KolumneWarum Industrieaktien in einer Baisse stecken

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Es lässt sich nicht länger leugnen: Zahlreiche Aktien aus dem Industriesektor befinden sich in einer Baisse. Dividendentitel aus den Sektoren Automobil, Maschinenbau und Chemie stehen seit geraumer Zeit unter Abgabedruck an der Börse. Nicht wenige Titel haben 40 Prozent oder sogar mehr als die Hälfte ihres Kurswertes seit ihrem Höchststand verloren. Als Beispiele lassen sich Siemens, Daimler, BMW, ABB, Andritz, Krones, Heidelberger Druck, BASF, Covestro, Renault, Thyssenkrupp, Arcelor Mittal, Schaeffler, Continental, De‘Longhi, Norma, Dürr, König & Bauer, Arkema, Fiat Chrysler nennen. Mittlerweile notieren etliche der genannten Aktien auf Mehrjahrestiefständen.

BASF Aktie

BASF Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Offenbar preist die Börse einen rezessiven Wirtschaftsverlauf im verarbeitenden Gewerbe in die Börsenkurse ein. Selbst die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank hat die Baisse in diesen Branchen nicht aufhalten können. Daran lässt sich erkennen, dass die Profitabilitätsentwicklung der wichtigste Einzelfaktor bei Aktienanlagen ist. Und gerade bei der Profitabilität hapert es mächtig. Verglichen mit amerikanischen Unternehmen fällt stets auf, um wieviel höher die Gewinnrenditen in den USA liegen. Geringe Profitabilität führt aber im Laufe der Zeit zu Wettbewerbsnachteilen gegenüber Unternehmen, die strukturell höhere Gewinne erzielen.

Freilich könnten die vom Kursverfall betroffenen europäischen Unternehmen sich in Sachen Kapitalallokation eine Scheibe von ihren amerikanischen Wettbewerbern abschneiden und bei zu starker Unterbewertung eigene Aktien zurückkaufen; sogar mit geliehenem billigen Geld. Aber der Alten Welt fehlt der Optimismus Amerikas und lässt Aktienrückkäufe als kluges Instrument der Kapitalallokation lieber unbeachtet.

Aktien statt Anleihen kaufen

Vielleicht wäre es angesichts der schwachen Kursentwicklungen bei Industriewerten klug, die Quantitative-Easing-Politik der EZB dahingehend zu modifizieren, nunmehr Aktien anstatt Staatsanleihen zu kaufen. An Vorbildern fehlt es nicht, denn sowohl die Schweizerische als auch die japanische Notenbank verfolgen eben dieses Vorgehen seit Jahren. Und die Logik spricht für ein solches Handeln, denn beim Kauf von Bundesanleihen muss die Notenbank die Bundesrepublik dafür bezahlen, dass sie deren Schulden hält. Bei zyklischen Aktien sieht die Sache wesentlich attraktiver aus, denn diese weisen im Schnitt Dividendenrenditen von circa drei Prozent auf. Überhaupt ist auffällig, dass positive Zinskupons seltener werden und Einkommensjäger sich zunehmend zu Aktienanlagen hinwenden müssen.

Übrigens ist das Bild in Japan dem europäischen und deutschen Befund recht ähnlich. An der Tokioter Börse kamen Aktien aus den klassischen Branchen zuletzt kräftig unter die Räder, und der Nikkei Index musste seine im Jahresverlauf erzielten Zuwächse weitgehend wieder abgeben. Etablierte Titel aus dem Chemiesektor gerieten besonders ins Straucheln. Abschläge von 50 Prozent zu den vormaligen Hochs sind keine Seltenheit. Hinzu tritt die japanische Besonderheit, Kassenbestände in den Bilanzen trotz Negativzinsen zu horten. Vorgewarnt durch die Implosion des Nikkei Ende der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts, ziehen es viele japanische Unternehmen vor, ungeachtet der Dauerniedrigzinspolitik hohe Kassenbestände zu halten. Diese Fehlallokation der Ressourcen trägt dazu bei, dass die Bewertung etlicher japanischer Aktien im Vergleich zu ihren amerikanischen Pendants nachgerade lachhaft günstig wirkt.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns