Aufmerksamkeitsökonomie Dulde keine Intrige

Niels H.M. Albrecht
Niels H.M. Albrecht
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Immer wenn es um Macht geht, werden alle Formen der Täuschung eingesetzt. Intrigen können ganze Organisationen lähmen. Niels Albrecht erklärt, wie das zu verhindern ist.

Friedrich der Große ließ am 22. Februar 1758 das neutrale Fürstentum Anhalt-Zerbst militärisch besetzen. Ein unvorstellbarer Vorgang, ein neutrales Land mitten im Krieg zu annektieren. Doch der Siebenjährige Krieg zeigte ein neues Ausmaß. Viele Historiker sehen diese militärische Auseinandersetzung als ersten Weltkrieg, da die wichtigsten Nationen von 1756 bis 1763 nicht nur in Europa, sondern auch in Nordamerika, Indien und auf den Weltmeeren ihre Konflikte ausfochten.

So kämpfte Preußen an der Seite von Großbritannien und Kurhannover gegen die Habsburgermonarchie aus Österreich, gegen Frankreich, Russland und das Heilige Römische Reich. Während Friedrich der Große sich gegen die Vormachtstellung der Habsburger in Mitteleuropa stemmte, kämpften Großbritannien und Frankreich bereits um die Vorherrschaft der Seewege und Kolonien.

In dieser Zeit hatte Preußen das Fürstentum Anhalt-Zerbst eingenommen. Doch für die Fürstenfamilie kam es noch schlimmer. Der Alte Fritz ordnete die Absetzung des Fürsten an und beauftragte seinen Major von Kleist, diesen Befehl zu vollziehen. Denn hinter der prachtvollen Fassade des Zerbster Schlosses lauerte der Verrat. Trotz der erklärten Neutralität von Anhalt-Zerbst gewährte der regierende Fürst Friedrich August dem französischen Spion Marquis de Fraigne in seinem Schloss Unterschlupf. Der Agent sollte im Auftrag des französischen Außenministers Kardinal de Bernis erkunden, ob Russland dem Bündnis gegen die Preußen treu bliebe. Die Spionage, die durch den Fürsten von Anhalt-Zerbst gebilligt wurde, rief den König von Preußen auf den Plan.

Aufmerksamkeitsökonomie: Dulde keine Intrige

Friedrich der Große, ein Monarch der klaren Prinzipien, duldete keine Form des Verrates. Er handelte so entschlossen, um zu verhindern, dass die Intrige um sich griff oder sogar auf seine eigenen Truppen übersprang. Um diese Gefahr zu bannen, setzte der Alte Fritz den Fürsten ab. Friedrich August von Anhalt-Zerbst blieb nur der Gang ins Schweizer Exil.

Seine Abwesenheit führte zu einer inneren Zerrüttung im Fürstentum: Chaos, Willkür und Despotie griffen um sich. Das prächtige Schloss stand leer, und Preußen war durch das konsequente Handeln seines Königs zur fünften Großmacht Europas aufgestiegen. 1872 richtete man in Schloss Zerbst ein Staatsarchiv ein; 50 Jahre später wurde aus dem Schloss ein Museum. Nach und nach wurde das Gebäude auch von der städtischen Verwaltung bezogen.

So erhielt das Finanzamt der Stadt einen Schlossflügel, und die Finanzbeamten konnten den fürstlichen Blick über die Parklandschaft genießen. Doch es war die Ruhe vor dem Sturm.

Ein weiterer Krieg zog übers Land. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs war es um das Schloss geschehen. Der große Komplex war ein einfaches Ziel für die alliierten Kampfpiloten. Ihre Bomben trafen das Schloss und ließen es vollständig ausbrennen. Der Wiederaufbau wurde in der DDR von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands abgelehnt. So sind vom Fürstentum Anhalt-Zerbst nur die Grundmauern erhalten geblieben, die sich bis heute wie ein Gerippe aus der Parklandschaft erheben. Es sind die Überreste einer Intrige, die ein ganzes Fürstentum zu Fall brachte.

Intrigen gehören zum Alltag unseres Lebens. In Politik und Wirtschaft ist die Intrige sogar fester Bestandteil des Werkzeugkastens der Macht und wurde am 4. August 2017 von der Abgeordneten von Bündnis 90 / Die Grünen, Elke Twesten, eingesetzt. An diesem Tag vollzog Elke Twesten im niedersächsischen Landtag überraschend ihren Wechsel zur CDU und brachte damit die rot-grüne Mehrheit zu Fall.

Niels H. M. Albrecht: Kommunikationsmacht – Strategien der Aufmerksamkeitsökonomie, 480 Seiten, gebunden, 24,95 Euro, ISBN 978-3-98212-621-0, Blick ins Buch
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Mit diesem Schachzug bestimmte nicht mehr der SPD-Ministerpräsident Stephan Weil das Geschehen in Niedersachsen, sondern Bernd Althusmann, sein Gegenspieler von der CDU. Dessen Plan schien aufzugehen. Die Umfragewerte der CDU lagen zu diesem Zeitpunkt bei 40 Prozent, und mit der Überläuferin Twesten war der Weg für Neuwahlen frei.

Nach unserer Verfassung sind die Abgeordneten ausschließlich ihrem Gewissen verpflichtet. Und das ist auch gut so. Sie können frei entscheiden und sich neu orientieren. Doch der Fall von Elke Twesten lag anders. Sie nahm ihr Mandat der Grünen-Fraktion einfach mit zur CDU und stellte somit den Wählerwillen auf den Kopf. Recherchen zeigten, dass es ihr nicht um ihre politische Überzeugung, sondern ausschließlich um ihren Machterhalt ging.

Ihr Motiv war der sichere Listenplatz bei der CDU, den sie innerhalb der Grünen verloren hatte. Elke Twesten war der Regierungsauftrag ebenso egal wie ihre Wähler:innen, die ihr das Mandat nicht direkt, sondern über die Landesliste erteilten. Ausschließlich ihr persönliches Fortkommen stand im Zentrum. Sie selbst nährte diesen Boden mit unbedachten Äußerungen, dass ihr berufliche Zusagen für den Wechsel zur CDU gemacht worden seien. Belege gab es hierfür nie. Doch die Stimmen im Land verhallten nicht. Immer wieder wurden Fragen laut: Ist das eine Politikerin, von der man sich als Wählerin oder Wähler repräsentieren lassen kann? Wofür steht Elke Twesten eigentlich? Wird sie in der nächsten Legislaturperiode wieder die Partei wechseln, wenn es dort mehr zu holen gibt?

Die Menschen in Niedersachsen beschlich das Gefühl, dass es nicht mehr um die Gestaltung des Landes, sondern ausschließlich um den persönlichen Machterhalt einer Politikerin und den schnellen Machtgewinn der CDU ging. All die Fragen, die sich im ersten Moment um Elke Twesten drehten, wurden nun dem Spitzenkandidaten der CDU zum Verhängnis. Man fragte sich, welchen Politikstil Bernd Althusmann vertrete und ob die CDU einen solchen Deal nötig habe. Bernd Althusmann wurde die Geister, die er rief, nicht mehr los.

Der Fall Elke Twesten hatte eine emotionale Dynamik entfaltet. Der große Vorsprung der CDU schrumpfte von Tag zu Tag. Am Ende hieß der klare Sieger Stephan Weil. Der alte Ministerpräsident war auch der neue Ministerpräsident. Die Integrität der CDU wurde für ein kurzfristiges und durchschaubares Machtspiel geopfert. Bernd Althusmann musste seinen Parteifreund:innen nicht nur das Wahldesaster, sondern auch den Deal mit Elke Twesten erklären, vor dem ihn viele gewarnt hatten. Auch hier zeigte sich, dass man durch eine Intrige meistens mehr verliert als gewinnt. Am Ende rettete sich Bernd Althusmann mit seiner CDU als Juniorpartner in die Große Koalition unter der Führung des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Stephan Weil.

Trojanische Kommunikation

Vor über 3.000 Jahren belagerten die alten Griechen Troja. Nach zehn Jahren der Belagerung, die zu keinem Sieg führte, versammelte der Seher Kalchas die Griechen und sprach: »Hört auf, gegen diese Mauern anzurennen! Ihr müsst einen anderen Weg finden, einen Trick. Mit Kraft allein können wir Troja nicht einnehmen. Wir brauchen eine schlaue Kriegslist.« Und so bauten sie ein riesiges hölzernes Pferd, welches sie zum Sieg führen sollte. Doch es handelte sich nicht um eine moderne Waffe, sondern um ein Geschenk. Die Trojaner konnten diesem wertvollen Geschenk nicht widerstehen und zogen die Kostbarkeit hinter ihre sicheren Mauern.

Es folgte die Zerstörung. Troja fiel, weil es, geblendet von dem Geschenk, die verborgenen feindlichen Krieger im Inneren des Pferdes nicht bemerkt hatte. Wenn wir einen ungeahnten Vorteil für uns erblicken, so blendet unser Verlangen die Nachteile aus. Dieses sehr einfache Muster der menschlichen Psyche ist die Grundlage der Werbung. Doch auch in Politik und Wirtschaft kommt die trojanische Kommunikation zum Einsatz.

Immer wenn es um Macht geht, werden alle Formen der Täuschung eingesetzt. Die menschliche Kommunikation ist voll von List und Tücke – und sie kann ganze Organisationen lähmen. In Unternehmen, in denen die trojanische Kommunikation zum Alltag gehört, leiden die Menschen unter einem verseuchten Arbeitsklima. Es regieren Misstrauen und Angst. Motivation und Engagement gehen zurück. Mitarbeiter:innen schauen nur noch auf die Erfüllung ihrer zu erbringenden Ergebnisse und sind am Ende perfekt angepasst. Alle denken in die gleiche Richtung.

Doch wenn sich die Rahmenbedingungen verändern, sind kreative Impulse nicht zu erwarten. Entscheidend ist somit die Fragestellung, wie man mit einer trojanischen Kommunikation umgeht und welche Instrumente man zur Gefahrenabwehr einsetzen kann. Denn das frühzeitige Entlarven und Beseitigen von Intrigen sind wichtige Führungsaufgaben.

Je länger in einer Organisation Gerüchte und Lügen verbreitet und akzeptiert werden, desto schwerer wird es, den entstandenen Schaden zu beheben. Nichts verseucht das Klima mehr, als wenn eine Intrige um sich greift. Doch wenn der Verrat frühzeitig erkannt wird, muss auch konsequent gehandelt werden. Viele Führungskräfte schrecken jedoch davor zurück. Ein schwerer Fehler, denn die trojanische Kommunikation wird so erst salonfähig.

Aufgabe einer Führungskraft ist es, die Auswirkungen eines Verrats schnell unter Kontrolle zu bringen. Oftmals bleibt kein anderer Ausweg, als sich schnell von Intrigant:innen zu trennen, um eine Vertrauenskrise zu vermeiden. Viele Organisationen missachten diesen Grundsatz. Zahlreiche Krisen, wie bei Volkswagen oder der Deutschen Bank, belegen, dass die Weiterentwicklung der Unternehmen durch Täuschungen und Intrigen auf der Strecke bleibt. Am Ende nimmt die ganze Firmenkultur Schaden, und die hart erkämpfte Reputation liegt im Dreck.

Unterwerfen Sie sich niemals dem Spiel der trojanischen Kommunikation. Setzen Sie die folgenden zehn Regeln der Intrigenabwehr ein:

  1. Hüten Sie sich vor Geschenken oder Versprechen, denen eine Täuschung innewohnt. Hinter den meist leicht zu habenden Angeboten verbirgt sich eine Verpflichtung, die Sie später teuer bezahlen müssen.
  2. Haben Sie ihr Ohr an der Organisation. Hören Sie genau zu, um Gerüchte im „Flurfunk“ schnell entschlüsseln und dementieren zu können.
  3. Kennen und erkennen Sie die verschiedenen Netzwerke im Unternehmen. Alle Behauptungen müssen mindestens von drei unterschiedlichen Quellen belegt werden.
  4. Taten, nicht Argumente, zählen. Überprüfen Sie die Tatbestände des Geschehens und treffen Sie keine Entscheidungen auf der Grundlage von Gerüchten.
  5. Beantworten Sie eine Intrige niemals mit einer Intrige, da sich die negative Energie immer stärker aufschaukelt. Begeben Sie sich nie auf das Niveau von Intrigantinnen oder die Probleme werden Sie verfolgen.
  6. Wagen Sie die Konfrontation: Wenn hinter Ihrem Rücken eine Intrige läuft, gehen Sie in die Konfrontation und verlangen Sie nach Antworten. Sie müssen die Intriganten öffentlich zur Rede steilen. Niemand legt sich mit einer starken Persönlichkeit an, welche die Öffentlichkeit sucht.
  7. Sorgen Sie für Klarheit und Wahrheit. Gegen toxische Menschen gibt es nur ein Führungsmittel: Gradlinigkeit
  8. Stellen Sie Transparenz her und verabschieden Sie Spielregeln für die zukünftige Zusammenarbeit. Verabschieden Sie ein Compliance-Handbuch, in dem die Einhaltung von Gesetzen, Richtlinien und freiwilligen Kodizes geregelt ist. Somit gibt es ein klares Regelwerk für Ihr Unternehmen.
  9. Legen Sie Fehler offen. Wenn Sie selbst einen Fehler gemacht haben, müssen Sie diesen ebenfalls offenlegen. Jede Form von Verbergen, Leugnen oder Vertuschen macht die Sache schlimmer und Sie werden angreifbar. Tun Sie nichts, was Sie erpressbar macht. 
  10. Trennen Sie sich schnell von intriganten Personen oder, wenn die Intrige zur Unternehmenskultur gehört, verlassen Sie selbst das Unternehmen. Ihre eigene Würde ist das höchste Gut.

Niels H. M. Albrecht ist Leiter der DEACK – Deutsche Akademie für Change und Kommunikation. Der Speaker, Dozent und Buchautor berät Regierungen, Unternehmen, Stiftungen, Vereine und Kirchen in Veränderungsprozessen und Krisensituationen. Zuletzt hat er das Buch „Kommunikationsmacht – Strategien der Aufmerksamkeitsökonomie“ veröffentlicht. Daraus stammen die verschiedenen Kommunikationstools, die er in seiner 14-tägigen Kolumne auf Capital.de vorstellt. Mehr Infos zum Autor gibt es hier.

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