Top 40 unter 40Die Rettenden benötigen nun einen Rettungsschirm

Saskia Bruysten, Mitgründerin von Yunus Social Business.
Saskia Bruysten, Mitgründerin von Yunus Social Business.Yunus Social Business


Saskia Bruysten, ist Mitgründerin und CEO von Yunus Social Business – sie unterstützt Sozialunternehmen in Entwicklungsländern dabei, lokale Probleme wirtschaftlich zu lösen. Capital hat sie 2019 unter Deutschlands Top 40 unter 40 gewählt.


Corona verlangt uns selbst in Deutschland viel ab. Entwicklungsländer werden wie von
einem Tsunami überrollt. Die Wirtschaft geht in die Knie. Eine halbe Milliarde Menschen
könnten noch tiefer in die Armut abrutschen. Social Businesses sind Teil der Lösung.

Alive and Kicking ist ein Social Business, das Fußbälle herstellt. Die Firma beschäftigt in
Kenia, Ghana und Sambia mehrere hundert Menschen. Mutinta Mwangi* zum Beispiel,
Mutter von drei Kindern, fertigt seit sieben Jahren Fußbälle für einen fairen Lohn. Mutinta ist taub. Sie hätte sonst keinen Job gefunden. Nun ist aufgrund der Corona-Krise ihr hart
verdientes Einkommen gefährdet.

Ein einziger Corona-Fall war gemeldet, da wurden in Kenia alle Events abgesagt, Grenzen
geschlossen, Flüge gestrichen, Homeoffice angeordnet. Die Region hatte durch Ebola
gelernt, schnell zu handeln. Umsätze von Alive and Kicking und tausender afrikanischer
Kleinunternehmen brachen von heute auf morgen weg.

Finanzminister Olaf Scholz bedient sich zur Bekämpfung von Bankrotten in Deutschland einer finanziellen „Bazuka“. Und selbst die kommt nicht bei jedem KMU an. Dagegen haben afrikanische Regierungschefs mit ihren begrenzten finanziellen Mitteln maximal eine „Fliegenklatsche“ anzubieten. Wir sorgen uns in Europa um die schlecht abgesicherten 35 Millionen neuen amerikanischen Arbeitslosen. Worte wie „Kurzarbeit“ oder „Arbeitslosenhilfe“ sind Fremdworte für Straßenhändler oder Kleinbauern in Afrika. 85 Prozent der Arbeitskräfte in Subsahara Afrika sind informell. Wer sein Einkommen verliert, stürzt ins Nichts.

Neben der Gesundheitskrise droht eine wirtschaftliche Superkrise, die insbesondere
Entwicklungsländer wie ein Tsunami überrollen wird. Laut Schätzungen der UN könnten 500 Millionen Menschen tiefer in die Armut abrutschen, 250 Millionen Menschen könnten schlichtweg verhungern.

Sozialunternehmen brauchen Hilfe

Aber was ist die Lösung? Social Businesses können einen sehr gezielten Beitrag
leisten. Das sind Firmen, die durch ihr Wirtschaften, ein soziales Problem lösen. Sie sind
das soziale Sicherungsnetz, wo der Staat versagt. Sie schaffen Einkommen für die Ärmsten
und versorgen diese mit lebensnotwendigen Angeboten, wie etwa Gesundheitsversorgung,
Bildung, Trinkwasser, etc. Fleximedical z.B. bringt durch ihre „Arztpraxen auf Rädern“
medizinische Beratung, Diagnosen und wichtige Operationen in arme ländliche Regionen in
Brasilien, wo die staatliche Gesundheitsversorgung versagt. Die Firma ist nun selbst in Not,
da die erforderlichen Investitionen in Corona-Tests und Beatmungsgeräte zu akuten
Liquiditätsengpässen führt.

Diese Lebensretter benötigen nun selbst einen Rettungsschirm. Deswegen hat meine Organisation Yunus Social Business diesen Monat gemeinsam mit dem World Economic Forum eine globale Allianz von 40+ Organisationen ins Leben gerufen, die
Sozialunternehmen durch diese Krise stützen soll. Diese Gruppe vertritt über 15.000
Sozialunternehmer, die 1,5 Milliarden Menschen in 190 Ländern erreichen. Auf der
wachsenden Liste an Organisationen stehen, unter anderem Ashoka, Bertelsmann Stiftung,
Ikea Foundation, SAP, Schwab Foundation, Skoll Foundation, USAID. Ziel ist es, kurzfristig
Überbrückungsgelder und Liquiditätshilfen für die Sozialunternehmen zu mobilisieren und
die Hilfsprogramme effizient zu koordinieren. Über 75 Mio. Dollar wurden von den
Allianzmitgliedern in den letzten vier Wochen bereits zur Verfügung gestellt, zum Teil in
Form eines vereinfachten Kurzarbeitergeldes. Aber auch der Zugang zu Kontakten und Hilfe
bei der Anpassung der Geschäftsmodelle soll geleistet werden.

Die privaten Hilfen können aber nur ein Anfang sein. Dringend müssen Regierungsgelder sowohl aus Geberländern als auch von den betroffenen Entwicklungsländern gezielt und damit kosteneffizient an Sozialunternehmen gezahlt werden. Die amerikanische Entwicklungsagentur USAID ist bereits dabei. Deutschland hat im Zuge der Flüchtlingskrise erkannt, dass es auch im Selbstinteresse in Afrika investieren muss. Die Corona-Krise verschärft dies nur.

Das Überleben von Fleximedical und Alive & Kicking ist essenziell für die armen
Bevölkerungsgruppen, die sie versorgen. Sie sind darüber hinaus schillernde Beispiele für
den besseren Post-Corona-Kapitalismus, den wir uns alle wünschen. Glücklicherweise
bekommen beide Liquiditätshilfen von Yunus Social Business und können so weiter ihrer
wichtigen Arbeit nachgehen. Die Welt steht im Moment an einem Wendepunkt, der
entscheidet, wie unser Planet für die nächste Generation gestaltet wird. Wir können es uns
nicht leisten, die Unternehmen der Zukunft zu verlieren.

*Name verändert