KolumneLiebe Manager, lest lieber mal etwas Vernünftiges

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Welches Buch soll man dieses Jahr in den Urlaub mitnehmen? Vielbeschäftigte Leute aus der Wirtschaft stellen sich diese Frage meist in allerletzter Minute und schauen dann auf die einschlägige Bestsellerliste des „Manager Magazins“. Man will sich schließlich weiterbilden.

Aber die meisten Wirtschaftsbücher und Managementtitel lohnen sich in Wahrheit nicht:

  • Dirk Müllers „Machtbeben“ (Platz 1 der Liste)? Ein abermaliger Aufguss der üblichen Crash-Prophezeiungen für die Masochisten unter den Anlegern.
  • Jean Zieglers „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ (Platz 2)? Die Bekenntnisse eines alten Sozialisten, den man in seiner Heimat Schweiz schon seit langem nicht mehr ernstnimmt.
  • Anders Indsets „Quantenwirtschaft“ (Platz 3)? Die wilden Thesen eines Tech-Philosophen, von seinem deutschen Verlag mit einem irreführenden Titel versehen.

Mein Tipp: Aus Geschichtsbüchern, Biografien und selbst Romanen können Manager meist mehr für ihren Job lernen als aus Wirtschaftstiteln. Vom Spaß beim Lesen einmal ganz abgesehen. Es müssen auch nicht immer unbedingt Neuerscheinungen sein. Lieber zu einem Klassiker greifen, den man schon immer mal lesen wollte, bisher aber noch nicht gelesen hat.

Hier einige Tipps:

  • Für Angestellte der Deutschen Bank: „Verfall und Untergang des Römischen Reiches“ von Edward Gibbons. Sie werden manche Parallele entdecken!
  • Für alle aus dem VW-Konzern: Bettina Stangneths „Lügen lesen“. Ein Kernsatz: „Lüge ist das, worin wir uns freiwillig aneinander ketten.“
  • Für Manager der Lufthansa: Der Krimi von Agatha Christie „Auch Pünktlichkeit kann töten“ – ein Spruch, den Sie künftig ihren Kunden entgegenschleudern können.
  • Für die Konzernkommunikatoren bei der Bayer AG: Karl Popper, Gesammelte  Werke Band 10, „Vermutungen und Widerlegungen“. Eine Erkenntnis des großen Philosophen: Wir können unser Wissen nur erweitern, wenn wir Fehler machen und daraus lernen.
  • Für jeden, der verstehen will, was in der SPD gegenwärtig abgeht: Thomas Mann, „Der Zauberberg“ – und darin besonders die Figur Naphtas (der Kevin Kühnert des Sanatoriums).
  • Für alle, die wissen wollen, was nach Angela Merkel kommt: Albert Brian Bosworths Klassiker über die Kämpfe der Diadochen: „The Legacy of Alexander. Politics, Warfare, and Propaganda under the Successors“.

Und last but not least für wirklich alle, die gerade wieder einmal mit dem Umbau ihres Unternehmens beschäftigt sind wie bei Thyssen-Krupp, in der Energiebranche oder bei Osram: „D-Day – Die Schlacht um die Normandie“, das große Buch des britischen Historikers Antony Beevor über die alliierte Invasion am 6. Juni 1944. Wer es liest, begreift: Große Generäle (und gute Manager) zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, das Blatt zu wenden, auch wenn alles ganz anders läuft als ursprünglich erwartet.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.