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Ardern-Rücktritt „Das klingt vielleicht provokant: Die eigene Person kommt immer zuerst“

Jacinda Ardern
Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern bei ihrer Rücktrittserklärung
© Warren Buckland / picture alliance/AP
War es ein Zeichen der Schwäche oder der Stärke? Der Rücktritt von Jacinda Ardern hat eine Debatte über Führungsstärke ausgelöst. Management-Coach Susanne Schwerdtfeger erklärt, was moderne Führungskräfte brauchen und wann es Zeit ist, die Reißleine zu ziehen

CAPITAL: Ist es als Chef oder Chefin klug aufzuhören, wenn man zu viel Druck verspürt – oder ist es eher ein Zeichen der Schwäche?
SUSANNE SCHWERDTFEGER: Führung abzugeben, um die eigene Lebensqualität zu erhöhen, ist ein Zeichen von Stärke. Menschen in so einer Position müssen sich 24 Stunden am Tag gedanklich mit ihrer Arbeit beschäftigen und sehen ihre Familie oft nur selten. Wenn ich diesen Preis nicht mehr zahlen will, ist es klug, sich zurückzuziehen.

Jacinda Ardern hat ihre Entscheidung damit begründet, „nicht mehr genug im Tank“ zu haben und mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen zu wollen. Aber auch die Kritik an ihrer Politik hat in den letzten Monaten zugenommen. Überdeckt die „Menschlichkeit“ ihres Rücktritts vielleicht den eigentlichen Grund?
Die genauen Hintergründe kenne ich natürlich nicht. Prinzipiell sollte man sich aber gut überlegen, wie man so eine Entscheidung begründet. Allein zu sagen „Ich kann nicht mehr“, halte ich nicht für klug. Das wirft genau diese kritischen Fragen an der eigenen Person auf und überstrahlt die Menschlichkeit, die man eigentlich zeigen will. Ich empfehle, es positiv zu formulieren. Sein Leben anders gestalten zu wollen, ist ein völlig legitimer Grund.

Ein Rücktritt hat sofort Auswirkungen für das Umfeld, das Team, das Unternehmen oder im Fall von Jacinda Ardern für ein ganzes Land. Wann ist die eigene Person wichtiger als das Drumherum?
Die eigene Person kommt immer zuerst. Das klingt vielleicht provokant, aber wenn ich nicht mehr leistungsfähig bin oder mich für meine Position nicht mehr stark genug fühle, hat das Konsequenzen. Meine Mitarbeiter können Probleme nach außen tragen, was schlecht auf das Unternehmen zurückreflektiert. Oder im Fall einer Regierung ist sogar die ganze Bevölkerung unzufrieden. Wenn ich Symptome bei mir erkenne, zum Beispiel dass mir keine Ideen mehr kommen oder es mir schlecht geht, muss ich als erstes bei mir selbst etwas verändern.  

Sind Politik und Topmanagement vielleicht einfach nicht der richtige Ort für Leute, die mit zu viel Gegenwind nicht umgehen können? Es heißt ja nicht umsonst im Englischen: „If you can’t stand the heat, get ouf the kitchen."
Ja, ganz klar.

Dann war Frau Ardern die falsche Frau im falschen Job?
Nein, das glaube ich nicht. Sie hat ihr Land fünf Jahre gut geführt. Aber sie wurde nicht nur für ihre Leistungen kritisiert, sondern wohl auch persönlich angegriffen. Hier „auszusteigen“, um sich selbst und seine Familie zu schützen, halte ich für eine Stärke. Das hat für mich gar nichts mit ungeeignet für diesen Job zu tun.

Wie geht man als Führungskraft richtig mit einer Drucksituation um?
Grundsätzlich sollte man zuerst herausfinden, was genau den Druck auslöst. Fühle ich mich innerlich schwach oder habe ich vielleicht nicht die nötige Fachkompetenz für die Situation? Hier kann man oft schon Entlastung schaffen, indem man sich weiterbildet. Noch wichtiger ist aber, sich vorher klar zu werden, was das Bekleiden einer Führungsposition bedeutet und Strategien zu haben, um unter Druck resilient zu bleiben.

Wie könnte so eine Strategie aussehen?
Das ist sehr individuell, weil es dabei auf die Persönlichkeit ankommt. Aber ein gutes Selbst- und Zeitmanagement sollte jeder haben. Das bedeutet, seinen Alltag aktiv gestalten und nicht ständig nur auf irgendwelche äußeren Dinge reagieren. Nein sagen gehört auch dazu und das kann man üben.

Macht es einen Unterschied, ob Druck von innen oder von außen kommt?
Bei Druck von innen kann man mit einem Coach zusammenarbeiten oder sich in Unternehmen mit Gleichgesinnten austauschen. Aber in der Politik hört das irgendwann auf, weil man die Meinung der Öffentlichkeit und bei Social Media kaum beeinflussen kann. Mir muss klar sein, ob ich mich auf dieses Spiel einlassen will.

Unternehmen und Politik unterscheiden sich also beim Grad der Selbstbestimmung?
In Unternehmen hat man definitiv mehr Einflussmöglichkeiten, weil es einen direkten Ansprechpartner gibt. Wenn ich Änderungsvorschläge habe, kann ich die leichter umsetzen. Politiker sind in meiner Wahrnehmung mehr von außen getrieben und reagieren nur. Für eine Führungskraft ist das eher schlecht.

Arderns Schritt ist umso erstaunlicher, weil sie eine steile Politikkarriere hingelegt hat. Können schnelle Aufstiege Ihrer Erfahrung nach auch gefährlich sein?
Auf jeden Fall ist schneller Erfolg mit sehr großem Stress verbunden. Um nach ganz oben zu kommen, muss man immer wieder Zwischenziele erreichen und jahrelang hundert Prozent geben. Darunter leiden natürlich Familie und Privatleben.

Ist es für Führungspersonen denn heutzutage wirklich noch ungewöhnlich Schwäche zu zeigen?
Ja, leider. Unsere Gesellschaft neigt immer noch dazu „draufzuhauen“, wenn jemand Schwäche zeigt.

Sie meinen, den Druck noch zu erhöhen?
Genau. Ich glaube, das hat mit den männlichen Mustern der Vergangenheit zu tun. „Mann“ zeigt keine Schwäche, obwohl meiner Erfahrung nach viele darunter leiden. Frauen, die ja zum Glück immer häufiger in Führungspositionen kommen, meinen oft noch, sich an die alten „männlichen Spielregeln“ halten zu müssen, damit sie sich behaupten können. Unterm Strich macht das das Führen unmenschlich.

Gibt es denn etwas, das sich im Führungsverständnis positiv verändert?
So dominant und von herab wie früher kann man heute nicht mehr führen. Viele Unternehmen sind schon dabei, diese Hierarchien abzubauen. Die nächsten Generationen muss man zwar auch noch motivieren und steuern, aber einen Befehlston von oben lassen die sich nicht mehr gefallen.

Ihr Motto als Führungskräfte-Coach ist auch: „Es gibt immer eine Lösung.“ Wann ist ein Rücktritt die richtige Lösung?
Wenn ich für mich als Führungskraft merke, mir schadet meine Rolle. Es gibt immer Phasen, in denen der Druck besonders groß ist und wo ich mehr arbeiten muss. Wenn die zum Dauerzustand werden, muss man sich zurückziehen.

Welche Kosten muss man einkalkulieren? 
Auf der einen Seite die finanziellen, also weniger Geld zu verdienen. Auf der anderen Seite kann ich dann nicht mehr an wichtigen Entscheidungen teilnehmen. Viele machen diesen Job auch, weil sie etwas verändern wollen und diese Macht habe ich dann nicht mehr.

Susanne Schwerdtfeger ist seit über zwanzig Jahren Coach und Mentorin für Führungskräfte in Oldenburg. Davor hat sie selbst im Management eines internationalen Unternehmens gearbeitet. Im mvg Verlag sind ihre drei Fachbücher zu den Themen Führungsfallen und Work-Life-Balance erschienen.

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