Bester RatMathias Döpfner: "Folge deiner Leidenschaft"

Mathias Döpfner
Mathias DöpfnerGetty Images


„Ein guter Rat ist Gold wert.“ – Unternehmerpersönlichkeiten geben die Ratschläge preis, die für ihre Karriere besonders wichtig waren. Autor Frank Arnold hat sie in seinem Buch „Der beste Rat, den ich je bekam“ zusammengetragen. Capital veröffentlicht Auszüge


„Der beste Rat, den ich bekommen habe, kam von einem alten Mann. Artur Joseph, Journalist, Buchautor und früher Besitzer eines Schuhgeschäfts, war ein Herr jenseits der 80 Jahre und ein väterlicher Freund meiner Mutter. Er hatte den Holocaust in Deutschland überlebt und genoss das Leben als Ikone des Frankfurter Kulturbetriebs. Ich hielt ihn für einen weisen Mann.

Als ich mit 17 Jahren darüber grübelte, was wohl das richtige Studium wäre, um ein berühmter Journalist zu werden, und mir mein gesamter Bekanntenkreis und alle Profis rieten, Publizistik zu studieren, fragte ich zur Sicherheit noch einmal Artur Joseph. Er lächelte: „Es ist völlig egal, was du studierst, nur ein Fach auf keinen Fall: Publizistik.“

Ich war verwirrt: „Aber das ist doch der direkteste Weg?“ „Eben“, sagte der alte Herr, „und deshalb ist er falsch. Wenn du es eilig hast, mach einen Umweg.“ Ich verstand nicht, hörte aber weiter zu. „Was interessiert dich, was liebst du, worüber willst du später schreiben?“

„Musik, Literatur, Theater“, sagte ich. „Na also, da haben wir’s, dann studiere das.“ Das tat ich dann. Zwei Jahre später begann ich als freier Musikkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zwölf Jahre später war ich Chefredakteur der Wochenpost in Berlin. 20 Jahre später CEO von Axel Springer.

Musikwissenschaft zu studieren ist genauso daneben, um Chefredakteur zu werden, wie es daneben ist, als Musikkritiker sein Berufsleben zu beginnen, wenn man später als Vorstandsvorsitzender eines börsennotierten Medienunternehmens arbeitet. Und doch waren diese Umwege für mich richtig, wichtig, vielleicht sogar eine entscheidende Erfolgsvoraussetzung.

Hätte ich Publizistik studiert, wäre ich einer von Hunderten Publizistikstudenten gewesen, die gerne mal für eine Zeitung schreiben würden. Hätte ich Betriebswirtschaft studiert, wäre ich einer von Tausenden gewesen, die gerne mal ein Wirtschaftsunternehmen leiten möchten.
 Wichtiger aber als die Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal ist das Finden einer Leidenschaft.

Folge deiner Leidenschaft. Die Wahrscheinlichkeit, dass man exzellent ist, wenn man das tut, was man liebt, ist höher, als wenn man das tut, was einem alle oder alle aktuellen Statistiken raten. Nur Leidenschaft ermöglicht, besser zu sein als andere. Vernunft erzeugt Mittelmaß. Als ich zu studieren begann, waren Lehrer Mangelware, und das Lehramt bot die sicherste Jobperspektive. Als ich fertig studiert hatte, gab es zu viele Lehrer, und kaum ein Lehramtsstudent fand noch eine Arbeit. Der Musikwissenschaftler als Journalist und der Chefredakteur als CEO – das waren Marktlücken.

Geleitet hatte mich dabei nicht Taktik oder Berechnung, sondern Leidenschaft und Lust. Und der Rat des alten Artur Joseph. Das, was scheinbar daneben liegt, ist oft richtiger als das Naheliegende. Oder: „Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg.“ Oder noch besser: „Mach, was du wirklich liebst!““