mir hängengeblieben. Worum geht es da? In der Erzählung der Bibel erscheint Jesus nach seiner Kreuzigung und Auferstehung unter anderem seinen Jüngern, während sie gerade ein Fuck-up-Meeting abhalten (wie man heute sagen würde). Thomas ist leider nicht dabei, er hat einen Kundentermin, ist beim Friseur, keine Ahnung, fragen Sie Matthäus.

Als er später hinzukommt, kann er einfach nicht glauben, was ihm die anderen Jünger erzählen: Jesus sei bei ihnen gewesen, er habe mit ihnen gesprochen! Wirklich! Thomas ist extrem skeptisch und äußert seinen berühmten Spruch: „Erst wenn ich meinen Finger in die Male an seinen Händen und in die Wunde an seiner Seite gelegt habe, glaube ich!“ Oder kürzer: Ich glaube erst, wenn ich es sehe. Vorher nicht.

Der ungläubige Thomas: ein Faktenchecker

Im Grunde war Thomas ein früher Anhänger der Aufklärung. Wissenschaftlichkeit, Beweise, Nachprüfbarkeit waren seine Prinzipien. Und so wie Thomas die biblische Jünger-Gemeinde attackierte, überrollte 1400 Jahre später die Aufklärung das religiös dominierte Europa und installierte nach und nach wissenschaftliche Herangehensweisen. Mathematik, Physik, Biologie revolutionierten unseren Wissensschatz. Galileo Galilei und Nikolaus Kopernikus stürzten unser Weltbild und mit dem Spruch „Sapere aude!“, „Wage es, zu denken!“ gelang den Bürgern der Weg aus ihrer, so Immanuel Kant, selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Der ungläubige Thomas war somit einer der ersten Faktenchecker, und ich kann das sehr gut nachvollziehen. Auch heute beschleicht viele von uns oft das Gefühl des „Unglaublichen“, des Unwahrscheinlichen. Wir wollen selbst nachprüfen, testen, über Dinge sprechen, die uns betreffen und die uns besorgen: Klima, Corona, Annalena Baerbocks angebliche Plagiate, Zuwanderung etc. Die (sozialen) Medien als Diskussionsraum quellen über von Meinungen und Informationsfetzen zu praktisch jedem beliebigen Thema. Aber erhalten wir dadurch wirklich Erkenntnis? „Sehen“ wir, wie es Thomas einst verlangte und die Aufklärung einforderte?

Führungskräfte sind leider keine Faktenchecker – im Gegenteil

Schauen Sie sich zum Beispiel das Thema Führung und Management heute an. Auch hier wird viel diskutiert: über Kultur, Empowerment, Diversity, Purpose und was weiß ich noch alles. Diese Diskussionen werden leider geführt unter Maßgabe eines gigantischen Irrtums. Angeblich sind wir rational und kritisch wie Thomas, prüfen Initiativen nach dem Motto „Ich glaube es, wenn ich es sehe“. Wir fragen: Rechnet sich das? Wo sind die Beweise? Was habe ich davon, in buchstäblich harter Währung? Wir glauben, in der Führung von Menschen und Unternehmen seien wir auf der Suche nach Fakten und würden darauf basierend Entscheidungen treffen. Nichts könnte falscher sein.

Thomas rief damals aus: „Ich glaube, wenn ich es sehe!“ Meiner Beobachtung nach denken und handeln wir heute genau entgegengesetzt: Wir SEHEN bestimmte Dinge, weil wir daran GLAUBEN. Zuerst das Weltbild, dann die „Erkenntnis“. Im Alltag, in der Politik, aber auch in Führung und Management hat das gefährliche Verkürzungen und falsche Entscheidugnen zur Folge. Wenn ich Dinge, Situationen, Zukünfte nicht wahrnehme, weil sie außerhalb meiner festgelegten Vorstellungswelt liegen, reduziere ich meinen Realitätsraum und damit meine Handlungsoptionen.

Wenn ich beispielsweise das Menschenbild vertrete, dass Mitarbeiter immer von außen angetrieben werden müssen und nicht von sich aus motiviert sind, hat das Einfluss auf die Gestaltung meiner Anreizsysteme. In der Folge entwickle ich ein sich selbst verstärkendes System: Aufgrund meines Weltbildes installiere ich meine Wirklichkeit, die wiederum mein Weltbild verstärkt – wenn beispielsweise die Mitarbeiter trotz externer Anreize nicht die angestrebten Leistungen bringen. Statt das Weltbild um die Möglichkeit interner Motivation zu erweitern, denke ich vielleicht über eine Ausdifferenzierung des Belohnungssystem und eventuell über die Installierung eines Bestrafungssystems nach. Einfach, damit das Weltbild nicht ins Wanken gerät.

Wir brauchen eine Umkehr der Beweislast

Führungskräfte müssen sehen lernen, unabhängig davon, was sie glauben. Das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten in einer komplexen Welt. Wenn etwas im Unternehmen passiert, was ihrem Weltbild zuwiderläuft, dürfen sie nicht nach dem Motto handeln: „Was nicht passt, wird passend gemacht“. Sie müssen nicht nur die Realität, sondern auch ihre Wahrnehmung prüfen: Hat die Wirklichkeit ein Problem oder meine Wahrnehmung? Eine solche Frage erfordert persönliche Reife und Souveränität. All die modernen Ansätze von Achtsamkeit, Selbstreflexion, Purpose, New Work und so weiter sind gut gemeint, werden jedoch ohne diese Umkehr der rationalen Beweislast nicht zu machen sein.

Wir dürfen als Führungskräfte und Entscheider nicht mehr nur sehen, was wir glauben. Sondern wir sollten glauben, weil wir sehen – ganz so, wie es der „ungläubige“ Thomas tat. Nur so erhalten wir belastbare Erkenntnisse – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik und für eine im Sinne der Aufklärung selbst-bewusste Gesellschaft.

 


Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt.