AktienWarum Unternehmen ihre Aktien zurückkaufen

Aktienrückkäufe: Manchmalsorgen sie nur für ein kurzen Ausschlag nach oben
Aktienrückkäufe: Manchmal sorgen sie nur für ein kurzen Ausschlag nach obenGetty Images

Nach Tagen voller schlechten Nachrichten sollte es der Befreiungsschlag sein. Am vergangenen Freitag kündigte der Zahlungsdienstleister Wirecard an, eigene Aktien im Wert von bis zu 200 Mio. Euro zurückzukaufen. Das Programm solle „in den nächsten Tagen“ starten und dann für zwölf Monate laufen, teilte das Unternehmen aus Aschheim bei München mit. Vier Tage zuvor war die Wirecard-Aktie nach erneuten kritischen Berichten der britischen Zeitung „Financial Times“ (FT) eingebrochen und büßte zeitweise mehr als ein Viertel ihres Börsenwerts ein. Die Zeitung wirft dem Unternehmen vor, Bilanzen bei Tochterunternehmen in Dubai und Irland manipuliert zu haben. Wirecard bestreitet das.

Wenn Unternehmen in Krisenzeiten ihre eigenen Aktien zurückkaufen, dann ist die Botschaft klar: Der Vorstand will zeigen, dass er an die Zukunft des Unternehmens glaubt und die aktuelle Bewertung als zu niedrig empfindet. Aktienrückkäufe sind eine Art Versprechen an Investoren, dass an schlechten Nachrichten nichts dran ist und es sich lohnt, die Anteilsscheine weiter zu halten.

Bei Wirecard ging das Kalkül nicht auf

In guten Zeiten verkaufen Unternehmen die Programme zudem gerne als Geschenk an ihre Aktionäre. Denn Aktienrückkäufe wirken meist unmittelbar auf den Kurs: „Wenn ein Unternehmen einen Aktienrückkauf durchführt, sinkt die Zahl der am Markt ausstehenden Aktien, der Gewinn pro Aktie steigt“, schreibt Union Investment in einer Analyse. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) sinkt also, die Aktie scheint günstiger bewertet. Zudem dürfen die neuen Anteilseigner höhere Dividenden erwarten, weil sich zukünftige Ausschüttungen fortan auf weniger Papiere verteilen. Auch das macht die Aktie attraktiver und lockt Käufer. Meist zieht der Aktienkurs deshalb nach der Ankündigung eines Rückkaufsprogramms an.

Bei Wirecard ging dieses Kalkül nur zum Teil auf: Zwar stieg der Aktienkurs tatsächlich etwas an – der Effekt war aber nicht stark genug, um die Zweifel der Anleger im Bilanz-Krimi aufzuwiegen. Nach einem Hüpfer nach oben setzte das Papier noch am gleichen Tag seine Talfahrt fort.

Wirecard Aktie

Wirecard Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Eine ähnliche Erfahrung machte auch der Lebensmittelkonzern Nestlé, der in der vergangenen Woche ebenfalls ein milliardenschweres Rückkaufprogramm ankündigte. Die Nestlé-Aktie beendete den Tag nach der Ankündigung mit einem Minus von einem Prozent. Die Aktie des Medizintechnik-Herstellers Drägerwerk dagegen legte zeitweise sogar um neun Prozent zu, nachdem das Unternehmen vor einigen Wochen verkündete, in der ersten Novemberhälfte knapp acht Prozent aller Aktien am Markt zurückzukaufen.

Aktienrückkäufe können auch nach hinten losgehen

Die Beispiele zeigen: Aktienrückkäufe sind nicht per se ein Garant für steigende Kurse. Ebenso wenig sind sie für Investoren automatisch ein Grund zur Freude, warnen Experten. Anleger sollten die Motive der Unternehmen kritisch hinterfragen. Lief das Geschäft wirklich so gut wie behauptet oder will das Management nur die Zahlen schönen, womöglich sogar aus Eigeninteresse? „Häufig hält die Führungsriege selbst Aktien oder wird durch entsprechende Optionen vergütet, profitiert also von Aktienrückkäufen“, erklären die Union-Investment-Experten. Zudem sollten sich Investoren fragen, warum der Konzern das Geld ausschüttet und nicht investiert. Mangelt es an Kreativität für neue Ideen? „Das sollte hellhörig machen, da das Unternehmen offensichtlich nur begrenzte Wachstumsperspektiven bietet.“

Aktienrückkäufe können Unternehmen auch zum Verhängnis werden. Denn ein lohnendes Geschäft ist der Rückkauf nur dann, wenn die Kurse auch wie erwartet steigen. Fallen die Kurse dagegen, verbrennt der Konzern Geld. Das zeigt das Beispiel Covestro. Der Werkstoffhersteller kaufte seit November 2017 eigene Aktien im Wert von knapp 1,5 Milliarden Euro zurück, um „Wert für unsere Aktionäre zu schaffen“, wie Finanzvorstand Thomas Toepfer damals mitteilte. Inzwischen dümpeln die Aktien bei 45 Euro herum – rund 45 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Ob Wirecard ein ähnliches Schicksal erwartet, bleibt offen. Vor Kurzem kündigte das Unternehmen an, die Betrugsvorwürfe extern prüfen zu lassen. Für die Aktie ging es daraufhin um sieben Prozent nach oben.