Bester RatGisbert Rühl: Einen Standpunkt vertreten - mit Diplomatie

CEO bei Köckner & Co SE: Gisbert Rühl
CEO bei Köckner & Co SE: Gisbert Rühldpa


„Ein guter Rat ist Gold wert.“ – Unternehmerpersönlichkeiten geben die Ratschläge preis, die für ihre Karriere besonders wichtig waren. Autor Frank Arnold hat sie in seinem Buch „Der beste Rat, den ich je bekam“ zusammengetragen. Capital veröffentlicht Auszüge


„Mit Mitte 30 war ich als aufstrebender Jungmanager bei den Rütgers-Werken tätig und nahm grundsätzlich kein Blatt vor den Mund. So schrieb ich einem Vorstand, der ein bestimmtes Akquisitionsprojekt völlig anders einschätzte als ich, ein Memo, dass er offensichtlich nichts von Übernahmen verstehe.

Dieser Vorstand besaß die Größe, mich darüber aufzuklären, dass solche Wortmeldungen in der Regel eine Kündigung nach sich ziehen oder zumindest das Ende des weiteren Aufstiegs bedeuten. Da er mich aber für einen guten Nachwuchsmann hielt, rief er mich zu sich, um mir einen sehr guten Rat zu geben. Er hielt mich dazu an, unabhängig von Hierarchien offen meine Meinung kundzutun. Gleichzeitig sollte ich aber darauf achten, niemanden aggressiv zu kritisieren oder gar herabzusetzen.

Mit diesem Hinweis hat mir der ehemalige Vorgesetzte enorm weitergeholfen, denn seither weiß ich, dass zwar Kritik in der Sache hilfreich ist, eine Brüskierung oder gar Herabwürdigung einer Person aber negative Folgen hat – bis zum Stillstand eines wichtigen unternehmerischen Vorhabens. An diesen Rat habe mich gehalten, vielleicht bin ich auch deshalb vergleichsweise schnell in den Vorstand aufgestiegen.

Ich gebe diesen Rat auch immer wieder an Nachwuchsführungskräfte weiter. Die jungen Leute kommen hervorragend ausgebildet und mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein von den Universitäten. Die allermeisten von ihnen sind mit großer Leidenschaft bei der Sache und benennen ebenso leidenschaftlich Zustände, die ihnen missfallen. Während ich es auf der einen
 Seite sehr schätze, wenn Menschen Vorgehensweisen hinterfragen und nicht alles, das „von oben“ kommt, einfach hinnehmen, sehe ich auf der anderen Seite auch, dass manche Mitarbeiter dabei verletzend sind. Sie kritisieren oft spontan, unreflektiert und ohne Ansehen der Person. Das ist nicht nur meine Einschätzung, sondern kommt auch bei unseren On-boarding-Prozessen regelmäßig zur Sprache.

Während die Nachwuchskräfte in ihren Hochschulen ein immenses Fachwissen erwerben konnten, wurde es teilweise versäumt, ihnen auch
 eine gewisse Diplomatie und ein geschliffenes Auftreten zu vermitteln. Daher lege ich meinen Mitarbeitern nahe, unabhängig von Hierarchie-Ebenen Kritik zu üben und Verbesserungspotenzial im Unternehmen zu benennen. Ich gebe ihnen aber gleichzeitig den Rat, die Formulierungen, die sie dabei verwenden, geschickt zu wählen. Dies ist eine Gratwanderung für alle Beteiligten: Einerseits möchte ich die Mitarbeiter nicht mundtot machen und sie weiter zum aktiven Mitdenken motivieren, andererseits muss diese Generation, die es gewohnt ist, in sozialen Netzwerken hierarchiefrei und unverblümt zu kommunizieren, die richtige Form für ihre Äußerungen finden. Im Laufe der Zeit und mit wachsender Erfahrung gelingt es dann den meisten, den richtigen Ton zu treffen. Dies hilft ihnen für den eigenen Aufstieg und befähigt sie dann auch dazu, Mitarbeiter wertschätzend zu führen.“