Gastbeitrag Warum Frauen zögern, wenn der Chefposten winkt

Symbolbild Chefin
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Frauen auf dem Chefsessel sind immer noch eine Seltenheit. Lieber agieren sie aus der zweiten Reihe heraus. Mehr Mut zur Führung, fordert Nela Novakovic

Das jüngst verabschiedete zweite Führungspositionengesetz soll heterogene Chefetagen begünstigen, doch den Unternehmen mangelt es noch immer an Frauen, die bereitwillig an die Spitze streben. Denn etliche potenziell führungsstarke Frauen agieren lieber aus der zweiten Reihe heraus als Platz auf dem Chefsessel zu nehmen. Die Angst, durch eine Führungsposition Angriffsfläche für kritische Kolleginnen und Kollegen oder Mitarbeitende zu bieten, ist oft ebenso groß wie vorhandene Selbstzweifel, was das eigene Können angeht. So bleibt es dann beim indirekten Führen: Sie gleichen die Defizite ihrer Vorgesetzten aus und machen sich in ihrem Job unabkömmlich.

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Nela Novakovic

Ohne sie würde vieles schlechter laufen, doch ohne ihren nötigen Mut zur Führung bleibt die Domäne des Chefpostens weiterhin unangetastet und der Frauenanteil dort entsprechend gering. Schade eigentlich. Denn so bleibt Potenzial im Verborgenen, das im Licht der Führungsposition auch dem Unternehmen zu mehr Glanz verhelfen könnte – heterogen besetzte Führungsebenen erzielen nachweislich mehr Output, sind kreativer und krisenfester.

Es gilt also, Mut zu schöpfen. Mut, Verantwortung zu übernehmen, sich in den Wind zu stellen und an Herausforderungen zu wachsen statt sie zu meiden. Was hilft dabei? Ängste und Vorurteile abbauen, dafür Brücken bauen und Netzwerke stricken – und sich nicht selbst zu Fall bringen durch unnötige Tricksereien.

Nur Mut! Angstbilder sind Scheinriesen…

Versagensangst sollten Frauen mit Entkräftigung begegnen: Was kann schlimmstenfalls passieren und wie realistisch ist das? Das kritische Hinterfragen, ob vorhandene Ängste berechtigt sind, entkräftigt oft schon gedankliche Hürden. Auch die Angst, nicht gut genug zu sein, lebt von negativen Überzeugungen. Hier hilft es, sich auf die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu besinnen, die die Frau vorangebracht und auch die Anerkennung anderer eingebracht haben. Fragen Sie sich: Wofür schätzen Sie andere? Was können Sie besonders gut? Wie könnten Sie das für den nächsten Karriereschritt nutzen?

Nicht selten ist es auch die Angst, Karriere und Familie nicht miteinander vereinbaren zu können. Dann hilft es, sich ein unterstützendes Umfeld zu schaffen, Rollen neu zu definieren und notwendige Anpassungen vorzunehmen. Manchmal nützt es auch, ein Coaching in Anspruch zu nehmen, um verborgene Widerstände, destruktive Glaubenssätze und irrationale Ängste aufzuspüren und abzubauen. Wenn ich weiß, woher meine Angst rührt, kann ich ihr gezielt etwas entgegensetzen. Wer damit beginnt, sich mit seinen bewussten und unbewussten Hindernissen auseinanderzusetzen, wird feststellen, dass sich manche als unüberwindbar geglaubte Hürde bei näherer Betrachtung als Scheinriese entpuppt.

Was brauchen Sie? Mut mit Angeboten fördern

Frauen fordern selten selbst einen Platz an der Spitze ein, sondern wollen gefragt werden. Unternehmen können Einfluss darauf nehmen, dass weibliche High Potentials mutiger werden, indem sie Kandidatinnen mit Führungspotenzial persönlich auffordern, sich auf Führungspositionen zu bewerben. Dabei kann es auch sinnvoll sein, das private Umfeld der Mitarbeiterin in den Blick zu nehmen, um ihr zielgerichtet Mut zu machen: In welcher Art Partnerschaft lebt sie? Trägt der Partner oder die Partnerin die Anforderungen einer Spitzenposition mit oder fehlt hier Rückhalt?

Frauen wollen sich in der Regel im Einklang mit ihrem privaten Umfeld absichern. Es ist ihnen wichtig, private Beziehungen in Balance zu halten. Für Unternehmen bedeutet das, weiblichen Mitarbeitenden mit flexiblen Arbeitsbedingungen und unterstützenden Angeboten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um die Entscheidung für den Chefposten leichter zu machen. Hier können zudem Programme helfen, die Brücken bauen: Sie vermitteln, was die Frau in der neuen Position konkret erwartet und binden vorhandene Partner dabei ein. Mentoring-Programme sind ein weiterer Baustein, um Mut zu fördern.

Dabei sein ist alles: Mut gewinnen durch Austausch

Mut lässt sich auch aus Vorbildern und Teilhabe schöpfen. Es hilft, sich Business-Netzwerke zu suchen, in denen vor allem weibliche Führungskräfte präsent sind. Der Austausch mit ihnen ermöglicht es von Erfahrungen zu profitieren, wertvolle Tipps zu bekommen und nützliche Kontakte zu knüpfen. Mutige Vorbilder können hier inspirieren und Mut machen für die persönliche Karriere. Aber auch Unternehmen können dazu beitragen, indem sie Führungskandidatinnen einladen, an Managementmeetings teilzunehmen, um ihr fachliches Feedback oder ihre Manöverkritik einzuholen.

Wer gelegentlich als Sparringspartnerin gefragt ist, gewinnt an Selbstvertrauen und dem Bewusstsein fürs eigene Können. Das lässt vielversprechende Mitarbeiterinnen Stück für Stück mutiger werden und in die Bereitschaft zur Führungsverantwortung hineinwachsen. Gleichzeitig profitiert das Unternehmen von der zusätzlichen Perspektive, die die Frau in die Runde hineinbringt – das hilft, Prozesse und Strategien zu verbessern, neue Konzepte und Lösungen zu entwickeln.

Mut ist nicht zu verwechseln mit destruktivem Übermut

Bei allem Karrierestreben gilt es, glaubwürdig zu sein. Wem es als Frau an Dominanzgebaren oder der nötigen fachlichen Qualifikation mangelt, der sollte es auch nicht beim Bewerbungsgespräch für die Führungsposition versuchen, zu vermitteln. Das wirkt nicht überzeugend, sondern überzogen. Wer sich aufbläst, wird in der Regel enttarnt, weil das spätere Verhalten nicht konkludent sein wird, sondern Zweifel an der Verlässlichkeit und Authentizität schürt. So graben Frauen sich das Wasser selbst ab. Eine Rolle zu spielen, um gut anzukommen, führt in die Sackgasse. Halbwahrheiten und Tricksereien bereiten keinen Boden, auf dem Karrieren dauerhaft wachsen können. Im Gegenteil: Sie wirken zerstörerisch, schüren Misstrauen und Ablehnung, auch Geschlechtsgenossinnen gegenüber, die den Weg an die Spitze einschlagen wollen und sich Vorurteilen ausgesetzt sehen, die durch das Blendwerk anderer heraufbeschworen wurden.

Frauen sollten sich so zeigen, wie sie sind – mit Stärken und Schwächen. Aber auch mit der Klarheit, den nächsten Karriereschritt wirklich zu wollen, und der Kompetenz, ihn gehen zu können. Durch Mentoring, Sparringspartner, ein unterstützendes Umfeld und dem Bewusstsein für sich selbst sollte es dann auch nicht länger am Mut für die Führungsrolle mangeln.

Nela Novakovictrifft als COO eines japanischen Pharmaunternehmens täglich taktische Entscheidungen. Sie leitet, verwaltet, entwickelt und perfektioniert strategische Maßnahmen.


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