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Chatbot-Revolution Was Sie über ChatGPT wissen müssen

OpenAI wurde einst von Multiunternehmer und Twitter-Eigner Elon Musk mitgegründet
OpenAI wurde einst von Multiunternehmer und Twitter-Eigner Elon Musk mitgegründet
© picture alliance / NurPhoto | Nikolas Kokovlis
Die einst von Elon Musk gegründete Forschungsfirma OpenAI hat einen Chatbot mit bislang ungeahnten Fähigkeiten veröffentlicht. Was kann er? Und welche Produkte und Branchen sind nun bedroht?

Das Ding ist ein Multitalent: Es kann Gedichte schreiben, Fehler in Programmiercodes finden oder Witze erzählen. Oder Hausarbeiten verfassen, Bewerbungen und, ja, offenbar auch Zeitungsartikel. Ja, es macht Fehler. Aber sehr häufig versteht es genau, worum es geht – und liefert passgenaue und bisweilen hochgradig kreative Antworten.

Die Rede ist von einem Chatbot, dessen revolutionäre Fähigkeiten seit Ende letzter Woche im Internet für Furore sorgen: ChatGPT. 

Was ist ChatGPT?

ChatGPT ist der Prototyp eines dialogbasierten Chatbots, der mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) menschliche Sprache versteht und menschenähnliche Texte erzeugen kann. Grundlage des Chatbots ist das Sprachmodell GPT-3 von OpenAI, das wiederum auf der sogenannten Deep-Learning-Technologie basiert. Dabei werden Algorithmen aus mehrschichtigen Netzwerken mithilfe riesiger Datenmengen trainiert – im Fall von ChatGPT Massen von Text aus dem Internet.

Was ist daran so besonders?

Tatsächlich existiert das zugrundeliegende Sprachmodell schon länger – doch bislang hatte die breite Öffentlichkeit darauf keinen Zugriff. ChatGPT hat als Chatbot eine intuitive Nutzeroberfläche, und es beeindruckt Nichtfachleute wie Experten gleichermaßen mit seinen verblüffend guten Aussagen: Meist sinnvolle (oder zumindest plausibel klingende) Antworten zu allen denkbaren Fragen und das außerdem im jeweils gewünschten Schreib- oder Sprachstil – das haben die meisten noch nicht gesehen. Die Urheber des Chatbots betonen allerdings, es handle sich um eine frühe Demoversion, die noch über allerlei Limitierungen verfüge – das macht das Ergebnis aber nur umso eindrucksvoller.

In den massenhaften Beispielen, die in den Tagen nach der ChatGPT-Veröffentlichung die sozialen Medien fluteten, finden sich beachtliche Beispiele: wie der Bot etwa Antworten auf Prüfungsfragen generiert, denen Professoren die volle Punktzahl geben würden; oder wie er in Sekundenschnelle Softwarecode als Antwort auf komplexe Programmieraufgaben schreibt.

Die letzten großen Fortschritte im Feld gab es bei bildgebenden künstlichen Intelligenzen. So sorgte im vergangenen Jahr das ebenfalls von der Organisation OpenAI entwickelte Programm Dall-E für Aufsehen. Als Microsoft im Jahr 2016 einen für damalige Verhältnisse revolutionär anmutenden KI-Chatbot namens Tay vorstellte, driftete der schnell in rassistische Stereotype ab und musste abgeschaltet werden.

Seit ChatGPT am vergangenen Mittwoch live ging, haben sich laut OpenAI-CEO Sam Altman bis heute schon über eine Million Nutzer dafür angemeldet.

Wer ist für den Chatbot verantwortlich?

Die Forschungsfirma OpenAI LP wird von der gleichnamigen Non-Profit-Organisation kontrolliert, zu deren Geldgebern Microsoft und Elon Musk gehören. Musk gründete das Start-up Ende 2015 zusammen mit anderen Silicon-Valley-Investoren mit dem langfristigen Ziel, eine generelle KI auf Open-Source-Basis zu entwickeln, damit „die gesamte Menschheit“ davon profitieren könne, wie es auf der Website heißt. Musk verließ das Unternehmen 2018 und distanzierte sich später davon – ihm lege OpenAI nicht genug Wert auf Transparenz und Technologiesicherheit. Chef des Unternehmens ist Sam Altman, Investor und langjähriger Chef des legendären Silicon-Valley-Accelerators Y Combinator.

Hat ChatGPT ernstzunehmende Konkurrenten?

Nahezu alle großen US-Techkonzerne haben in den vergangenen Jahren kräftig in KI-Forschungsabteilungen investiert. Bei Sprachanwendungen gilt OpenAI jedoch als Vorreiter, etwa auf Augenhöhe mit der britischen Alphabet-Tochter Deepmind.

Im Rennen um die mächtigsten KI-Sprachmodelle gibt es auch einen deutschen Mitbewerber: Das Heidelberger Start-up Aleph Alpha hat im Frühjahr seinen ersten kommerziellen KI-Chatbot Luminous vorgestellt. Seine Fähigkeiten ähneln denen von ChatGPT: Luminous kann Fragen frei beantworten, kreative Schreibaufgaben übernehmen, Texte zusammenfassen und strukturieren, Gefühle erkennen sowie Witze und Bilder erklären.

Laut Gründer Jonas Andrulis sei das deutsche Sprachmodell jedoch noch nicht auf der Höhe der amerikanischen Konkurrenz. Das zeigen auch die Zahlen: Luminous basiert auf einem Sprachmodell mit 70 bis 80 Milliarden Parameter, das OpenAI-Modell läuft hingegen auf 175 Milliarden Parametern. „Den aktuellen Stand der OpenAI-Technik GPT-3 nachzubauen ist an sich nicht sehr schwer. Aber es kostet sicherlich fünf bis 20 Millionen Euro – ohne Ausgaben für die Daten“, sagt Andrulis dem „Handelsblatt“. Denn um die Modelle mit vielen Parametern zu trainieren, braucht man enorme Rechenkapazitäten – und die sind teuer.

Welche Anwendungen sind für ChatGPT denkbar? Und wer braucht jetzt noch Google?

Aus den erstaunlichen Fähigkeiten dieser frühen Version von ChatGPT lassen sich schon eine ganze Reihe von möglichen Anwendungsmöglichkeiten ableiten. Ob das heißt, dass die Existenz bestimmter Tätigkeiten oder Professionen von der KI bedroht sind oder ob Menschen in diesen Feldern einfach nur maschinelle Unterstützung zur Erledigung bestimmter Aufgaben bekommen, lässt sich heute nicht sagen. Aber man kann sich durchaus vorstellen, dass etwa Inhalte für Websites oder Kundenkontakte von der Technologie effizienter geleistet werden können. Dass Drehbuchautoren, Journalisten oder Gagschreiber auch um ihren Job fürchten müssen, ist deutlich weniger wahrscheinlich. Aber Unterstützung beim Schreiben von Programmiercode oder dem Verfassen von Behördenbriefen oder Bewerbungsschreiben ist definitiv denkbar und absehbar. 

Es darf damit gerechnet werden, dass auf Grundlage der Technologie eine ganze Reihe neuer Produkte und Geschäftsmodelle entstehen werden – und dass einige traditionelle obsolet werden. Manch einer stellt sich bereits die Frage, ob es die Google-Suche noch brauchen wird. Tatsächlich zeigt ChatGPT in vielen Fällen seine Überlegenheit. Aber Google ist natürlich längst mehr als die reine Suche. Und vielleicht wird der Effekt eher sein, dass sich Google anpasst und die neue Technologie aufnimmt: sodass die Suche noch mehr KI-gesteuert sein wird, mit mehr Kontextverständnis möglich ist und weniger reiner Keyword-Suche.

Ein mögliches zeitnahes Opfer könnte aber die Entwicklerplattform Stack Overflow sein – hier geben sich Programmierer Hilfestellung bei Problemen mit ihrem Code. Gut möglich, dass ChatGPT bei der Fehlersuche bald die menschlichen Fachkollegen übertrumpfen wird.

Wo stößt der Chatbot an seine Grenzen?

Bei allen inhaltlichen, formalen und kreativen Leistungen – ChatGPT weist noch einige bedeutende Defizite auf. So fehlt dem Chatbot im Vergleich etwa zu einem menschlichen Journalisten die Fähigkeit zum Hinterfragen, zu kritischen Gedanken – die vermeintlich journalistischen Artikel, die der Bot ausspuckt, lesen sich eher wie PR-Texte. Die Wissensbasis des Bots geht bislang nur bis zum Jahr 2021, weswegen er Fragen zu aktuellen Geschehnissen nicht beantworten kann. Und gar nicht selten ist der Fall, dass ChatGPT stolz Antworten liefert, die aber nachweislich falsch sind – und das Programm kann auch keinen Hinweis liefern, dass es sich möglicherweise nicht ganz sicher ist. Diesen Fehler zu beheben, sei schwierig, sagen die Erschaffer des Bots – weil es in den Trainingsdaten der KI „keine Quelle der Wahrheit“ gebe.

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