Christoph Bruns Ukraine-Krieg läutet Dax-Baisse ein

Christoph Bruns
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© Lyndon French
Der Dax ist auf breiter Front eingebrochen – und ein Ende der Baisse ist nicht in Sicht. Für Anleger bedeutet das in nächster Zeit: Sie brauchen Stehvermögen und Frustrationstoleranz

Der russische Überfall auf die Ukraine hat den deutschen Aktienindex Dax in eine Baisse getrieben. Seit seinem Höchststand von Anfang Januar hat der deutsche Leitindex inzwischen mehr als 20 Prozent abgeben. Obwohl der Abschwung breit ausgefallen ist, wurden einige Branchen besonders stark in den Abwärtsstrudel gerissen. In der Automobilindustrie verschärft sich durch den Krieg in der Ukraine der Mangel an Vorprodukten. Die beschlossenen Sanktionen lassen das Russland-Geschäft wegbrechen.

Finanzwerte, die noch vor wenigen Wochen auf bessere Geschäfte durch eine im Raum stehende Zinswende hoffen durften, kamen unter heftigen Abgabedruck. Die Aktie der Deutschen Bank musste ihre satten Zuwächse nach erfolgreicher Sanierung komplett abgeben und notiert nunmehr ca. 40 Prozent unter ihren jüngsten Höchstständen. Kaum besser erging es der Commerzbank, die nach wie vor am Staatszügel hängt. Dabei gehört die Deutsche Bank dem Vernehmen nach nicht zu den am stärksten von den Sanktionen gegen Russland betroffenen Instituten. Hier dürften Société Générale, Unicredit, Raiffeisen International und Citigroup in der ersten Reihe der Betroffenen stehen. Auch die Allianz-Aktie musste Federn lassen, wobei in diesem Fall eine Rückstellung für Schadenersatz an Kunden in den USA für getrübte Stimmung sorgte.

Die Dax-Novizen Hellofresh und Delivery Hero wurden kräftig ins Gebet genommen, obwohl ihre Geschäfte kaum von den kriegerischen Entwicklungen in Osteuropa tangiert sein dürften. Eher dürfte die der Pandemie zugeschriebene Sonderkonjunktur ihrem Ende entgegengehen. Delivery Hero hat sich in den letzten Wochen halbiert und fährt nach wie vor keine Gewinne ein.

Auffällig schwach ist seit Jahresbeginn auch die Kursentwicklung bei der Deutschen Post. Der Logistikkonzern bedient verschiedene Marktsegmente und sollte das Ende der pandemischen Sonderkonjunktur mit einiger Gelassenheit verdauen können. Immerhin ist aber zu beobachten, dass der Onlinehandel an Wachstumsdynamik einbüßt. Die Kursentwicklung bei Zalando und Global Fashion Group reflektiert diese Entwicklung.

Gleichwohl sind nicht alle Dax-Aktien in der Baisse. Bayer, MTU und RWE konnten seit Jahresbeginn sogar zulegen.

Aktienanleger wissen um die Gefahr auftretender Krisen und Kurseinbrüche. Seit Beginn des Jahrhunderts hat es – angefangen mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 – mehrere schwere Krisen gegeben. Man denke etwa an die Subprime-Krise 2008 und die Euro-Rettung 2011. Es folgte die Coronapandemie und nun der Überfall Russlands auf die Ukraine. Jeweils erholten sich die Aktienkurse, nachdem sie während der Krise erheblich gefallen waren.

 Heute ist noch zu früh, ein Ende der Kriegshandlungen absehen zu können. Wladimir Putin benötigt einen militärischen Erfolg, um seine Macht zu festigen. Er wird wissen, dass Niederlagen auf dem Schlachtfeld oft zu Umstürzen führen. Die verlorene Schlacht bei Tannenberg im Herbst 1914 führte zur Abdankung des Zaren und zur Oktoberrevolution. Ebenso wenig hat die deutsche Hohenzollernmonarchie die Niederlage des ersten Weltkriegs überlebt. Ein gesichtswahrendes Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine ist derzeit für Putin kaum vorstellbar. Durchaus denkbar ist sogar eine Eskalation des Konfliktes. Ob die Russen den Willen und die Kraft haben, sich von innen von Putin zu befreien, erscheint heute eher unwahrscheinlich.

Aktieninvestoren werden Stehvermögen und Frustrationstoleranz aufbringen müssen. Wer aber die Weitsicht hat zu fragen, was in fünf Jahren sein wird, der dürfte in der Börsenbaisse manch interessante Möglichkeiten erkennen.


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