KolumneEin Kleingärtnerverein namens Wirecard

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Arroganz ist der denkbar schlechteste Ratgeber, wenn ein Unternehmen in die öffentliche Kritik gerät. Im Aufsichtsrat der Wirecard AG ist diese alte Erkenntnis aber offenbar noch nicht angekommen. Auf die neusten Vorwürfe der Bilanztrickserei in der britischen „Financial Times“ reagiert Aufsichtsratschef Wulf Matthias mit den Worten, man habe bei Wirecard andere Dinge zu tun, als jeden Tag die „endlosen Geschichten“ über das Unternehmen zu lesen. Eine dümmere Antwort kann man sich nur schwer ausdenken.

Wulfs Vogel-Strauß-Prinzip bestätigt ein Kommunikationsverhalten, das ein wenig an einen Kleingärtnerverein erinnert. Seit vergangenen Freitag steht die Meldung im Raum, Wirecard überlege die Einschaltung eines Sonderprüfers, um die schweren Vorwürfe zu widerlegen. Die Antwort des Unternehmens? Zunächst Schweigen im Walde, dann Wulfs Worte, auf den ersten Blick sei keine Sonderprüfung notwendig, da die Abschlussprüfer von EY ordentliche Arbeit machten. Ein klares Dementi sieht irgendwie anders aus.

Der Aufsichtsrat ist überfordert

Vorstand und Aufsichtsrat von Wirecard bringen sogar das Kunststück fertig, freudige Nachrichten für ihre gebeutelten Aktionäre in eine Kommunikationsfiasko zu verwandeln. Der Zahlungsdienstleister kündigt einen Aktienrückkauf an (immerhin bis zu 200 Mio. Euro), aber die Aktie schmiert ab. Der Grund: Viele Aktionäre halten die Aktion für einen verzweifelten Versuch, von den Bilanzproblemen des Konzerns abzulenken.

Erst in der Krise zeigt sich für gewöhnlich, ob an der Spitze eines Konzerns wirklich fähige Manager stehen oder nicht. Über sehr viele Jahre galt Wirecard als absolute Erfolgsgeschichte, Vorstandschef Markus Braun als eine Art von Finanzvisionär. Die Besetzung des Aufsichtsrats, die arg nach Kumpanei roch, sorgte allerdings schon früh für viele Fragen. Einige neue Leute in dem Gremium haben an der Grundfrage nicht viel geändert: Ist der Aufsichtsrat mit Leuten besetzt, die nach Erfahrung und Expertise in der Lage sind, einen Dax-30-Konzern zu beaufsichtigen? Die Antwort kann nach den Erfahrungen der letzten Monate nur lauten: Leider nein.

Wirecard ist kein Start-up mehr

Noch ist keineswegs bewiesen, dass sich Wirecard der Bilanzfälschung schuldig gemacht hat. Wer tiefer bohrt wie die Journalisten der „Financial Times“ stößt jedoch immer wieder auf Widersprüche und Ungereimtheiten. Jüngstes Beispiel: Die angebliche Großkunden von Wirecard, die man erst einzeln nennt, dann aber als bloße Beispiel für eine ganze Gruppe von Unternehmen hinstellt. Wirecard gibt dabei immer nur das zu, was man beweisen kann – und nährt gerade durch dieses Verhalten die Skepsis in der Öffentlichkeit.

Das Versprechen, für mehr Transparenz zu sorgen in einem extrem verschachtelten Geschäftsmodell, löst Wirecard bisher nicht ein. Vorstand und Aufsichtsrat begreifen nicht, dass man als Dax-30-Konzern nicht mehr agieren kann wie ein Start-up, dem man in der Regel vieles nachsieht. Momentan gibt es nichts Wichtigeres für die Spitze des Unternehmens, als alle Vorwürfe endgültig auszuräumen und sich transparenter als bisher aufzustellen. Aufsichtsratschef Wulf zeigt, dass er genau das nicht begriffen hat.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.