Markus Väth Der erzwungene Musterwechsel

Markus Väth
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Was im Kleinen gilt, gilt manchmal auch im Großen. Die neue Realität des Ukraine-Kriegs erzwingt einen Musterwechsel der deutschen Politik. Markus Väth zieht drei Lehren aus dieser dramatischen Entwicklung für die Wirtschaft

Als ich meine letzte Kolumne „Wie wir mit Musterwechseln die Zukunft gewinnen“ schrieb, hätte ich mir nicht träumen lassen, wie brutal die aktuelle politische Realität einen ebensolchen Musterwechsel in europäischem, ja globalem Maßstab erzwingt. Symbolisch erfolgte dieser Musterwechsel für Deutschland in der historischen Rede von Olaf Scholz am 27. Februar 2022 im Deutschen Bundestag. Dort verabschiedete er sich und die Regierung von der jahrzehntelangen Scheckbuch-Diplomatie und einem defensiven Pazifismus und stellte die Nation ein auf eine großflächige Wiederbewaffnung der Bundeswehr (inklusive 100 Mrd. Euro Sonderausgaben) und eine neue Ostpolitik. Energiepolitisch erscheint sogar ein Erhalt der drei verbliebenen Atomkraftwerke und der Kohlekraftwerke nicht ausgeschlossen. Was lassen sich aus diesem Musterwechsel für Lehren ziehen? 

1. Wer sich nicht ehrlich macht, wird hart getroffen

Im Nachhinein geben sich viele überrascht. Dass Putin in die Ukraine einmarschiert, hätte man ja nicht ahnen können. Das ist natürlich Unsinn. Spätestens nach der Annexion der Krim 2014 hätte man bei Putin mit allem rechnen müssen. Dann hätten wir sieben, acht Jahre Zeit gehabt, uns ökonomisch unabhängiger von Russland zu machen und die Landesverteidigung zu stärken. Wer sich nicht ehrlich macht, wer den Musterwechsel vielleicht kommen sieht, aber nicht wahrhaben will, der belügt sich selbst und wird hart getroffen. Das sehen wir nun nicht nur im großen Maßstab in der Politik, sondern auch im kleineren Maßstab in der Wirtschaft. Wohl dem Unternehmen, dass seine Lieferanten rechtzeitig diversifiziert und neue Kundengruppen erschlossen hat, die nichts mit Russland und der russischen Einflusssphäre zu tun haben.

2. Eine Idee ohne Fähigkeit ist wenig wert

Schauen wir in die Wirtschaft, heißt es oft: Es fehlen Innovationen oder Ideen. Ich glaube hingegen, wir haben genug gute Ideen. Gute Ideen liegen sozusagen auf der Straße – aber umsetzen muss man sie eben auch. Eine Idee ohne entsprechende Fähigkeiten ist wenig wert. Wenn dann der Musterwechsel mit der Faust an die Tür hämmert, reicht es nicht, ihn wie Olaf Scholz zu verkünden (wobei das natürlich ein Anfang war). Wer sich als Unternehmen den Musterwechseln seiner Branche stellen will, muss in die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter und seines Unternehmens investieren, bevor der Musterwechsel geschieht. Das erfordert einen offenen Blick, Risikobereitschaft und einen gesunden „educated guess“, wie die Engländer sagen. 

3. Wenn du nicht der Fluss sein kannst, sei das Boot

Es gibt in der Wirtschaft einige wenige Unternehmen, die genug Macht haben, in ihrer Branche einen Musterwechsel zu erzeugen, ja sogar anderen Branchen Musterwechsel aufzuzwingen: Tesla etwa oder Apple. Diese Macht haben Unternehmen, gerade in Europa, in der Regel nicht. Daher gilt hier das Sprichwort: Wenn du nicht der Fluss sein kannst, sei das Boot. Nicht nur eine Idee und die dahinterstehende Fähigkeit braucht man für den Musterwechsel, sondern man muss auch sein Umfeld klug nutzen. Selbst ein so potentes Land wie Deutschland kann im aktuellen Fall nicht der Fluss sein; es setzt nicht die Maßstäbe, sondern muss ihnen folgen. Das setzt uns unter enormen Druck. Es ist ein bisschen wie beim Sprung vom Fünf-Meter-Brett: Man steht ganz vorne und kann nicht mehr zurück, weil hinter einem schon die Leute drängeln. Da heißt es: Augen zu und durch. 

Ich fürchte, wir werden uns noch sehr viel mit Musterwechseln beschäftigen. Umso besser müssen wir die Dynamik von Musterwechseln begreifen und anfangen, vorauszuschauen und auch „das Undenkbare denken“. Es ist ein Zeichen unserer Moderne, dass die Grenzen der Realität immer weiter verschoben werden - technologisch, wirtschaftlich, politisch. Um damit Schritt zu halten, brauchen wir alle Mut, Flexibilität und einen wachen Geist.

Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Markus Väth


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