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Lars Vollmer ChatGPT: Was der Chatbot kann – und was er nicht kann

Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor.
Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor.
© André Bakker
ChatGPT schreibt brauchbare Weihnachtsansprachen. Die Künstliche Intelligenz wird deswegen aber nicht die Herrschaft in der Firma übernehmen und Jobs vernichten. Für die Lösung komplexer Probleme braucht es ein Gefühl für die Situation – und die besitzt die Maschine nicht

In der vergangenen Woche war es wieder so weit: Wir hatten unsere Firmenweihnachtsfeier. Da wir eine virtuelle Company sind, verbinden wir das stets mit einem dreitägigen Team-Meeting. Zu dem kommen die Mitarbeiter aus allen Ecken Europas angereist.

Am Vorabend dieses Meetings saßen ich und mein Kompagnon mit unseren beiden IT-Kollegen bei einem Glas guten Wein zusammen: für mich die beste Gelegenheit, nach deren Einschätzung zum neuen Sprachmodell „ChatGPT“ zu fragen. Die Veröffentlichung dieses künstlichen Intelligenz-Agenten hatte wenige Tage zuvor hohe Wellen geschlagen und ich war neugierig, was Spezialisten dazu sagen.

Was mir bei diesem Gespräch einen echten Kick gab, war nicht die Begeisterung, mit der sie antworteten – das hatte ich nach den ersten Medienberichten so erwartet. Es war etwas anderes.

Der ChatGPT-Kick

Die beiden berichteten, dass sie ChatGPT bereits in ihrem Alltag benutzen – wohlgemerkt: nur wenige Tage nach der Veröffentlichung. Sie setzen es für die Fehlersuche in Codes und für kleinere Programmieraufgaben ein. Sie sagen: Was sie vorher eine halbe Stunde Arbeit kostete, dauere jetzt zwei Minuten. Ja, das Ding spucke auch mal Quatsch aus, aber seine Ergebnisse hätten durchaus die Qualität eines Junior-Programmierers. ChatGPT erspare ihnen bereits locker eine Stunde am Tag. Das finde ich bemerkenswert!

ChatGPT ist also in diesem Stadium schon mehr als eine lustige Spielerei – obwohl sich damit auch allerlei Lustiges anfangen lässt.

Die Weihnachtsansprache

Ich habe zum Beispiel spaßeshalber ausprobiert, was ChatGPT ausspuckt, wenn ich eintippe: „Schreibe eine emotionale Weihnachtsansprache an die Belegschaft eines kleinen Bauunternehmens“.

Heraus kam – original und unverändert: „Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, lasst uns das Weihnachtsfest nutzen, um inne zu halten und dankbar zu sein für das, was wir haben. Lasst uns Zeit mit unseren Liebsten verbringen und Kraft tanken für das kommende Jahr. Ich möchte mich bei euch für eure Loyalität und Zusammenarbeit bedanken. Durch eure harte Arbeit und euren Einsatz haben wir es geschafft, das Unternehmen durch diese harte Zeit zu bringen.“

Das klingt doch schon ganz authentisch, oder? Ich wäre sogar so vermessen zu behaupten, dass diese Rede besser ist als die Reden von 80 Prozent aller Firmeninhaber. Die haben einfach andere Talente als das Redenschreiben. Ich finde das auch nicht schlimm, denn danach muss sich die Qualität eines Unternehmers meist nicht bewerten lassen. Doch einmal im Jahr denken sie, dass die Belegschaft von ihnen eine Weihnachtsansprache erwarten (was die auch tut), und es ist halt eben oft grausig, was dabei rumkommt.

Aber ChatGPT kann noch mehr.

Weihnachtssocken oder der Duft von Tannengrün?

Als ich tippte: „Schreibe es lustiger“, erschien umgehend auf dem Bildschirm: „Das Weihnachtsfest steht vor der Tür und ich kann es kaum erwarten, meinen Rentieren die Weihnachtssocken anzuziehen und mich von meinem Weihnachtsmann-Onkel beschenken zu lassen. Aber zuerst einmal: Danke! …“

Und als ich tippte „Schreibe es theatralischer“: „Das Weihnachtsfest naht und ich kann es kaum erwarten, den Duft von Tannengrün und Lebkuchen zu genießen und das Funkeln von Weihnachtsliedern zu bewundern.“

Ist das nicht frappant? Und ich habe noch nicht einmal zehn Sekunden dafür gebraucht. Falls Sie also auf der Fahrt zu Ihrer nächsten Weihnachtsfeier merken sollten, dass Sie noch eine Ansprache brauchen: Kein Problem!

Ich habe das Spiel auch mit Firmen-Leitbildern und Marketingtexten getrieben und die waren genauso austauschbar und glattgebügelt nichtssagend wie die Originale. Klar, es gibt noch Unterschiede gegenüber wirklich gut durchdachten und geschriebenen Texten – aber die müssen Sie erst einmal bemerken. Einer unserer ITler, ein bekennender Fantasy-Fan, hat sich sogar einen ganzen Fantasy-Roman schreiben lassen und fand ihn gar nicht so schlecht.

Eine Frage taucht bei einem solchen erstaunlichen technologischen Fortschritt immer sofort auf: Ist nun der Zeitpunkt gekommen, da die Maschinen den Menschen im Unternehmen ersetzen?

Die Antwort darauf habe ich vor vielleicht fünf Jahren schon mal in ein kleines Video gepackt und ich halte sie nach wie vor für treffend. Sie lautet: Es kommt darauf an.

Nie war die Differenzierung wichtiger als heute

In jedem Unternehmen gibt es zwei Arten von Problemen: die komplizierten und die komplexen.

Kennzeichen der komplexen Problemen ist, dass Sie für deren Lösung ein erprobtes, eingeübtes, relevantes Gefühl brauchen. Das kann die Künstliche Intelligenz nicht leisten – sie hat kein Gefühl für die Situation. Was die KI dagegen unglaublich gut kann, ist, die komplizierten Probleme zu lösen. Dafür braucht sie kein Gefühl, sondern nur eine große Rechenleistung. Auch ChatGPT ändert nichts an dieser Unterscheidung, so genial das Tool auch erscheinen mag.

Tatsächlich wird die Differenzierung dieser beiden Problemarten im Unternehmen durch die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz nur noch wichtiger: Einerseits können Sie dann gezielt mehr und mehr komplizierte Probleme durch die Technologie lösen lassen, was Ihre Effizienz, Produktivität und Qualität steigert.

Andererseits und um überhaupt noch einen Unterschied machen zu können zwischen Ihnen und all den anderen, die alle das gleiche Tool nutzen, brauchen Sie Könner im Unternehmen, die Ihnen zu Ihren komplexen Problemen das relevante Gefühl liefern.

Setzen Sie die Künstliche Intelligenz auf komplexe Probleme an, kommt Unsinn heraus. Lassen Sie Ihre Könner sich an den komplizierten Problemen abarbeiten, ist das Ressourcenverschwendung.

Ihre Aufgabe als Unternehmer ist es daher noch mehr als bisher, eine Organisation zu schaffen, die die Probleme zu differenzieren weiß, und den Könnern die Möglichkeit gibt, ihr Gefühl zum Einsatz zu bringen.

Die weise Botschaft

Ich habe heute morgen übrigens noch einen letzten kleinen Test mit ChatGPT gemacht und der ließ mich ganz besonders schmunzeln.

Mein Befehl an ChatGPT lautete: „Schreibe mir einen Abschluss für die Weihnachtskolumne in einem Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft?“

ChatGPTs Antwort: „Too many requests, please slow down!“

Das ist doch mal eine wunderbare Weihnachtsbotschaft, nicht wahr? In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein geruhsames Fest …

Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor. In seinem Buch „Der Führerfluch – Wie wir unseren fatalen Hang zum Autoritären überwinden“ stellt er den aktuellen Krisen die Idee einer Verantwortungsgesellschaft entgegen.

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